Jonas - Stell Dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin!

Christian Ulmen muss wieder zur Schule gehen. Seine neueste Kunstfigur ist ein 18-jähriger Mehrfachsitzenbleiber.

Jonas 6

In der Abrahams/Zucker/Zucker-Komödie Top Secret (1984) gibt es eine Szene, in der der fälschlicherweise für einen Agenten gehaltene US-Rockstar Nick Rivers von ostdeutschen Soldaten gefoltert und dabei ohnmächtig wird. In der folgenden kurzen Traumsequenz geht er immer noch zur Schule. Wieder erwacht, stellt er angesichts der ihn gerade auspeitschenden Folterknechte erleichtert lächelnd fest, dass es sich bei der Rückkehr in die Schule nur um einen Albtraum handelte. Auch zu Christian Ulmens Albtraum-Motiven gehören angeblich Begebenheiten aus seiner Schulzeit. Für sein neuestes Projekt musste er eben diese Zeit noch einmal durchleben. Er spielt einen 18-Jährigen namens Jonas, der als Neuzugang an einer brandenburgischen Gesamtschule seine letzte Chance auf einen Abschluss erhält.

Ulmen war in den letzten Jahren recht häufig auf der Kinoleinwand zu sehen (z.B. FC Venus (2006), Männerherzen 1 und 2 (2009 und 2011) oder Jerry Cotton (2010)). Die Filme, in denen er mitwirkte, stießen bei der Kritik allerdings meist auf keine positive Resonanz. Anders verhält es sich jedoch mit seinen für das Fernsehen und Internet durchgeführten „Sozialexperimenten“. Bei MTV zog Ulmen samt versteckter Kamera durch die Straßen und irritierte oder provozierte zufällig ausgewählte Passanten durch seine Aktionen jenseits üblicher Verhaltensnormen. In der Fernsehserie Mein neuer Freund brachte er die Kandidaten teilweise an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Wenn Ulmen sein Gegenüber reizt und manipuliert, geht es nicht ausschließlich darum, den anderen vorzuführen. Es wird vielmehr vor Augen geführt, wie erfolgreiches gesellschaftliches Handeln an die Einhaltung verinnerlichter sozialer Normen gebunden ist. Was passiert, wenn dies nicht geschieht, testet Ulmen für den Zuschauer aus, der sich das im Alltag nicht erlauben sollte.

Jonas 11

Unter der Regie von Robert Wilde werden in dem Film Jonas beide Zweige der Schauspieltätigkeit Ulmens zusammengeführt, indem zum ersten Mal eines dieser Experimente - so wird der Film im Vorspann explizit angekündigt – im Kino zu sehen ist. Dass es Ulmen, Jahrgang 1975, erfolgreich gelingt, hierfür einen 18-Jährigen zu mimen, erstaunt nur auf den ersten Blick. Wie die Beispiele Uwe Wöllner oder Alexander von Eich gezeigt haben, verfügt Ulmen über ein umfangreiches Darstellungsspektrum an Kunstfiguren, innerhalb dessen er die verschiedensten Habitus zu übernehmen vermag und dennoch dabei stets seinen ganz eigenen, charakteristischen Humor bewahrt. Täglich mehrere Stunden in der Maske tun das Übrige.

Jonas 12

Sechs Wochen lang musste Ulmen sich als Schüler ausgeben. Auch nach der Schule war er als Jonas unterwegs, etwa bei einem Besäufnis auf einem Parkplatz oder in der Mathe-Lerngruppe. Allerdings weiß man nie so recht, ob der Film quasi-dokumentarisch oder doch lieber spielfilmähnlich funktionieren will. Die Aufnahmen wurden keineswegs geheim gehalten. Das Kamerateam bewegte sich offen zwischen den Schülern und Lehrern, die in dem Glauben, es handele sich um eine weitere Reality-TV-Produktion, über die wahre Identität von Jonas im Dunkeln gelassen wurden. So gewährt der Film tatsächlich interessante Einblicke in das heutige Schulleben, das sich von dem früherer Generationen nicht allzu sehr unterscheidet. Wenn Jonas etwa an der Tafel Logarithmusgleichungen vorrechnen muss, bietet seine aufkommende Verlegenheit sicherlich eine generationsübergreifende Identifikationsfläche.

Jonas 2

Fluchtpunkt des Dokumentierten ist nicht ausschließlich Jonas. Wenn sich die Schüler etwa bei der Erdkundelehrerin über die unfaire Benotung beschweren, ist Ulmen zwar anwesend, aber an der Diskussion nicht beteiligt. In den Szenen, in denen er wiederum als Motor des Geschehens fungiert, verhält er sich nie so radikal, wie man es bisher von ihm gewohnt ist. Seinen üblichen Konfrontationskurs ersetzt er durch ein eher harmonisches und letztlich integrationswilliges Handeln. Einzig in den Begegnungen mit dem Schulleiter, die auch die amüsantesten Momente des Films sind, scheinen Elemente seines sonstigen Irritationspotenzials durch.

Auf der anderen Seite wirken zu viele Szenen zu gestellt, als dass man sich der Illusion hingeben könnte, alle Beteiligten reagierten lediglich auf Ulmens Aktionen. Die meisten Unterhaltungen werden nicht aus der Distanz beobachtet, sondern im Schuss-Gegenschuss-Verfahren präsentiert. Manche Momente erinnern sogar etwas an die ProSieben-Produktion Die Abschlussklasse (2003–2006). Auch wurden einige Elemente offenkundig bewusst inszeniert, um dem Film einen roten Faden zu verleihen. So „verliebt“ sich Jonas in die Musiklehrerin und organisiert vorgeblich, um sie zu beeindrucken, eine Schülerband, die sich schließlich zu einem ganzen Orchester entwickelt und den Film mit einem Live-Konzert furios ausklingen lässt.

Jonas 1

Jonas wandelt den Albtraum, wieder in die Schule gehen zu müssen – den außer Christian Ulmen und Nick Rivers sicherlich auch andere kennen – für den Zuschauer zu einem insgesamt vergnüglichen Erlebnis. Aber gerade für die Fans von Ulmens „Sozialexperimenten“, die vermutlich die Hauptzielgruppe dieses Films ausmachen, ist das Ergebnis doch etwas harmlos und geradlinig ausgefallen.

Trailer zu „Jonas - Stell Dir vor, es ist Schule und du musst wieder hin! “


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.