Johnny zieht in den Krieg
Ein Mann liegt abgeschnitten von der Außenwelt in einem Militärkrankenhaus. Nahezu unfähig, körperlich zu empfinden oder sich zu bewegen, wird er mit seinen Gedanken alleine gelassen. Dalton Trumbos einzige Regiearbeit vermag auch nach über 30 Jahren noch, den Zuschauer zu verstören.

Der Vorspann wird mit einem stark rhythmusbetonten Militärmarsch unterlegt. Zum harten, synkopischen Takt der Musik werden historische Aufnahmen aus der Zeit vor und während dem ersten Weltkrieg hintereinander montiert: Bilder des Deutschen Kaisers, der Ermordung des österreichischen Tronfolgers, dann die Mobilmachung der amerikanischen Truppen. Ganz zum Schluss, vor dem Abspann, wird eine Texteinblendung die exorbitant hohe Zahl der Kriegsopfer weltweit seit dem Jahr 1918 vermerken. Zu Beginn und am Ende von Johnny zieht in den Krieg (Johnny Got His Gun) vermitteln geschichtliche Fakten und Bilddokumente den Bezug zur historischen Wirklichkeit. Doch der wahre Horror liegt in den gut 110 Minuten dazwischen.
Joe Bonham (Timothy Bottoms) wird schwer verletzt in ein geheimes Militärkrankenhaus transportiert. In einem kargen, anfangs selbst von der geringsten Sonneneinstrahlung abgeschirmten Raum liegt der ehemalige Soldat und stellt nach und nach fest, dass ihm nicht nur Arme und Beine, sondern auch alle Gesichtsorgane amputiert wurden. Ernährt wird er über Schläuche, sein Gesicht und die Überreste seines Körpers werden verdeckt, um den Pflegekräften und Ärzten den grausamen Anblick zu ersparen. Nur noch ein Stück Fleisch – und doch ein wertvolles Versuchsobjekt für das zynische amerikanische Militär, das vom unsterblichen Supersoldaten der Zukunft träumt.
Der siebzehnjährige Joe hat alles verloren, außer dem Leben – und seinem Gehirn. Johnny zieht in den Krieg beginnt mit Erinnerungsbildern: In der Nacht vor seiner Abreise nach Europa gönnte der Vater seiner Verlobten ihm und seiner Zukünftigen eine vorzeitige Hochzeitsnacht. Die naive Unschuld, mit der Joe seiner Geliebten Kareen (Kathy Fields) in den Bademantel hilft und sich ihr im Bett linkisch nähert, während nebenan der Schwiegervater in Spe im Badezimmer zu hören ist, verleiht bereits diesen Bildern eine herzzerreißende Traurigkeit, da das Schicksal des liebenden Soldaten stets präsent beibt. Im Folgenden springt der Film zwischen Szenen im Militärkrankenhaus und verschiedenen Formen geistiger Bilder. Letztere sind anfangs noch recht deutlich getrennt in Erinnerungen, Träume und Visionen, im Laufe der Zeit verwischen die Grenzen zwischen diesen Erfahrungsformen jedoch zusehends, sie kulminieren in erschreckenden, surrealistisch anmutenden Kollagen von Bruchstücken aus Joes Vergangenheit, religiösen Motiven und genuinen Alptraumbildern.

Der eigentliche Schrecken des Films liegt in der Differenz zwischen den fantasmatischen, anarchischen Bildern in Joes Geist und der erschreckend kargen Wirklichkeit, die diesen entgegengesetzt wird. Filmisch unterstreicht Dalton Trumbo dies zusätzlich durch den Einsatz schwarz-weißer Aufnahmen im Militärkrankenhaus und Farbfilmmaterial im restlichen Film.
Joe hat nicht nur seine motorischen, sondern auch den größten Teil seiner sensuellen Fähigkeiten verloren. Einzig die Nerven seiner Haut reagieren noch auf Druck und Vibration. In einer rührenden Szene gelingt es einer Krankenschwester, durch das Nachzeichnen von Buchstaben auf dem Rumpf des Kriegsopfers mit Joe zu kommunizieren. Sein verzweifelter Voice-Over-Kommentar legt sich über die Gespräche der Pfleger und verweist stets nur auf die eigene Hilflosigkeit. Mühsam versucht Joe, mit den wenigen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen, Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Und als ihm dies schließlich nach mehreren Jahren gelingt, wird alles nur noch furchtbarer.
In dem Maße, wie die Szenen im Militärkrankenhaus von unvorstellbar grausamen Beschränkungen jeder Art gekennzeichnet sind, sind die geistigen Bilder von einer mindestens ebenso fürchterlichen Freiheit geprägt. Joes Gehirn kann weder auf neue Sinneseindrücke reagieren, noch hat er die Möglichkeit, Gedanken in motorische Handlung umzusetzen. Das Gehirn, fast völlig befreit von jeglichem Bezug zur physikalischen Wirklichkeit, flüchtet in eine Welt des reinen Denkens, findet Zusammenhänge zwischen Bildern, die nicht zusammen gehören und gelangt schließlich zu einer Form des reinen Alptraums, wie sie selten filmisch derart eindringlich dargestellt wurde.

Dalton Trumbo erschuf 1971 einen der radikalsten Filme über den Krieg in der Filmgeschichte. Und das, obwohl Johnny zieht in den Krieg sich dem sinnlichen Spektakel des Genres konsequent entzieht. Nur zwei kurze Szenen spielen tatsächlich auf den Schlachtfeldern Europas. Die eigentliche Zielrichtung des Streifens stellte ohnehin ein anderer Kriegsschauplatz dar: Johnny zieht in den Krieg wurde umgehend zu einem Schlüsselwerk der Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg und nahm die eigentliche filmische Aufarbeitung Hollywoods dieses amerikanischen Traumas um Jahre vorweg.
Johnny zieht in den Krieg war die erste und blieb die letzte Regiearbeit des Schriftstellers und Drehbuchautors Dalton Trumbo, der wegen seiner Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei der USA und seinem Unwillen, mit dem McCarthy Ausschuss gegen antiamerikanische Aktivitäten zusammen zu arbeiten, 1950 für elf Monate im Gefängnis saß, lange auf der berüchtigten schwarzen Liste Hollywoods stand und unter Pseudonym arbeiten musste.
Nun bietet sich die Möglichkeit, den auf seinem eigenen Roman aus dem Jahre 1939 basierenden Film wiederzuentdecken, mit welchem er sich 1971 einen Platz in der Geschichte New Hollywoods sicherte. Die DVD ist nicht das schlechteste Medium für dieses Unterfangen. Denn auch wenn es angesichts der extremen emotionalen Affizierung schwerfällt: Johnny zieht in den Krieg ist ein Werk, das nach einer intensiven Auseinandersetzung und widerholtem Ansehen verlangt.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 23.09.2006
Kommentare zu Johnny zieht in den Krieg
chihab 17.11.2007 17:07
erwähnenswert wäre noch, dass der Metallica song "One" auf dem Film basiert und auch Filmszenen in dem dazugehörigen Musikvideo verwendet werden
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Film-Angaben
Titel: Johnny zieht in den Krieg
Originaltitel: Johnny Got His Gun
USA 1971
Laufzeit: 111 Minuten
Regie: Dalton Trumbo
Produktion: Bruce Campbell
Darsteller: Timothy Bottoms, Kathy Fields, Donald Sutherland, Marsha Hunt, Jason Robards
DVD-Angaben
Titel: Johnny zieht in den Krieg
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 1,77:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 1.0), Englisch (DD 1.0)
Untertitel: Deutsch (in der Originalfassung nicht ausblendbar)
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 107 Minuten
Extras: Dokumentation über die Entstehung des Films „Dalton Trumbo: Rebell in Hollywood“ (ca. 60 Min.); Trailer
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 22.09.2006
Copyright Johnny zieht in den Krieg
Fotos: © Kinowelt Home Entertainment
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