John Rambo

Zum vierten Mal greift der amerikanische Soldat John Rambo zu Pfeil, Bogen und Gewehr. Er hinterlässt reichlich Blut und Tränen und eine schon ziemlich betagte Legende.

John Rambo

Bevor in John Rambo die ersten Granaten einschlagen, bevor die Maschinengewehre zu feuern beginnen, folgt die Kamera der Missionarin Sarah Miller (Julie Benz) durch ein kleines Dorf in Birma/Myanmar. Während sie keine konkrete Aufgabe hat, behandeln ihre männlichen Begleiter Kranke und Verletzte oder predigen aus der Bibel. Später wird Sarah in einem Käfig sitzen, sich und ihre Peiniger fragen, was sie von ihr wollen, und noch später die Toten beweinen, die ihre eigene Befreiung gekostet hat. Willkommen zurück in der Welt von John Rambo, wo die Frauen noch passive Opfer sind und die Männer, die echten zumindest, dem Tod heldenhaft oder feige ins Auge blicken.

Rambo, mit der mächtigen Statur Sylvester Stallones versehen, betrat erstmals 1982 in Rambo (First Blood) die Welt des Films – ein traumatisierter Vietnam-Veteran, dessen Heimat nichts mit ihm anzufangen wusste, und der sich auf die einzige Art und Weise zur Wehr setzte, die er kannte: mit den Mitteln des Krieges. In Rambo II – Der Auftrag (Rambo: First Blood Part II, 1985) wurde der daheim untragbare Supersoldat zurück nach Vietnam geschickt, um dort festgehaltene amerikanische Kriegsgefangene zu befreien.

John Rambo

Es ist dieser zweite Film, der die kollektive Vorstellung von John Rambo bis heute prägt. In ihm verbindet sich die Frage nach dem Umgang der USA mit den Veteranen des Vietnamkrieges mit dem Bild des rücksichtslosen, brutalen, aber auch übermenschlich kräftigen und widerstandsfähigen Einzelkämpfers, jenem „Rambo“, der es nicht nur im Englischen in Idiomatik und Wörterbücher geschafft hat – keine schlechte Karriere für eine Figur aus der intellektuell nicht eben anspruchsvollen Schmuddelecke des Actionkinos.

Wie in den 1980er Jahren liefert auch heute die reale Weltpolitik den vorgeblichen Stimulus für Rambos Intervention. Schon der Vorspann zeigt angebliche Nachrichtenbilder und -kommentare, deren Authentizität der Autor dieser Zeilen nicht überprüfen kann – Sylvester Stallone, der nicht nur das Drehbuch mitschrieb, sondern auch selbst Regie führte, bezieht sich auf den realen Völkermord am birmesischen Volk der Karen.

John Rambo

Die Gräuelbilder, die der Film anfangs präsentiert, inszeniert er später noch einmal neu: Es fliegen die Körperfetzen in Großaufnahme, Kinder werden erschossen und Schädel gesprengt. Mag das Werbematerial zum Film auch noch so sehr betonen, die Effekte dienten dazu, „das Grauen des Krieges zu vermitteln“, so ist doch der emotionale Affekt nie mit dem kunstvollen Spezialeffekt deckungsgleich. John Rambo schwelgt in Strömen von Blut und weidet sich an der Gewalt – in der deutschen Fassung ist eine ganze Minute der explizitesten Szenen noch nicht einmal zu sehen.

John Rambo liefert kein komplexes Bild der politischen Lage – auch Actionfilme können das zumindest versuchen, wie zuletzt Operation: Kingdom (The Kingdom, 2007) – sondern eine so klar in Gut und Böse aufgeteilte Welt, dass für Zweideutigkeiten kein Platz bleibt: Der finstere Offizier, der die Missionare um Sarah gefangen hält, die Rambo zuvor mit seinem kleinen Kahn Boot ins birmesische Krisengebiet gebracht hatte, ist nicht nur ein sadistischer Mörder, sondern auch noch pädophil. Und natürlich soll Sarah, nachdem sie ein wenig in ihrem Käfig ausgestellt war, von einem anderen Offizier vergewaltigt werden. Der Krieg um Gut und Böse wird hier so offensichtlich, wie man es schon lange nicht mehr gesehen hat, vor allem um den Körper der weißen Frau ausgetragen. Den vor johlenden Soldaten ausgestellten einheimischen Frauen gilt hingegen nur die Aufmerksamkeit der Kamera, nicht aber der Schutz der Söldner.

John Rambo

Es ist letztlich müßig, John Rambo seine reaktionäre politische Haltung oder verlogene Bildsprache vorzuwerfen. Dieser Film schert sich nicht um Gefühligkeiten, er ist, und darin sich und seinem Protagonisten immerhin treu – die Welt ist schlecht ohne Aussicht auf Besserung –, die schiere Antithese zur Gewaltfreiheit der Missionare. Zum Schluss greift auch der Prediger Michael (Paul Schulze) ausgerechnet zu einem Stein und prügelt seinen Gegner tot. Die meisten Zuschauer hat der Film bis dahin vermutlich verloren, so lustlos wälzt er sich auf das vorhersehbar blutige Ende bar aller Hoffnung zu.

Rambo darf also noch einmal mit langen Haaren und Stirnband antreten, um seine Gegner mit Kugeln und Pfeilen aus dem Leben zu befördern, seinen wuchtigen Körper umhüllt der über sechzigjährige Stallone aber mit weiten Oberteilen, anstatt ihn, wie in den anderen Rambo-Filmen, halbnackt der Gewalt seiner Filmgegner auszusetzen. Bis kurz vor Schluss bleibt Rambo in all den Scharmützeln unverletzt: eine Figur, die nur noch aus ihrer eigenen Legende besteht, unverletzlich und unbesiegbar. Die vermeintlich kathartische Entscheidungsschlacht am Ende ist dann auch nur noch ein Massaker, das nichts mit der Muskelkraft oder Kämpfernatur zu tun hat, sondern nur noch mit einer großkalibrigen Waffe und weichen Zielen.

John Rambo

Schon körperlich fällt die Figur John Rambo so aus seinem eigenen Kontext, aus seiner Gegenwart heraus. War er in den 1980er Jahren noch das fleischgewordene Selbstbewusstsein interventionalistischer amerikanischer Politik, bei aller Brutalität eben auch mit seinem ganzen Körper seiner Aufgabe hingegeben, ist er nunmehr nur noch ein Phantom. Eine unbesiegbare Ikone aus der Vergangenheit, die keine Hoffnung auf eine bessere Zukunft mehr bieten kann und so das Scheitern amerikanischer Selbstgewissheit in der realen Gegenwart nur umso deutlicher sichtbar macht.

Eine Szene gibt es in diesem Film, die im Gedächtnis hängen bleibt: Wie Rambo, von den anderen getrennt und auf der Flucht vor den Suchhunden der Militärs, mit atemberaubender Geschwindigkeit durch den schier undurchdringlichen Dschungel rennt – die Kamera nimmt seinen Lauf aus einiger Entfernung auf, man ahnt nur seine verwischte Silhouette hinter dichtem Blattwerk. So mag man sich an ihn erinnern, an dieses Kraftpaket, den Solitär und Einzelkämpfer; John Rambo ist sein Abgesang.

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Kommentare


Andi

man das isn actionfilm und die action war fett


Damian

Um ganz ehrlich zu sein, die Kritik is der grösste Bockmist den ich jemals gelesen habe. Noch nie ist mir zu Ohren gekommen das man sich bei einem Actionfilm so dermaßen an fehlenden politischen und gefühlsmäßigen Aspekten auslässt.
Natürlich soll dieser Film, wie auch von Silvester geäussert, die dramatische Lage der Dörfer dort darstellen. Ebenso wie die Brutalität und Hilflosigkeit der Menschen dort, das sich sogar die Rebellen dem politischen Regime fürchten.
Aber im Endeffect sollte man den Film zu 80% als Unterhaltung sehen und dieser Film ist Unterhaltung pur.


schugo

Action satt (mit zu älteren Rambo Filmen noch viel extremerer Gewaltorgien). Das soll wohl leider über einen (zu) alten 80er Helden hinwegtäuschen. Schade. Rocky Balboa war 1000x besser. Back to the Roots auch zu Rambo 1 wäre besser gewesen (nicht nur die letzten 20 Sekunden des Films).Schockierende Szenen aber kein wirklicher Rambo mehr. War von der Story eher enttäuscht.


Johannes

Die Kritik ist schon echt bösartig. Der Film ist superbrutal aber genau so wie gezeigt geht es in einigen Teilen der Welt zu und genauso wars ja auch im Dritten Reich in den KZs oder in Cambodia unter den roten Kmer.
Und es ist einem zu jeder Zeit klar, dass es in echt natürlich keinen Rambo gibt, der dem was entgegensetzen kann als Einzelperson. Durch die Brutalität wird einem deutlich wie sonst nur eine Internetrecherche über den Holocaust vor Augen geführt, wie kalt und schlimm Menschen sein können, wenn die Situation es zulässt und es tut einem gut zu sehen, dass wenigstens in der Fiktion sie damit nicht durchkommen und sie bekommen was sie dafür verdienen.
Kamera und Schnitt sind ausgezeichnet und auch die Dialoge sofern vorhanden sind nicht übel.

Während sich besonders Rambo 3 hin zum Trashfilm hat verleiten lassen und die Gewalt in der Tat einen etwas fahlen Charakter bekommt kann man nur sagen, dass dieser Film wertvoll ist, weil er ein Licht wirft auf unschöne Dinge die normal verdrängt werden.
Zwischen lauter langweiligen Marvel-Superhelden-Actionfilmen wo man echt gar keinen Bock mehr drauf hat endlich mal was Sehenswertes.


MoeDaHool

Intellektueller Dünnsinn, wie immer ;) Rambo ist Popkornkino und soll mich nicht zum Grübeln bringen. Will ich Auseinandersetzung mit derart Themen, schaue ich mir das Auslandsjournal an. Unabhängig davon ist der Erzählstrang leider etwas zäh, trotzdem ist der Film akzeptabel. Genrefreunde werden begeistert sein


NUB

Ein Rambo-Film muss nach dem beschriebenen Schema gestrickt sein, sonst wäre er keiner. Auf der politischen Ebene hat der Autor der Kritik nicht völlig Unrecht, es ist jedoch nervig zu lesen, dass ein Gut/Böse-Schema unter allen Umständen relativiert werden müsse. Pädo-Massenmörder-Sadisten, vergewaltigende und Kinder mordende Soldaten u.s.w. fallen nun mal unter jedem denkbaren ethischen oder juristischen Maßstab unter Böse und nicht nur unter relativ böse und halt eben Konfliktpartei. Die Abschaffung des Bösen kann so gesehen nur eben diesem Bösen dienlich sein.






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