John & Jane

Sechs Angestellte eines Call-Centers stellt Ashim Ahluwalias Film vor. Was als Dokumentation über die Auswirkungen des globalisierten Kapitalismus in Indien beginnt, entwickelt sich zu einem komplexen Filmessay über Utopie und den „American Way of Life“.

John & Jane

Wer in Amerika eine kostenfreie 1-800 Servicetelefonnummer wählt, wird möglicherweise über den Gebrauch technischer Geräte beraten, kann per Kreditkarte einkaufen oder einen neuen Mobiltelefonvertrag aushandeln. Wenn der jeweilige Gesprächspartner mit starkem Akzent spricht, wird man sich im Allgemeinen wenig dabei denken. Schon gar nicht, dass sich das andere Ende der Leitung in einem Call-Center in der indischen Metropole Bombay befinden könnte.

Ashim Ahluwalias zweiter Film John & Jane dokumentiert einen auf den ersten Blick recht bizarren Aspekt des globalisierten Kapitalismus. Aus Kostengründen lagern amerikanische Firmen ihre Servicedienste soweit wie möglich in Billiglohnländer aus, was zur Folge hat, dass ihre Kunden, wohnhaft in Texas oder New York, über ihre Haushaltseinrichtung von Menschen beraten werden, die die USA nie in ihrem Leben betreten werden.

John & Jane

John & Jane porträtiert nacheinander sechs Angestellte eines auf diese Weise ausgelagerten Callcenters. Sechs Menschen zwischen Indien und Amerika. Und hier stößt der Film auf enorme Unterschiede. Zunächst stellt Ahluwalia zwei Mitarbeiter vor, die mit der Arbeit für das amerikanische Unternehmen nicht zufrieden sind, die sich über penetrante Gesprächspartner und lange Arbeitszeiten beschwerden. Einer kündigt sogar den Job und versucht sich hinfort als Tanzlehrer. Im weiteren Verlauf jedoch lernen wir Osmond kennen, der eigentlich Oaref Irani heißt – alle Callcenter-Agents erhalten für ihre Arbeit westliche Namen – und davon träumt, eines Tages Milliardär zu werden, weshalb er seine spärliche Freizeit damit verbringt, Bücher und Kassetten westlicher Motivationsgurus zu konsumieren. Oder Nicholas alias Nikesh Soares, der so begeistert von seiner Arbeit ist, dass er am liebsten 24 Stunden am Tag dort sein würde.

Diese Menschen haben sich von ihren indischen Wurzeln fast vollständig gelöst und sind auf dem besten Weg, amerikanischer als die meisten Amerikaner zu werden. Am deutlichsten ist dies an Naomi aka Namra Pravin Parekh ablesbar, die von sich selbst sagt: „I am totally American“ und ihre Haare blond trägt. Auf die Frage nach einem möglichen Partner antwortet sie: „Blonds are attracted to other blonds. That’s naturally.“ Wenig an der jungen Frau erinnert an ihre ethnische und absolut gar nichts an ihre kulturelle Herkunft. Auch Nicholas, der immerhin noch zugeben muss, dass sein Englisch niemals Muttersprachlerniveau erreichen wird, befindet sich in einem Zustand akutenr Amerikanisiertheit. So nutzt er die wenigen Minuten am Tag, die seine Frau – die ebenfalls in einem Callcenter angestellt ist, jedoch andere Arbeitszeiten hat – und er zusammen verbringen können, für einen gemeinsamen McDonalds Besuch.

John & Jane

Die Firma sorgt dafür, dass die Bewunderung ihrer Angestellten für das Wunderland auf der anderen Seite der Erde nicht nachlässt. In betriebsinternen Schulungskursen werden die Werte des „American Way of Life“ vermittelt und die Überlegenheit der amerikanischen Konsumgesellschaft mithilfe von Versandhauskatalogen dargelegt. Das Amerikabild von Nicholas und seinen Kollegen entspricht dieser Indoktrination, lässt sich jedoch nicht auf diese zurückführen. In der Mitte des Filmes zeigt Ahluwalia eine Reihe von Postkartenbildern, von Las Vegas und der Freiheitsstatue genauso wie von emblematischen Industrieprodukten. Nicht einer sozialen Realität gilt die Sehnsucht der Callcenter-Agents, sondern einer abstrakten Idee, die eher zufällig mit den USA identifiziert wird.

John & Jane ist kein im klassischen Sinne kapitalismuskritischer Film. Ahluwalia erweckt keine Nostalgie für das alte Bombay vor dem Anschluss an die globalisierten Märkte. Die wenigen Spuren einer zumindest annähernd authentischen indischen Kultur – einheimische Nahrung oder Tänze etwa – erscheinen nicht als Gegenentwürfe zum komplett amerikanisierten Callcenter, sondern als deplatzierte, nicht länger funktionelle Relikte einer vergangenen und nicht unbedingt besseren Zeit.

John & Jane

Doch der Film ist auch nicht plump affirmativ. Stattdessen gelingt es dem Regisseur, eine Utopie zu isolieren, die sich im strukturellen Zentrum des Kapitalismus befindet und die ihre integrierende Funktion über alle kulturellen Grenzen hinweg beibehält. In der Tat verliert John & Jane in der zweiten Filmhälfte mehr und mehr den Charakter einer Dokumentation und nähert sich dem utopischen Genre par excellence, dem Science-Fiction Film. Während die porträtierten Figuren ihr gesamtes Leben einer mit keiner empirischen Wirklichkeit vereinbaren Idee von Amerika unterordnen, wird die Tonspur immer stärker von sphärischer, elektronischer Musik dominiert, die keinen Ursprung in der dargestellten Welt besitzt. Im selben Maße, wie die Callcenter-Mitarbeiter den Kontakt zu der physikalischen Realität Indiens verlieren, wendet sich auch Ahluwalia von den einem realistischen Paradigma verpflichteten Techniken des traditionellen Dokumentarfilms ab – mit diesen ist der Welt von John & Jane nicht mehr beizukommen.

 

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