John Dies at the End

Vorsicht: Der Titel ist irreführend. Stattdessen gibt es extreme Sichtbarmachung, die zu absoluter Verdunklung führt.

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Es rumpelt gewaltig im Raum-Zeit-Kontinuum: „I remember things that haven’t happened yet!“, gibt John (Rob Mayes) aufgebracht seinem Kumpel Dave (Chase Williamson) im Diner zu verstehen. Der aber zeigt sich unbeeindruckt, schließlich hat John gerade etwas von einer ominösen Droge namens „soya sauce“ abbekommen. Wenige Sekunden später wird Johns Unterbewusstsein (oder was für ein immaterieller Teil seines Körpers auch immer) Dave auf dem Handy anrufen, ungeachtet der direkten Präsenz seiner Physis. Wären in den vorangegangenen zwanzig Minuten nicht schon eine Geisterfrau, ein Zombie, ein Spinnenwesen und ein Monster aus Fleischwaren auf der Leinwand aufgetaucht, wären wir jetzt überrascht.

Trashfilmer Don Coscarelli will sich nach zehnjähriger Pause mit John Dies at the End noch einmal austoben und stockt sein eigenwilliges Lebenswerk weiter auf, das sich seit seinem Debüt Das Böse (Phantasm, 1979) einer mehr oder minder festen Zuschauerschaft erfreut. Und wie schon vor über 30 Jahren muss man sich auf alternative Realitäten jenseits der vertrauten Wahrnehmung einstellen. Doch statt wie mit Das Böse dank einer Handvoll Ideen das geneigte Publikum zu begeistern, scheint es, als wollte Coscarelli in John Dies at the End mit allem, was es jemals im Horror-, Science-Fiction- und Fantasy-Genre gegeben hat, Kultpotenzial erzwingen.

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Sein Gebräu aus Zutaten des popkulturellen Gedächtnisses führt zunächst einmal dazu, dass jeglicher Versuch der Einordnung des Gesehenen im Keim erstickt wird. Schon nach kurzer Laufzeit haben sich die vertrauten Gefüge von Realität und Imagination, Leben und Tod, Raum und Zeit vollständig selbst zerstört. In Coscarellis Höllentrip gibt es schlicht und ergreifend keine Kategorien mehr. Dystopische Simulationsfantasien wie in der Matrix-Trilogie (1999–2003) oder Drogentrips wie in Angst und Schrecken in Las Vegas (Fear and Loathing in Las Vegas, 1998) erscheinen da geradezu beruhigend, denn dort wird die Wirklichkeit auch als solche kommuniziert. Objektive Realität als gefestigte Kategorie bleibt unangetastet und darf fortbestehen. In John Dies at the End aber muss jegliche Auseinandersetzung mit Kausalitäten scheitern. Alles, was man tun kann, ist, einfach stur und entgeistert weiter auf die Leinwand zu starren.

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Macht nichts, mag man sich denken, wer braucht hier schon so etwas wie Logik und Vernunft. Was sonst könnte man von diesem Film schon erwarten. Während Narration, Stringenz und die aristotelischen Einheiten im luftleeren Raum herumschwirren wie Anti-Materie, wartet man aber vergebens auf irgendetwas anderes, was sich aus diesem geheimnisvollen Film-Kokon entpuppt. Reines Zitaten-Kino? Ist das alles ein bisschen meta, so wie es der Titel verspricht? Das ist wirklich schwer zu sagen. Es gibt beispielsweise immer wieder mal ein paar Parasiten und anderes Zwischenwelt-Getier zu sehen, das an den Cronenberg-Kosmos denken lässt. In Verbindung mit dem Drogenmotiv fühlt man sich vor allem an Naked Lunch (1991) erinnert.

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Doch wie jedes andere Element des Films verschwinden auch die abstrusen Tierchen schnell wieder in das Nirgendwo, aus dem sie gekommen sind. Ein zyklopenähnliches Tentakelmonster, einige skurrile Maskenmänner und eine selbstzweckhafte Comic-Sequenz später muss man sich schließlich erschöpft der Gleichgültigkeit gegenüber den Ereignissen ergeben. In diesem Schweinsgalopp durch das Nerdtum wollen sich Zitate, Subtexte oder ironische Brechungen eben gar nicht erst als solche zu erkennen geben. Irgendwie ist alles Referenz, doch nichts verweist auf ein eindeutiges Vorbild: Hyperrealität par excellence. Was man mit Sicherheit sagen kann bei all den Unmengen Stoff, die Coscarelli an sich reißt, zertrampelt und sorglos wieder wegwirft: Man hat irgendwann so viel gesehen, dass man gar nichts gesehen hat. John Dies at the End ist die völlige Absorption der Popkultur in ein filmisches schwarzes Loch.

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Aber Moment, war das nicht die Absicht hinter dem Ganzen? Mission erfüllt? Nun, wer weiß das schon so genau. Alles in allem bleibt Coscarellis Achterbahnfahrt aber unbefriedigend. Die Zerschmetterung der Logik ist ein wenig zu selbstgefällig, das Motivinferno zu aufgeblasen und das Rumgestochere im postmodernen Potpourri etwas zu oberflächlich. Es gibt viel zu erblicken, aber nichts zu entdecken. Ach ja, ein Penis-Türknauf kommt auch mal vor.

Trailer zu „John Dies at the End“


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Kommentare


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oh gott der film war so ... so ...ich weiß es gar nicht. Aber "Es gibt viel zu erblicken, aber nichts zu entdecken" trifft es ganz gut. Stark angefangen und dann ganz stark nachgelassen. Ich hab ihn nicht zu ende geschaut, weil ich ihn entweder nicht gerafft hab und/oder mir das ganze einfach ZU durchgeknallt war (aber nicht das gute durchgeknallt) schade eigentlich...






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