John Carpenter's The Ward

Back to the roots. Altmeister John Carpenter beweist nach zehnjähriger Leinwandabstinenz, dass er immer noch in der Lage ist, alte Tugenden des Horrorfilms virtuos auf die Leinwand zu bannen. The Ward ist sein erster guter Film nach einer gefühlten Ewigkeit.

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John Carpenter, der sich mit Klassikern wie Assault – Anschlag bei Nacht (Assault on Precinct 13, 1976) und Halloween (1978) in die Annalen der Filmgeschichte einschrieb und zu einem der meistgefeierten Regisseure Amerikas wurde, beging nach Meinung vieler Kritiker und Fans in den letzten zwei Dekaden künstlerischen Suizid. Beschämende Produktionen wie Ghosts of Mars (2001) oder der verzweifelte Snake-Plissken-Reboot Flucht aus L.A. (Escape from L.A., 1996) diskreditierten die künstlerischen Qualitäten des ehemaligen Independent-Filmemachers fast völlig, beschränkten sie sich doch fast ausschließlich auf (schlecht gemachte) visuelle Effekte und uninspirierte Erzählformen.

Sein jüngstes Spielfilmprojekt The Ward stellt insofern ein bemerkenswertes Comeback in der nun schon fast vierzigjährigen Karriere des Kultregisseurs dar. Ähnlich wie James Wans Insidious (2010) ist Carpenters neuer Film aus unabhängigen Geldern finanziert. Mit geringen, aber ausreichenden Mitteln besticht er durch atmosphärische Bilder und den gekonnten Einsatz von Schock und Suspense.

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Kristen (Amber Heard) wird nach einem mysteriösen Unfall in die Nervenheilanstalt in North Bend eingeliefert. In ihrer Station befinden sich fünf weitere junge Frauen (u.a. verkörpert von Danielle Panabaker und Mamie Gummer), deren Gefühle die Normen der Gesellschaft verletzen. Der Prolog und die stilsicheren Eröffnungstitel verbinden auf visueller Ebene bereits zu Beginn physische Gewalt mit geistiger Manipulation, Scharfe Stichwerkzeuge und brechende Glasscherben in Slow-Motion teilen schmerzverzerrte Gesichter von ihren Körpern. Nach kurzer Zeit wird klar, dass wieder ein kranker Mörder sein Unwesen treibt. Hier steht der Film in der Tradition des ausgeklügelten Slasher-Films, entsprechende Szenen erscheinen selten, aber dafür sehr eindrucksvoll. Sukzessive wird die anfangs unerklärliche Storyline mit geschickten Flashbacks unterfüttert und ergibt ein schockierendes Gesamtes.

Dabei wird das solide – wenngleich nicht immer überzeugende – narrative Muster des Films von dem alles überschattenden eigentlichen Protagonisten in den Hintergrund gerückt: Die Station (the ward) selbst wird in immer wieder etablierenden Kamerafahrten und Einstellungen zum unausweichlichen Gefängnis stilisiert. Lange zentralperspektivische Zooms von Gängen und Türrahmen ziehen den Zuschauer immer stärker in ein Labyrinth aus Angst; Fensterbalken und Treppengeländer symbolisieren die undurchdringlichen Gitterstäbe einer Zelle, Kellerflure und Fahrstuhlschächte enden in schwarzer Leere, verströmen Unsicherheit und Gefahr. Vor allem die kalten Farbtöne haben es Carpenter angetan: grelle Blitze bei Nacht und in Räume schneidende Lichtstrahlen untertags tauchen das Hospital in ein steriles Meer aus Blau und Grau.

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Carpenters Markenzeichen seiner frühen Erfolge – beispielhaft war sein Remake des Howard-Hawks-Klassikers Das Ding aus einer anderen Welt (The Thing, 1982) – war die virtuose Kameraführung, die den Bildern atmosphärische Spannung einhauchte und zu Zeugnissen des Terrors werden ließ. Vor allem in langen Einstellungen und effizienten Plansequenzen setzte er den Zuschauern seine Vision des Grauens vor. Mit denselben Mitteln kehrt er in The Ward zu den grundlegenden Elementen der Suspense zurück, wie sie seine von Hitchcock beeinflussten Klassikerauszeichneten. Konsequent lässt er seine jungen, hübschen Protagonistinnen durch die finsteren Räume irren, und der Zuschauer ist in keiner Sekunde vor dem plötzlichen Einbruch der Gewalt sicher. Dabei setzt Carpenter bewusst gewählte Abstufungen von Schocks ein, mal unerhört garstig, aber auch elegant und subtil, die den Film in seinen besten Momenten direkt mit Assoziationsbildern aus Halloween oder The Fog – Nebel des Grauens (The Fog, 1979) in Verbindung bringen.

So dreht der Veteran des New-Wave-Horror ab der Hälfte des Films immer stärker an der Spannungsschraube, lässt kaum eine Situation ungenutzt, den Zuschauer in Panik und Schrecken zu versetzen. The Ward ist ein Horrorfest für Eingeweihte und wirkt in seinem Gesamtbild wunderbar altmodisch. Einziges Manko stellt der etwas einfallslose Schluss dar, der nach knapp 85 Minuten die Geisterfahrt abrupt beendet. Einige Fans mögen sich vor den Kopf gestoßen fühlen, bietet der Abschluss wahrlich nichts Neues, es empfiehlt sich aber, ihn im Kontext des Gesamtfilms zu betrachten. Während viele andere Horror-Streifen gerade gegen Ende redundant wirken, steuert The Ward schnörkellos und fulminant auf sein Finale zu.

Trailer zu „John Carpenter's The Ward“


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