Joaquim

Berlinale 2017 – Wettbewerb: Von der Bestimmung, zerstückelt zu werden: Joaquim erzählt die Geschichte des brasilianischen Unabhängigkeitskämpfers Joaquim José da Silva Xavier als Streben eines Körpers nach seiner eigenen Zerfleischung.

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Der titelgebende brasilianische Unabhängigkeitskämpfer tritt in Joaquim nur kurz in seiner wahren Form in Erscheinung; nur ganz am Anfang sieht man ihn in seiner eigentlichen Pracht, in jener Herrlichkeit, der er während der restlichen Laufzeit des Films nur zustrebt: Als rumpfloser Kopf blickt er, auf einen Holzpfahl fixiert, über den Platz vor einer Kirche, während seine Stimme gleichsam aus den dichten Regenwolken herab von der Zerteilung des Körpers berichtet, der ihm einmal zugehörte. Doch dann hört man plötzlich das laute Schnaufen tiefer Atemzüge, und Joaquim erscheint in einem früheren, einem noch unvollendeten Zustand: Unversehrt und lebendig sitzt er im hohen Gras des brasilianischen Hinterlandes, auf der Lauer nach vorbeiziehenden Goldschmugglern. Anhand des Bogens, der sich zwischen diesen beiden Bildern aufspannt, wird gleich zu Beginn des Films deutlich, dass Joaquim in erster Linie die Geschichte eines Körpers ist – eines Körpers, dessen Bestimmung es ist, zerstückelt zu werden, und der diesen inneren Drang zur Aufspaltung in jedem Moment seines Daseins deutlich spürt. Die Wucht dieses Drangs äußert sich am deutlichsten in dem lauten Schrei, den Joaquim ausstößt, nachdem er sich in einer Szene nackt in einen Wasserfall gestellt hat und nur mehr sein Kopf aus den fallenden Wassermassen herausragt: Denn durch die Kälte des Wassers und die Hitze der Luft findet in seinem Erleben bereits eine Trennung statt, die auf der Ebene des lebendigen Organismus immer noch schmerzhaft verwehrt bleibt.

Der Körper als zu bearbeitende Masse

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Die Zergliederung eines bestimmten Körpers bildet also den Kern von Joaquim, und ganz allgemein ist der Körper in diesem Film weniger der zerbrechliche Träger des menschlichen Bewusstseins als vielmehr eine rohe und widerstandsfähige Masse, deren Gestalt man nur verändern kann, indem man sie unter hohem Kraftaufwand bearbeitet. Joaquims Haare werden von seiner Geliebten somit auch nicht geschnitten, sondern sie werden abgehackt und abgesägt, sie werden wie bösartiges Material behandelt, dem man Gewalt antun muss, um eine neue Erscheinungsform (die eines Leutnants, wie sich Joaquim erhofft) entstehen zu lassen. Auch Joaquims Zahnarzttätigkeit beschäftigt sich nicht eigentlich mit der Gesundheit seiner Patienten, sondern nur mit deren struktureller Beschaffenheit. Denn das Zähne-Ziehen ist keine Heilung des Körpers, sondern ein bleibender Eingriff in seine Substanz – es ist eine kleine Amputation, die nur mithilfe eiserner Instrumente und unter Verursachung großer Schmerzen vollzogen werden kann. Aber damit sich die Masse des Körpers bearbeiten und für gewisse Zwecke einsetzen lässt, muss sie erst einmal aufgebaut und angesammelt werden. Dem zielgerichteten Absondern muss stets die Einverleibung vorausgehen, und auf diese Notwendigkeit scheint auch Joaquim beharrlich zu verweisen: durch permanentes Schmatzen.

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Sobald der Körper in Joaquim jedoch nicht bloß als zu behandelnde Masse betrachtet wird, sobald er selbst Handlungen ausführen darf und zur Gänze in einem Gefüge aus Absichten und deren Ausführung aufgeht, scheint der Film ein wenig die Orientierung zu verlieren und sich hilfesuchend an den groben Umrissen einer Bekehrungsgeschichte festzuklammern. Doch sowohl Joaquims anfängliche Versessenheit auf Reichtum und Beförderung innerhalb der kolonialen politischen Ordnung Brasiliens als auch sein späterer Revolutionseifer und seine Hinwendung zu Idealen der Freiheit und Unabhängigkeit, wie er sie in den jungen, noch im Entstehen begriffenen Vereinigten Staaten von Amerika verwirklicht sieht – beide wirken stets nur wie etwas Eingeredetes, wie eine künstliche Verfälschung von Joaquims eigentlichen Trieben. Folgt er in seiner Kollaboration lediglich blind dem Beispiel seines „Administrators“, so folgt er in seinem Widerstand lediglich den Einflüsterungen eines dichtenden Geistlichen. In beiden Fällen hat sein Verhalten mit seinen wahren Interessen wenig zu tun, ist es eine bloße Ablenkung, der durch den Film manchmal auf etwas ermüdende Weise nachgegangen wird. Und so wirkt es wie eine Erlösung für Film wie Figur, wenn Joaquim inmitten der Vorbereitungen zur Revolution mal wieder in ein fettiges Stück Fleisch beißen darf. Denn Joaquim muss groß und stark werden, damit der Henker dereinst mal was hat, womit er arbeiten kann.

Die eigene lebendige Masse in Trümmern

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Doch ist Joaquims Besessenheit von der eigenen Zerfleischung keine bloße Abkehr von dem Streben nach gesellschaftlicher Veränderung – in gewisser Weise scheint sie, wenn auch unbewusst, dieses Streben am Leben zu erhalten inmitten einer unüberblickbar widersprüchlichen politischen Situation. Denn der Unabhängigkeitskampf Brasiliens wird in Joaquim als ein zutiefst mehrdeutiges Unterfangen dargestellt: Strebt man eine tatsächliche Neuordnung der gesellschaftlichen Verhältnisse an, oder will man nur die Kontrolle einer als fremd empfundenen Macht abschütteln, um in Ruhe vermittels Sklaverei, Ausbeutung und einer strengen Hierarchie Reichtum anhäufen zu können? Joaquim fordert zwar die vollständige Emanzipation der unzähligen brasilianischen Sklaven, doch am meisten Wirkung hat offenbar sein empörter Ausruf: Sie stehlen unsere Bodenschätze! Die Adeligen, auf deren Unterstützung er in seinen Bemühungen angewiesen ist, sind in erster Linie um die horrende Steuerlast besorgt, die ihnen von der portugiesischen Krone auferlegt wird – sie besitzen weiterhin Sklaven und haben wohl auch nicht vor, sich von diesem Besitz zu trennen. Joaquims Revolution scheint auf einen unmoralischen Kompromiss zuzusteuern, auf einen schnöden Handel, in dem persönliche Freiheit und politische Unabhängigkeit Stück für Stück gegeneinander aufgerechnet werden. Doch durch die gewaltsame Zerstückelung seines eigenen Körpers entzieht sich Joaquim zumindest teilweise diesem Handel – übrig bleibt nur die sichtbare Geste des Widerstands, das Bild einer Wucht, die stark genug war, die eigene lebendige Masse in Trümmer zu legen.

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