Jindabyne - Irgendwo in Australien

Angesiedelt im abgelegenen Hinterland Australiens, erzählt Ray Lawrences Jindabyne von einem brutalen Mord und dessen Folgen für die Bewohner einer Kleinstadt.

Jindabyne

Mit seinen gerade mal 2,7 Einwohnern pro km² – Deutschland kommt im Vergleich dazu auf 231 – ist Australien eines der dünn besiedeltsten Länder der Welt. Während sich der Großteil der Bevölkerung auf die Küsten und den Süden konzentriert, präsentiert sich das Outback als geradezu menschenleer. Die dort herrschende Isolation weckt bekanntlich Ängste, welche gerade in Spielfilmen immer wieder zwischen rauer Gewalt und mysteriösen Vorkommnissen beschrieben werden und zu einem wiederkehrenden Motiv im australischen Film geworden sind. Beispiele für dieses Kino der Isolation gibt es zahlreiche: Mad Max (1978), Picknick am Valentinstag (Picnic at hanging rock, 1975), The Proposition (2005), Wolf Creek (2005). Auch Ray Lawrences Jindabyne - Irgendwo in Australien spielt in der Abgeschiedenheit des australischen Hinterlandes, in Jindabyne, einer Kleinstadt in der jeder jeden kennt und nichts sich zu bewegen scheint.

Dort ist der Ausflug zum Fischen der alljährliche Höhepunkt für vier Freunde. Kaum sind sie jedoch in ihrem abgelegenen Fischerparadies angekommen, findet Stewart (Gabriel Byrne) die Leiche einer jungen Frau. Unschlüssig wie sie handeln sollen, beschließen sie schließlich die Frau mit einem Stück Angelschnur festzubinden, damit sie von der Strömung nicht fort getragen werden kann. Mit der Überzeugung, dass sie der Toten auch nicht mehr helfen können und es ein weiter Weg zurück ist, verbringen sie das Wochenende mit Fischen – und genießen es. Erst auf dem Rückweg melden sie das Opfer. In Jindabyne angekommen schlägt ihnen jedoch nicht nur die Verständnislosigkeit der lokal ansässigen Medien entgegen, sondern auch die ihrer Frauen. Besonders Stewarts Frau Claire (Laura Linney) fühlt sich in den Grundfesten ihrer Ehe zutiefst erschüttert.

Jindabyne

Mit dem Verschwinden einer jungen Frau nahm bereits in Lawrences letztem Film Lantana (2001) alles seinen Lauf und erneut kombiniert der Regisseur Drama und Thriller. Eröffnet wird die Geschichte mit einem Überfall auf eine junge Frau. Die erhöhte Schnittfrequenz und eine unheimliche Musik lassen den Film in klassischer Thrillermanier beginnen. Doch kurz vor dem brutalen Mord wird der Tatort verlassen und stattdessen das triste und allzu überschaubare Leben der Protagonisten in Jindabyne gezeigt. Diese Verbindung aus bedrückendem Drama und bedrohlichem Thriller, welche sich im weiteren Verlauf fortsetzt, gelang Ray Lawrence bereits in Lantana höchst eindrücklich und atmosphärisch stimmig.

Abgesehen davon liegen die Glanzpunkte überwiegend in Nebensträngen. Momente zwischen Claire und Stewarts dominanter Mutter, etwa wenn sie sich in die Erziehung von Claires Sohn einmischt, oder die nur fragmentarische Schilderung von Claires turbulenter Vergangenheit, hinterlassen durch die überzeugenden Schauspielerleistungen und präzisen Dialoge einen nachhaltigen Eindruck. Doch Lawrence unterliegt gerade in solchen Passagen öfters dem Hang zu überdeutlichen Metaphern. Kurz nach dem Entdecken der Leiche beobachtet Stewart einen gefangenen Fisch im Todeskampf. Die Gegenüberstellung von seinem Gesicht in Großaufnahme und den Bildern des zuckenden Fisches führen zu einem solch oberflächlichen und offensichtlichen Vergleich mit dem Tod der jungen Frau, dass man sich schon fast vor den Kopf gestoßen fühlt.

Jindabyne

Ohne Metapher und Schwermut wurde die Kurzgeschichte von Raymond Carver, auf der Jindabyne basiert, bereits einmal von Robert Altman in seinem Episodenfilm Short Cuts (1993) inszeniert. Carvers „So Much Water So Close to Home“ war eine von mehreren Geschichten, aus denen Altman sein Meisterwerk zusammensetzte. Wie Altman in zahlreichen Filmen verzichtet Lawrence in seinen Werken auf einzelne Protagonisten und stellt die Erzählung aus verschiedenen Blickwinkeln dar. Robert Altman beherrschte es dabei auf geradezu kongeniale Art jeglichen Eindruck von Konstruiertheit zu vermeiden, zu dem Episodenfilme des Öfteren neigen. Im Gegensatz zu Lantana, wo dies Lawrence in bester Altman-Tradition gelang, wirkt Jindabyne jedoch immer wieder etwas zu berechnend.

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