Jîn

Wo sich Hirsch und Bär guten Tag sagen. Reha Erdem verlagert den türkisch-kurdischen Konflikt in einen verwunschenen Märchenwald.

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Was macht ein Krieg aus jungen Menschen? Zahlreiche Filme widmen sich dieser Frage und geben darauf meist erschütternde Antworten. In einem Krieg dürfen Kinder keine Kinder sein, müssen Verantwortung übernehmen oder gleich selbst an der Front kämpfen. Unschuld geht unter solchen Umständen im Schnelldurchlauf verloren. Das gilt auch für die Titelheldin (Deniz Hasgüler) aus Jin. Bewaffnet mit einem Maschinengewehr und eingehüllt in eine Uniform der kurdischen Volksbefreiungsarmee, hat das Mädchen das normale Leben einer Jugendlichen längst hinter sich gelassen. Jetzt hetzt sie wie ein getriebenes Tier durch Wälder und Berge, um Widerstand gegen das türkische Militär zu leisten. Nicht als Teil einer Einheit, sondern ganz auf sich allein gestellt.

Im Kino wird oft versucht, dem Zuschauer die tragische Dimension des Krieges über Mitgefühl zu vermitteln. Wenn die Figuren Verlust erleben, leiden wir mit ihnen, und gibt es Aussicht auf Besserung, haben auch wir wieder Hoffnung. Die Voraussetzung für dieses Prinzip ist jedoch, dass man sich in den Protagonisten einfühlen kann. Jin geht das Wagnis ein, das Schicksal seiner Heldin nur in Fragmenten nachzuzeichnen. Dabei verzichtet er natürlich nicht gänzlich auf Empathie. Was wir auf der Leinwand sehen, ist spannend, weil uns Jin nicht egal ist. Wenn sie beinahe von einer Kugel getroffen oder bei einer Passkontrolle erwischt wird, dann bangen wir mit ihr. Und doch weigert sich der Regisseur Reha Erdem beharrlich, das Innere seiner Figur nach außen zu stülpen, und lässt etwa ihre Vorgeschichte oder ihr Ziel, dem sie sich mit so viel Verbissenheit widmet, abgesehen von einigen Andeutungen im Verborgenen. Jin ist zweifellos Sympathieträgerin, bleibt aber gleichzeitig ein Phantom.

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Das Geheimnisvolle der Protagonistin ist dabei keine bloße Koketterie des Regisseurs, sondern bleibt inhaltlich motiviert. Jin hat durch den ewigen Kampf einen Teil ihrer Persönlichkeit verloren. Mit einer fremden Identität versucht sie schließlich diese Leerstelle zu füllen. Nachdem sie die Kleidung einer Gleichaltrigen gestohlen hat, nimmt sie auch deren Namen an und spielt mit der Vorstellung, ein anderes, an diesem Krieg unbeteiligtes, ganz normales Mädchen zu sein. Allerdings erweist sich dieses alternative Leben als nicht weniger bitter. Auf der Flucht vor dem türkischen Militär, das nach „Terroristen“ wie ihr fahndet, schließt sie sich einer Gruppe Kurden an, arbeitet mit ihnen als schlecht bezahltes Lasttier und muss sich gegen die Übergriffe eines schmierigen Arbeitgebers zur Wehr setzen. Überhaupt wimmelt es im Film nur so vor aufdringlichen türkischen Männern, die das Mädchen wie ein rechtloses Stück Fleisch behandeln, dabei aber schnell und vehement in ihre Schranken verwiesen werden.

Erdem lässt keinen Zweifel daran, dass wir es hier mit einer richtigen Kämpferin zu tun haben. Es mag in einer türkischen Produktion durchaus heikel sein, eine bewaffnete Kurdin als Sympathieträgerin einzusetzen. Dass das Mädchen mit dem Gewehr jedoch im Laufe des Filmes nur einen Menschen tötet, und das nur auf dessen ausdrücklichen Wunsch, ist auch Statement für eine möglichst gewaltfreie Form des Widerstands. Größere politische oder gesellschaftliche Zusammenhänge interessieren Erdem ohnehin nicht. Das Augenmerk liegt, wie auch schon in seinen letzten Filmen, auf einer Figur, die keinen wirklichen Draht zu anderen findet und zur Einsamkeit verdammt scheint. Dass es letztlich das Menschsein ist, was die Fronten miteinander verbindet, ist keine große Offenbarung und wird auch sonst gerne als Basis für naiven Versöhnungskitsch eingesetzt. Erdem findet für diesen Gedanken jedoch einen beiläufigen, aber sehr sinnlichen Moment, indem die Schranken zum Feind niedergerissen werden. Während sich Jin in den Bäumen vor türkischen Soldaten versteckt, beginnt einer von ihnen ein Lied zu singen, von dem das Mädchen sichtlich berührt ist.

Bereits in seinem letzten Film Kosmos (2010) ließ Reha Erdem vor der Kulisse eines Krieges die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich und verlor sich dabei im mystischen Nirgendwo. Jin gelingt dagegen eine interessante Gratwanderung zwischen sozialkritischem Ansatz und fantastischer Umsetzung. Jeder Krieg hat einen Schauplatz, hier ist es ein verwunschener Märchenwald. Die Protagonistin ist umgeben von einer romantisch überhöhten Natur, die auf die Schrecken des Krieges mit einem apokalyptisch peitschenden Wind antwortet. Zudem kreuzen verschiedene Tiere im Laufe des Films den Weg des Mädchens. Dabei kommt es zu schüchternen Annäherungen, die vertrauter und intensiver wirken als jede zwischenmenschliche Begegnung. Während immer wieder Männer versuchen, Jin zu vergewaltigen, kann sie sich auf keine menschliche Hilfe verlassen. Protest kommt immerhin von einem wütend schnaubenden und wiehernden Pferd.

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Selbst die Bilder des Krieges bekommen durch die Inszenierung einen surrealen Beigeschmack. Es sind zwar durchaus Individuen, Vertreter einer patriarchalen Ordnung, die dem Mädchen regelmäßig in die Quere kommen, wenn aber Gewehrsalven und Bomben die Landschaft überziehen, bleibt die Quelle der Gewalt unsichtbar. Als wären es keine Menschen, die für diese Zerstörung verantwortlich sind, sondern eine bedrohliche, höhere Macht. In solchen Momenten wirkt Jin so, als hätte Erdem die konkreten Bilder eines Krieges durch den Geist einer Jugendlichen gefiltert, die ihrer kindlichen Fantasie nie freien Lauf lassen konnte. Ihr Zufluchtsort ist der Schoß von Mutter Natur, wo ihr Hirsch und Bär guten Tag sagen.

Trailer zu „Jîn“


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