Jimmy Orpheus

Eine atemlose Nacht auf dem Kiez.

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Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Dieser Maxime folgend, inszeniert Roland Klick in seinem mittellangen Film Jimmy Orpheus (1966) einen Blues über ein Leben mit all seinen Rückschlägen und wenigen Glücksmomenten, komprimiert in einer einzigen Nacht. Zunächst sehen wir einen jungen Mann mit dunklen Haaren und Dreitagebart (Klaus Schichan) bei seiner Arbeit auf dem Bau. Immer leicht abwesend geht er seiner monotonen Tätigkeit nach. Wenn die Sonne neben den Fabriktürmen am Horizont versinkt, beginnt für ihn eine turbulente Reise in die Nacht, hin zu den falschen Versprechungen und tröstenden Illusionen, die einem Besucher der Reeperbahn zur Auswahl stehen. Hier kann man flirten, trinken, vergessen, träumen und sich vielleicht auch ein wenig verlieben.

Jimmy Orpheus 2

Später erfahren wir, dass der Mann mit dem melancholisch herausfordernden Blick und der proletarischen Eleganz Christoph heißt. Viel mehr verrät uns Klick jedoch nicht. Und alles andere würde auch der Natur des Films zuwiderlaufen, denn Jimmy Orpheus stürzt sich mit Haut und Haaren auf die Vergänglichkeit und lässt dabei keinen Platz für Vor-, Nach- und Hintergrundgeschichten. Rasant montiert Klick Momente der Realitätsflucht aneinander: Flipperspielen, Tanzen, ein Bier, Stripclub, Konzert, ein Korn, Schwanken, Müdigkeitserscheinungen, Regeneration, und schon geht wieder alles von vorne los. Eine hektische Handkamera folgt Christoph bei seinem Kreislauf der Verausgabung, bleibt stets nah an ihm dran und verwehrt dem Zuschauer einen Überblick. Die Hansestadt zieht als grell beleuchtete Betonwüste an den Rändern des Bildes vorbei. Man muss sich ganz auf den Protagonisten einlassen, die Orientierung aufgeben, ihn bei der Hand nehmen und sich ohne Erwartungen in die Nacht stürzen.

Jimmy Orpheus 3

Das Wochenende geht schneller vorbei, als man denkt. Alles muss genau in diesem Augenblick geschehen. Auch die Bekanntschaft zu einer Frau (Ortrud Beginnen), die vielleicht eine Hure ist und zunehmend Gefallen daran findet, mit ihrem hartnäckigen Verehrer zu spielen, bekommt nicht die Zeit, sich langsam zu entwickeln. Christoph will jetzt mit ihr zusammen sein, sie jetzt lieben, ganz egal, ob sie noch etwas vorhat. Nicht, weil die Handlung ihm ein Ultimatum vorgibt, an das er sich halten muss, sondern weil jede Chance auf ein kurzes Glück umarmt werden muss. Jimmy Orpheus braucht keine Story im klassischen Sinn. Er entfaltet sich vielmehr organisch aus der Fahrigkeit und Leidenschaft seiner Hauptfigur.

Jimmy Orpheus 4

Ursprünglich sollte Klick mehr Erzählzeit zur Verfügung stehen als nur 50 Minuten. Als jedoch die Produktionsfirma Atlas Film 1966 Insolvenz anmeldete, musste sich der Regisseur damit begnügen, seinen Film eine Nummer kleiner zu machen. Das ist Jimmy Orpheus durchaus anzumerken, ebenso wie der Umstand, dass Klick sich nach drei Kurzfilmen hier einmal auf der großen Bühne versuchen möchte. Man kann ihm dabei durchaus ein typisches Problem von Erstlingsfilmen unterstellen. Offensichtlich beeinflusst vom amerikanischen Kino, aber auch von den Grenzüberschreitungen der französischen Nouvelle Vague, versucht Klick so viel wie möglich in seinen Film zu packen, auf Teufel komm raus zu zeigen, was er alles kann. Von Zeitraffer bis zu Mickey-Mouse-Stimmen, von Montageexperimenten bis zur onkelhaften Erzählstimme, nichts bleibt unversucht. Wie für den Protagonisten scheint es auch für den Regisseur kein Morgen zu geben: Die ganze Energie, die ihm zur Verfügung steht, muss in diesen einen Augenblick gesteckt werden.

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Obwohl sie manchmal etwas übers Ziel hinausschießt, diese unerschöpfliche Verspieltheit ist auch die schönste Eigenschaft von Jimmy Orpheus. Auch weil Klick bei all dem, was er versucht, stets in Kauf nimmt, dass mal etwas danebengehen kann. Sein Film ist von einer ständigen Wechselwirkung unterschiedlicher Kräfte geprägt. Er kratzt sein Publikum mit stakkatoartig aneinandergereihten Momentaufnahmen aus Bars, Tanzsälen und Spielhallen auf, um es anschließend mit ruhigen Passagen, in denen sich das mögliche Liebespaar näherkommt, wieder zur Ruhe zu bringen. Auch der Soundtrack vollzieht die verschiedenen Tempi und Intensitäten nach. Auf eine elegische, von Klick selbst gespielte Akustikgitarre folgen treibende Drums, dann ein heulendes Saxophon und schließlich eine ungewisse Stille, während Christoph darauf wartet, dass seine Gefühle vielleicht doch erwidert werden. Mit seinem fiebrig alternierenden Rhythmus lässt Jimmy Orpheus keine Müdigkeit aufkommen, rüttelt uns immer wieder aufs Neue wach, damit wir bloß jeden Augenblick dieser kurzen Nacht in seiner vollen Intensität auskosten können.

Trailer zu „Jimmy Orpheus“


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