Jesus, du weißt

Ulrich Seidl bewegt sich erneut auf einer Gratwanderung zwischen Authentizität und Fiktion und widmet sich in seiner Darstellung sozial verkümmerter Menschen diesmal überzeugten Anhängern des Christentums.

Jesus, du weißt

Nach seinem international vielbeachteten Hundstage (2001), gibt es von dem Österreicher Ulrich Seidl nun mit zweijähriger Verspätung auch sein Folgeprojekt Jesus, du weißt (2003), in den deutschen Kinos zu sehen. Als Seidls erster Spielfilm stellte Hundstage auch den Höhepunkt einer zunehmenden Beschäftigung mit narrativen Elementen in seinem hauptsächlich dokumentarischen Kosmos dar. Jesus, du weißt lässt die Narration wieder größtenteils außen vor und widmet sich erneut in dokumentarischer Form Menschen am Rande der Gesellschaft. Nach den Tierliebhabern in Tierische Liebe (1995) und der oberflächlichen Scheinwelt der Models (1998) nähert sich Seidl nun Personen an, die sich ganz ihrem religiösen Glauben verschrieben haben. Seine Faszination für dieses Thema zeigte sich auch in dem letztes Jahr an der Berliner Volksbühne aufgeführten Theaterprojekt Vater Unser, das gewissermaßen als Ergänzung zu Jesus, du weißt angelegt war.

In sehr puristischer Form werden sieben Gläubige verschiedenen Alters in einer leeren Kirche bei ihrem laut gehaltenen Gespräch mit Jesus gezeigt, in dem sie dem Zuschauer all ihre Wünsche, Sehnsüchte und Ängste offenbaren. Unter den Beteiligten findet sich unter anderem ein Student, der Vergebung für seine sündigen Gefühle beim Anblick schöner Frauen sucht oder eine betrogene Ehefrau, die auf Rache sinnt. Zuschauer, die mit Seidls Kosmos des inszenierten Dokumentarfilms noch nicht so vertraut sind, dürften die im Kirchenraum künstlich arrangierten Gläubigen und ihre, mit devoter Stimme gesprochenen, Bekenntnisse zunächst etwas unnatürlich und gewöhnungsbedürftig empfinden, nach einiger Zeit kommt man aber ohne weiteres in den Erzählfluss hinein.

Jesus, du weißt

Was alle Personen gemeinsam haben, ist die Außenseiterrolle, die sie in ihrem sozialen Umfeld einnehmen und die Wichtigkeit des Glaubens in ihrem Leben. Die Probleme von Seidls Protagonisten wie Ehekrach, Eifersucht oder der Wunsch nach Liebe unterscheiden sich nicht wesentlich von denen anderer Menschen, jedoch haben die Gläubigen in Jesus, du weißt scheinbar niemanden, mit dem sie über ihre Probleme reden können. Hinzu kommt noch, dass sie bei ihrem Jesus nicht nur ständig ein offenes Ohr finden, sondern auch keinen Widerspruch bekommen und ihn ohne weiteres als Projektionsfläche für persönliche Sehnsüchte instrumentalisieren können.

Seidl filmt seine Protagonisten in den für ihn typischen streng komponierten und meist ungeschnittenen Einstellungen, die mit ihren spärlichen und dezentralisierten Arrangements die Einsamkeit und Zerrissenheit jener unterstreichen. Dabei konzentriert er sich hauptsächlich auf die Macht des gesprochenen Wortes und zeigt die Gläubigen immer nur kurz bei kirchlicher oder häuslicher Arbeit sowie diversen Freizeitaktivitäten.

Durch seine Sprachzentriertheit sowie seine karge und konstruierte Form ist Jesus, du weißt bei weitem sperriger geraten als frühere Werke aus Seidls Oeuvre. Wer sich aber in Ruhe auf die Bekenntnisse der Gläubigen einlässt, wird mit einem Einblick in die Mechanismen von Religion als Mittel gegen Einsamkeit und Angst belohnt. Das ist zwar nichts bahnbrechend Neues, aber hier lassen sich die dunklen Seiten des Glaubens zumindest an konkreten Beispielen verfolgen.

Jesus, du weißt

So sehr sich auch der Glaube der Beteiligten haarscharf am religiösen Fanatismus bewegt, bleiben ihre Bekenntnisse immer menschlich nachvollziehbar. Natürlich schmunzelt man teilweise über die Aussagen der Beteiligten ebenso wie einen das uneingeschränkte Vertrauen der Gläubigen in ihren Gott manchmal traurig macht. Doch statt seine Protagonisten vorzuführen oder der Belustigung preiszugeben, solidarisiert Seidl sich mit ihnen und lässt ihre intimen Bekenntnisse unkommentiert stehen. Was die Gläubigen von sich erzählen, bleibt immerhin ihnen selbst überlassen.

Auch wenn im Kontext von Seidls Gesamtwerk Jesus, du weißt durch seinen simplen Aufbau und seine etwas einseitige Darstellung der Gläubigen künstlerisch eher ein schwächerer Film ist, weiß er doch zu faszinieren und verkürzt die Wartezeit bis zu seinem nächsten Werk Import/Export, bei dem er mit dem amerikanischen Kameramann Ed Lachenmann, der unter anderem für die Bilder in Ken Park (2002) und Far From Heaven (2000) verantwortlich war, zusammen arbeitet. Für vom Christentum traumatisierte Zuschauer dürfte Jesus, du weißt jedoch mit seiner Aneinanderreihung von teilweise haarsträubend „naiven“ Aussagen eine Tortur sein.

Kommentare


Hlsebastian

Ihr Kommentar zeugt von einer so perfiden Christenfeindlichkeit, dass es einem die Sprache verschlägt. Was fällt Ihnen ein zu behaupten, es wäre die "dunkle Seite" der Religion, wenn sich Menschen an ihrem Glauben aufbauen?? Atheisten sollten prinzipiell keine Kommentare über religiöse Filme schreiben dürfen. Schämen Sie sich.


Michael

1. Bin ich natürlich nicht der Ansicht, dass man sich als Atheist nicht über Filme mit religiösem Inhalt äußern darf. Das würde ja auch bedeuten, dass ich nur über Nazi-Filme schreiben darf, wenn ich selber Nazi bin. Ein Blick von Außen kann doch durchaus aufschlussreich sein.
2. Wenn ich über die dunklen Seiten der Religion spreche, beziehe ich mich auf bestimmte Personen im Film, die ihr Leben einfach nicht auf die Reihe kriegen und sich von der Gesellschaft isolieren. Da gibt es eine Frau, die ihren Glauben missbraucht, um den Menschen in ihrem Umfeld Böses zu wünschen. Oder einen jungen Mann, der aufgrund seiner Religion ein völlig gestörtes Verhältnis zur eigenen Sexualität hat. Ich halte das schon für dunkle Seiten und dass ich insgesamt eine kritische Einstellung, nicht nur gegenüber dem Christentum, sondern gegenüber allen Religionen habe, will ich gar nicht leugnen.
3. Ist es nicht ein wenig anmaßend, sich als (noch dazu gläubiger) Sterblicher den Usernamen Hl. Sebastian zu geben?






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