Jersey Boys

Nichts als Rampenlicht und -schatten: Aus einem erfolgreichen Broadway-Musical um Frankie Valli und die Four Seasons hat Clint Eastwood ein Biopic mit vielen braunen Anzügen gemacht.

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Christopher Walkens Tränen sind nur behauptet. Als Mafiaboss DeCarlo ist er gerührt, weil der ihm vor allem als Frisör bekannte Frankie (John Lloyd Young) mit engelsgleicher Stimme das Lieblingslied seiner Mutter singt. Doch das Close-up ist kaum vorbereitet. Wir springen in diesen Moment hinein, der Anfang des Songs wurde uns vorenthalten. DeCarlos feuchte Augen sind deshalb nicht Teil einer Bewegung, sondern nur stilles Bild – mit eher informativem als affektivem Gehalt: Der Pate wird von nun an auch zum Paten von Frankies Karriere.

Die behaupteten Tränen sind so schnell wieder verschwunden, wie sie gekommen waren, und verdeutlichen damit ein grundsätzliches Problem von Clint Eastwoods Jersey Boys: Die Musik von Frankie Valli und seinen Four Seasons, sie ist nur der Aufhänger für ein recht dialoglastiges Drama. Ihre Größe, ihre Leidenschaft, ihr Erfolg ist Prämisse. Wir müssen nicht sehen, nicht erfahren, bei welcher Zeile DeCarlo die Tränen kommen, weil wir nicht der Musik lauschen sollen, sondern einer Geschichte.

Beiseite gesprochen: Wo sind die Sixties?

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Bei seiner Verfilmung des gleichnamigen Musicals, das jahrelang erfolgreich den Broadway bespielte, rückt Eastwood zwar behutsam ab von den Inszenierroutinen seiner letzten Filme – die sonst häufig selbst komponierten simpel-eingängigen Score-Motive würden in einem Popfilm wohl auch eher stören –, doch tut der Kompromiss zwischen Regisseur und Gegenstand dem Film nicht immer gut. Die für die Musiknummern notwendigen Ensemble-Einstellungen verschleppt Eastwood auch in den Großteil der Dialogsequenzen, was zu einer Vielzahl von Halbtotalen führt, in denen das Bild mit mindestens vier Personen gefüllt ist, die unangenehm häufig nicht Teil der Situation sind, sondern auf ihren Sprecheinsatz zu warten scheinen. (Das mag auch deshalb auffallen, weil Eastwood bis auf Walken und Vincent Piazza auf die kino-unerfahrenen Darsteller des Original-Musicals zurückgegriffen hat.) Eine wenigstens intendierte Theater-Avance stellt das anscheinend wieder in Mode kommende Beiseitesprechen dar. Im ersten Teil von Jersey Boys richtet sich Kleinganove und Bandmitglied Tommy DeVito (Piazza) an uns und sieht dabei direkt in die Kamera, später verteilt sich die Erzählerfunktion auf zwei weitere Figuren.

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Auch wenn hinter dieser Entscheidung wohl in erster Linie Woody-Allen-Co-Autor Marshall Brickman vermutet werden kann, der am Script von Jersey Boys mitgearbeitet hat, sind diese Szenen weniger stadtneurotische Illusionsbrüche als praktische Lieferanten gerade nötiger Background-Infos in Form subjektiver Erinnerung. Der Spielfilm wird on the fly zur dokumentarischen Rekonstruktion, die Figuren mitten im Bild zu Talking Heads. Damit weben sich zwar einerseits subtile Deutungskämpfe in die eigentlich neutral erzählte Geschichte. Doch das regelmäßige Umschlagen in die Tonlage biografischer Retrospektive erschwert zugleich das Ankommen in New Jersey, und die dort im Zentrum stehenden italo-amerikanischen Familienbande lassen wiederum schmerzlich an milieusensiblere Regisseure denken. Doch bald entsteigt dem Scorsese-Setting eine spektakuläre Falsettstimme, auf die man schließlich auch in New York aufmerksam wird. Die immer wieder explizierte räumliche Situierung des Films wird dabei begleitet von einer höchstens sporadischen zeitlichen Verortung. An einer Einordnung des Four-Seasons-Sounds in die Kulturgeschichte der USA scheint Eastwood jedenfalls kaum interessiert zu sein – in den Charts treten die Four Seasons scheinbar gegen sich selbst an. Der Lebenswelt-Clash zwischen Mafia-Kodex und New Yorker Pop-Business bleibt ebenso in It’s-a-Jersey-Thing-Klischees stecken, wie die in einem Porträt hoch singender Männer zumindest angelegten queeren Untertöne in eine Liberace-Anspielung sublimiert werden, bevor sie noch Spannenderes anstellen könnten.

Als Antwort nur Brauntöne

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Doch noch auf einer tieferen Ebene ist Eastwoods Umgang mit der Geschichtlichkeit seines Sujets ein Problem. Für ein Musical mag sich die Frage der Historizität des Materials gar nicht stellen, es muss ohnehin eine affektive Gleichzeitigkeit von Damals und Heute hervorbringen. Das Kino, jedenfalls das klassisch-narrative, für das Eastwood steht, kann das nicht so einfach – und hier antwortet es mit Brauntönen. Den Coens ist es in ihrem thematisch verwandten Inside Llewyn Davis (die Innerlichkeitsbarden der dort porträtierten Folk-Revival-Anfänge scheinen allerdings aus völlig anderen frühen 1960er Jahren zu stammen als die zeitlich und räumlich nur wenige Monate und Häuserblocks entfernten Jersey-Croons im Anzug) erst kürzlich gelungen, einen nostalgischen Look zu erschaffen, der keine Distanz, sondern die drängende Präsenz des einst gegenwärtigen Moments beschwor. Die Erkenntnis, einer vergangenen Zeit beizuwohnen, entströmte nicht dem Abnicken passender period details, sondern ging aus dem melancholischen Grundton eines Werks hervor, das zugleich beharrlich auf seiner filmischen Aktualität insistierte.

Jersey Boys geht es weniger darum, dass das hier gezeigte Früher mal ein Jetzt war. Der Film funktioniert im strengen Modus des So-war-das-damals, der das Vergangene seiner Kraft beraubt. Das ist vor allem für die Musik ein Problem, die schließlich nicht im Rück-, sondern nur im Augen-Blick zu Tränen rühren kann. Die biedere Illustrationslogik des Biopics degradiert die musikalischen Nummern von autonomen Bedeutungs- und Handlungsträgern zur netten Abwechslung vom Dialogkino. Aus dieser konsequenten Umkehrung der Musicalform entsteht nun gerade kein Eastwood’scher Musikfilm – von seinen Achtziger-Ausflügen in dieses Genre (Honkytonk Man, 1982; Bird, 1988) ist der Regisseur jedenfalls meilenweit entfernt –, sondern ein weiteres souverän abgehandeltes Thema im Spätwerk. Nach dem Wahlsieg Nelson Mandelas und dem Aufstieg und Fall des J. Edgar Hoover nun eben die Road-to-Fame-Geschichte des Frankie Valli.

Vorausgeworfene und ausgeleuchtete Schatten

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Doch statt des naheliegenden Altmeister-überm-Zenit-Resümees lieber nochmal konkret: Diese Geschichte ist nicht nur überraschungsfrei inszeniert, sie ist auch selbst einfach nicht aufregend genug. Eine kriminelle Vergangenheit hat noch jeden Protagonisten eingeholt; Eifersüchteleien zwischen den Mitgliedern einer Vierer-Combo sind ebenso vorprogrammiert wie Schicksalsschläge mit den zugehörigen Einsichten; und die einzigen Frauenfiguren („Figuren“ ist fast zu viel gesagt) dürfen als Ehefrau oder Geliebte dem Helden die Kehrseiten des Erfolgs vorhalten – oder als Tochter wegen der väterlichen Vernachlässigung eine Drogenkarriere im Off starten. Dass Jersey Boys nicht viel mehr zu erzählen hat als die ewig gleiche Geschichte vom Rampenlicht und seinen Schatten, das macht die Unterordnung von Musik und Tränen unter das Narrativ nur umso schmerzhafter.

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Kommentare


Carsten

Eine treffende Kritik, wie ich finde. Komischerweise war ich trotzdem bei der Schlussnummer mit dem Film versöhnt. Vielleicht weil hier endlich das Narrativ über Bord geworfen wird und der Film doch noch zum Musical wird.






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