Jerichow

Thomas, Laura und Ali: Christian Petzold entwirft eine Dreiecksgeschichte in der ostdeutschen Provinz zwischen einsamen Häusern im Wald, Dönerbuden und den Sandstränden der Ostsee.

Jerichow

Eine Erntemaschine mit zwei Eisenflügeln von gigantischen Ausmaßen pflügt sich langsam durch das Gurkenfeld. Auf den Flügeln liegen bäuchlings die Erntehelfer, unter ihnen Thomas (Benno Fürmann), das Gesicht den Pflanzen zugewandt, und sammeln die Gurken ein. Selten sieht man im Kino so etwas wie diese Gurkenmaschine, dieses bemannte Ungeheuer der industrialisierten Landwirtschaft. Sie kommt nur in einer kurzen Szene vor in Jerichow, Christian Petzolds neuem Film, und doch nicht zufällig. Wie in jedem Petzold-Film, so ist auch in Jerichow die Spielfilmhandlung in ökonomischen Strukturen verortet  und interagiert mit diesen. Die Gurkenmaschine, eben doch mehr als ein in Stahl geronnener Anachronismus, wird in einer Einstellung, in der Totalen, gleichzeitig zum eindeutigen Bild und zur fantasmatischen Übersteigerung des Ausbeutungssystems, das der Kapitalismus umso mehr ist, je weniger man weiß, woher die Salatgurken aus dem Supermarkt stammen.

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Thomas, ein Afghanistanveteran, der einen Neuanfang versucht, ist nicht lange Erntehelfer. Auch sein neuer Job führt ihn in eine Branche, der man im Kino äußerst selten begegnet. Eines Tages trifft er Ali (Hilmi Sözer), hilft ihm aus einer Notlage und wird bald darauf sein Fahrer und Assistent.  Ali hat im nordostdeutschen Niemandsland eine Imbissbudenkette aus dem Boden gestampft und es mit ihr zu mäßigem Wohlstand gebracht. Gemeinsam mit Thomas tingelt er nun durch die Provinz, kassiert die Einnahmen von Dönerständen, liefert Lebensmittel an chinesische Schnellrestaurants. Hier sind die Ausbeutungsmechanismen subtiler, vielschichtiger, nicht exakt vorhersehbar, insbesondere wenn sie sich um einen Menschen wie Ali herum organisieren. Ali ist cholerisch, hat eine Schwäche für Alkohol und ist für seine Frau Laura (Nina Hoss) ein paar Jahre zu alt. Das freilich ist nicht das einzige Problem zwischen den beiden. Laura wird auf den neuen Fahrer ihres Mannes genauso schnell aufmerksam wie dieser auf sie.

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Jerichow ist der bisher geradlinigste, reduzierteste Film Petzolds, abgesehen von einem kurzen, irritierenden Prolog beschränkt er sein Personal auf die drei Hauptfiguren, die an wenigen, immer wiederkehrenden Schauplätzen interagieren. Das Handlungsgerüst entstammt James M. Cains mehrfach verfilmtem Kriminalroman The Postman Always Rings Twice. Petzolds wie immer hochökonomische Regie destilliert aus der Vorlage die zentrale Liebestragödie in einer Schlichtheit, die das exakte Gegenteil ist zum barocken Exzess der Filmversion Bob Rafelsons aus dem Jahr 1981 mit Jack Nicholson und Jessica Lange in den Hauptrollen. Thomas' und Lauras Affäre ist pure, körperliche wie inszenatorische Wucht, manifestiert sich zunächst in heimlichen Blickwechseln - Schuss-Gegenschuss durch Gardinen und hinter Garagenwänden - und später in schnellem hartem Sex in Großaufnahme sowie wilden Umarmungen fast vor den Augen Alis.

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Eine tolle Figur ist dieser Ali und sie wird von Hilmi Sözer, der eigentlich auf Komödienrollen spezialisiert ist, perfekt verkörpert. In seiner Mischung aus Paranoia, Schwermut und Masochismus, allgemein in seiner Expressivität, in seiner – freilich immer schon pathogenen – Vitalität nimmt Ali eine Rolle ein, die es im Kino Petzolds bislang nicht gegeben hat. Nicht die melancholische, dabei aber stets in sich ruhende, kraftvolle Maskulinität Benno Fürmanns strahlt Sözer aus, sondern eine ihrer selbst zutiefst unsichere, hektische, eine die nie zum Stillstand kommt, sich ständig neu erfinden muss und sich dabei zielsicher selbst zerstört. Eine Männlichkeit, die im ständigen Kampf gegen eine feindselige Umwelt – trotz der blonden deutschen Frau und dem großen Haus bleibt Ali ein Türke in Sachsen-Anhalt – zu einer paranoiden geworden ist und nun langsam zerbröckelt.

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An dieser Figur entzündet sich der Film, sie treibt ihn an und führt ihn seinem zwangsläufigen Ende entgegen. Sie verleiht ihm eine Dynamik, die Petzolds Kino, das gerade in den letzten beiden Filmen (Yella, 2007, Gespenster, 2005) bisweilen in ihrer intellektuellen Brillanz zu erstarren drohte, manchmal fehlte. In einer Szene früh im Film drängt er, völlig betrunken und gleichzeitig vielleicht doch völlig klar, Laura und Thomas einander auf, sie sollen am Strand der Ostsee im Sand zur türkischen Musik aus dem Radio miteinander tanzen. Was genau seine Intention ist, wenn er Thomas' Hand auf Lauras Rücken platziert, lässt der Film offen; In jedem Fall steckt ein große Portion Masochismus darin, sowie ein Todestrieb, auf den bereits die erste Begegnung zwischen Thomas und Ali verweist. Da sitzt letzterer, nach einem Autounfall, am Straßenrand und sein Mund blutet. Und er denkt gar nicht daran, sich das Blut vom Mund zu wischen.

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