Jeder der fällt hat Flügel

„Und dann war ich allein.“ Peter Brunner ist ein ebenso zärtlicher wie poetischer Film über Abschied, Tod und Trauer gelungen.

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Das Leben, das sich seines unvermeidlich bevorstehenden Endes bewusst ist, bezeichnete Martin Heidegger als „Hinlaufen zum Tode“. Diese finale Ziellinie hat die Großmutter (Renate Hild) schon zu Beginn von Jeder der fällt hat Flügel beinahe erreicht. Ihr Tod kündigt sich an allen Ecken und Enden des Films an: Sie weint leise vor Schmerzen und sagt ihrer Enkelin Kati (Jana McKinnon) immer wieder, wie wichtig es sei, voneinander Abschied zu nehmen. In ihrem Haus tickt ein Wecker, in ihrem Körper eine Lebensuhr – und auf dem Fernsehbildschirm im Wohnzimmer laufen Videos von einer (ihrer?) Beerdigung.

„Wenn’s dich nicht mehr gibt, was mache ich dann?“, fragt Kati, deren Verlustangst sich in schweren Asthmaattacken manifestiert. Kati und ihre kleine Schwester Pia (Pia Dolezal) sind für einige Tage zu Besuch bei der verwitweten Oma. Kati trägt die gesamte Zeit schwarze Kleidung, als nähme sie die Trauer um ihre Großmutter bereits vorweg. Jana McKinnon spielt Kati als ein sehr ernsthaftes, sensibles und verantwortungsvolles Mädchen an der Schwelle zum Frau-werden. Sie kümmert sich mit großer Hingabe sowohl um ihre Schwester als auch um die Oma. Nur ganz selten verraten einzelne, teils gegen sich selbst gerichtete Aggressionen, dass diese Rolle sie überfordert. In einer verstörenden, mit Nahaufnahmen schön eingefangenen Sequenz durchsticht sie mit einem dornigen Ast ihre Haut und zieht sie wie mit einem Haken empor.

Die Liebe und der Realismus

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Peter Brunner zeichnet ein inniges, rein weibliches Universum voller körperlicher und emotionaler Nähe, ohne Scheu vor Aufrichtigkeit und Verletzlichkeit. Das physische Miteinander von Kati und ihrer Oma spielt dabei eine noch weitaus wichtigere Rolle als die starken, unverstellt wirkenden Dialoge. Mit großer Aufmerksamkeit beobachtet Brunner das Band der Liebe, das sichtbar wird, wenn die Oma sanft Katis Kopf streichelt, die Hand ihrer Enkelin mit den eigenen Händen umfasst oder ihr einen Nasenkuss gibt – oder wenn die beiden einander mit warmen Blicken und flüsternden Stimmen begegnen. Geschickt kehrt Jeder der fällt hat Flügel dieses Verhältnis nach und nach um, denn je länger der Film andauert, desto mehr ist es Kati, die die fürsorgliche Rolle übernimmt: Sie legt einen Arm um ihre vom Schmerz gepeinigte Großmutter, liebkost ihr Gesicht oder weint mit ihr. „Fühl es“, sagt die Oma einmal und drückt ihre Enkelin an sich, damit diese ihren Herzschlag spüren kann. Dass Brunner es schafft, dieses singuläre Vertrauensverhältnis zu porträtieren ohne dabei jemals in klebrige Sentimentalität oder – schlimmer noch – distanzierende Ironie abzurutschen, ist ein enormes Verdienst.

Der Grusel und die Kunst

Vielleicht noch beeindruckender als die erzählerische Umsetzung ist die visuelle Qualität des Films. Betörend schön ist Brunners Drama vor allem, wenn es den eigentlichen Plot mit (alb)traumhaften Fragmenten unterbricht und zugleich auf metaphorischer Ebene widerspiegelt. Diese hochgradig stilisierten Clips arbeiten mit Zeitlupen, düster-bläulichen Farbfiltern, surrealen und stark symbolbeladenen Bildideen. Sie sind in ihrer rauschhaften Entrücktheit einerseits losgelöst vom Realismus der Erzählung und spüren doch auf intuitive Art deren Inhalt nach. Schon die erste derartige Sequenz nimmt die seelischen Erschütterungen Katis präzise auf: Wir sehen das Mädchen nachts bewusstlos in einem Stall liegen, umringt von Schweinen, die eingepfercht auf den Tod warten. Kati erwacht, kauert wimmernd auf dem Boden, Blut klebt an ihrer Stirn. Etwas später schreitet der personifizierte, nur schemenhaft erkennbare Tod des Nachts entschlossen auf das Haus der Großmutter zu – in einem verzögerten Gegenschuss läuft diese ihm entgegen: Das Hinlaufen zum Tode. Katis bange Frage, was sie nur tun solle, wenn die Oma einmal nicht mehr ist, wird bildlich zitiert, wenn das Mädchen einen endlos ansteigenden, von mystischen Wolken umgebenen Hügel erklimmt und doch nie hinter dessen Kamm – das Jenseits des Berges – blicken kann.

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Diese optische Opulenz kulminiert schließlich in einer atmosphärisch dichten Collage, in der der Tod – der einzige Mann, der in diese Welt der Frauen eindringt – erstmals vollständig zu erkennen ist: eine tiefschwarze Präsenz, die Kameramann Franz Dude meisterhaft in einer bedrohlichen Untersicht einfängt. Die Aufnahmen seiner klauenartigen Hände, mit denen er Katis Oma der Welt entreißt, erinnern – wie auch die zuvor eingesetzten Unschärfen – an Philippe Grandrieux’ Un Lac, der aus out-of-focus-shots und menschlichen Händen ebenfalls gruselige Stimmungsbilder zaubert.

Überhaupt sind die Genre-Elemente von Jeder der fällt hat Flügel eine weitere Stärke des Films. Denn abgesehen von ein paar Soundeffekten setzt Brunner eben nicht auf Horror, sondern auf das im Genrefilm heute fast vergessene Phänomen des Grusels: Gänsehaut statt Schocks. Subtil lässt er das Unheimliche in diese Welt der Liebe eindringen – ob es die hexenhafte Physiognomie der Großmutter ist, die fast rituelle Schlachtung eines Karpfens oder die überraschende Bösartigkeit, mit der Katis sonst so unschuldige kleine Schwester einen (später brutal zermalmten) Käfer einsperrt und ihn mit gehässigem Hohn fragt: „Hast du keine Oma mehr?“

Die Großmutter und der Tod

Jeder der fällt hat Flügel ist ein kompromissloser Film. Nicht nur, was die durchweg bedrückende Trauerstimmung angeht, sondern auch in Bezug auf den fast schon aggressiv ausgestellten Charakter eines Kunst(!)werks: Ein auf Heine-Versen basierendes Schumann-Lied („Ich hab im Traum geweinet“) führt leitmotivisch durch den Film, der Voice-over-Kommentar Katis besteht aus Gedichten, die Erzählung wird achronologisch entblättert und mit malerischer Natursymbolik ausstaffiert. Vor allem aber ist dem 32-jährigen Wiener Regisseur Peter Brunner ein sehr reifer und persönlicher Film gelungen. Denn die Oma, die in einer der fragmentarischen Sequenzen mit schwarzen, von Tränen gezeichneten Augen direkt in die Kamera blickt, wird von seiner Mutter gespielt. Und wenn exakt dieses Motiv am Ende wieder auftaucht, während Schweine in wunderbar surrealen Bildern mit furchterregenden Grunzlauten durch das inzwischen leere, matschverschmierte Haus der verstorbenen Oma laufen – dann bekommt diese Szene eine ganz besondere Wirkung, wenn man weiß, dass das Haus der vor kurzem tatsächlich verstorbenen Großmutter des Regisseurs gehörte.

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