Jeannette

Der Front National würde in diesem Film nach wenigen Minuten verdursten. Und gleichzeitig können wir mit Bruno Dumonts tollem Rockmusical über die Kindheit Jeanne d’Arcs auch endlich La La Land vergessen.

Bruno Dumont ist wie ein Geisterjäger, eine Art Krieger gegen zwei der grässlichsten Schreckgespenster dieses Jahres: Marine Le Pens nationalstolzgestopfte Identitätsrhetorik und Damien Chazelles um das Musical, das er wahrscheinlich mal werden wollte, nicht einmal bemühter Film La La Land. Dumonts Jeannette ist ein Rockmusical über die Kindheit der französischen Nationalheldin, über die jungen Jahre der noch schafehütenden Jeanne d’Arc im überwiegend sandigen Nordosten Frankreichs – ihn zu sehen wirkt wie ein Gegengift.

Ein Initiationsraum

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Zu Beginn sehen wir in einem Bach ein singend-betendes Mädchen auf uns zukommen. Am unteren Bildrand erscheint in geschwungenen Ziffern das Jahresdatum: 1425. Allein das ist schon toll. Dass dieser von historischen Markierungen völlig undurchdrungene Raum sich einfach geschnappt wird, dass das Eintauchen in die Kindheit von der, die noch gar nicht Jeanne, sondern noch Jeannette heißt, die entsprechend auch noch gar nicht die ist, die sie wird, nicht mehr Mühe kostet, als diese vier Zahlen ins Bild zu pflanzen. Mit Ausnahme einer Szene spielt der gesamte Film in dieser struppig-sandigen, teilweise auch leicht bewaldeten, von Bächen durchzogenen Prärie. Keine Gebäude, geringster Kostümaufwand, minimales Personal. Mit Dumonts Jeannette gelangt man in keinen pseudo-authentischen historischen Raum, von ihm bekommt man kein Mittelalter, keine ikonischen Weltbilder, keine Mythen verkauft. Mit diesem Film gelangt man einzig in einen Initiationsraum, an eine vorzeitliche, strukturlose, natürliche, pasolinische Stelle in der Welt, die nur deshalb im mittelalterlichen Frankreich liegt, weil man es dazusagt. Mit Jeanne d’Arc ist bei Dumont weder eine konkrete Herkunft noch eine heroische Zukunft verbunden. Der Front National, der für die große Heldin des Hundertjährigen Krieges jährlich am 1. Mai einen selbstversichernden Gedenktag begeht, würde in diesem Film nach fünf Minuten verdursten.

Liturgisches Headbangen

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Jeannette singt vom Schlamassel ihrer Zeit, von dem wir im Grunde nie etwas zu sehen bekommen; sie singt sich hinein in ihr Schicksal als Märtyrerin im Kampf gegen die Engländer und Burgunder, von dem wir auch nichts sehen. Einem kleinen, zerlumpten Brüderpaar gibt sie von ihrem Brot ab, besingt – in einer musikalischen Kreuzung aus liturgischer Rezitation und sportlichen Heavy-Metal-Rhythmen – ihre Trauer über all die Hungernden, ihren Zorn über die plündernden, brandschatzenden und kirchenschändenden Invasoren, ihre Gottesehrfurcht und ihren politischen Tatendrang. Mit einer Nonne, die hier als Zwillingspaar auftritt (die sich also auf zwei Körper aufteilt), vertanzt sie ihre Glaubenskrise. Eine minimale, uneinstudierte Choreografie, die aufs gemeinsame Headbangen hinausläuft. Die Einstellungen sind immer starr, die Welt bleibt behäbig, wird durch die Musik gar nicht erst motorisiert; die Ornamente, zu denen sich die Körper sortieren, sind provisorisch und ungelenk, auch der Gesang ist intonatorisch und rhythmisch unsauber, die Tanzgesten sind individuell und spontan, der Zusammenklang von Singstimmen im Bild und Instrumentalapparat im Off ist prekär und rissig. Aber es geht auch nicht um Einheitsstiftung – und auch nicht um eine Welt, die sich beeindrucken und durch die Musik in Schwung bringen lässt. Ganz im Gegenteil: Hier geht es um eine Welt, die dem Musical, das sich ihr aufdrängt, gegenüber indifferent ist, in der immer wieder ein Schaf blökt, mitten in die Szene hinein, alles Bewegte wieder auf null bringend.

Ein unfertiger Zustand

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Anders als bei Chazelle wird bei Dumont gerade nicht die anvisierte Perfektion verfehlt. Hier treten Amateure auf, das sieht man auch, man soll es sogar sehen. Jeannette ist keine Heroine, sondern eine Anfängerin. Dumonts Film ist aber auch kein Anti-Musical, er will nicht dessen Welterzeugungsweisen dekonstruieren, es gewissermaßen mit seinen eigenen Waffen bekriegen, um so den Putz vom steinernen Mythos zu klopfen. Jeannette ist vielmehr ein Musical, das noch nicht fertig ist, eine offene und spontane Arbeit an der Legende der Jeanne d’Arc. Dieser Film hat gar keine richtige Figur vor Augen, will die Kindheit seiner Heldin gar nicht zum Anlass für ihre Zukunft nehmen. Wenn am Ende aus Jeannette Jeanne wurde, wenn sie aus dem Film heraus in ihr Schicksal hineinreitet, dann wird damit keine Teleologie erfüllt. Für Chazelle ist das Musical ein Reproduktionsmedium für den klebrigen Hollywoodmythos, von dem er träumt (dass er diesen Albtraum lieber für sich behalten hätte, kommt da noch hinzu), für Dumont ist es hingegen eine Experimentierbühne, um auf den noch völlig unfertigen Zustand dessen blicken zu können, was später einmal Jeanne d’Arc werden würde, oder werden könnte.

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