Jean Gentil – Kritik

Aus dem urbanen Moloch in den Dschungel: Jean Gentil folgt den Spuren eines Heimatlosen und setzt das verwüstete Haiti auf die Landkarte des Weltkinos.

Jean Gentil 1

Wir treffen Jean Rémy Genty zum ersten Mal in den Straßen der dominikanischen Millionenstadt Santo Domingo, doch ist er dort nicht zu Hause. Genty, vom Filmtitel in Jean Gentil, den sanften Jean, umbenannt, ist Haitianer und seit dem katastrophalen Erdbeben im Januar 2010, das beispiellose Verwüstungen in das ohnehin immer wieder von Naturkatastrophen erschütterte Land trug und über 300.000 Menschenleben forderte, einer von Millionen Obdach- und Heimatlosen des Inselstaates. Die Armut und Verlorenheit, in die er so geworfen wird, ist dabei – dies legt der Film jedenfalls nahe – neu für Genty, der in seiner Heimat Professor war und nun ohne Arbeit, Hoffnung und Geld durch die Straßen der Metropole irrt.

Immer wieder droht Genty in diesem ersten Teil dieses schönen Films von Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas im molochartigen urbanen Ambiente verlorenzugehen. Dann aber zieht es ihn ins Landesinnere, in den Dschungel, und hier verschiebt sich der Erzählmodus von Jean Gentil noch weiter hin zum Still-Meditativen. Die Filme des Argentiniers Lisandro Alonso kommen dabei immer wieder in den Sinn, der in seinem Meisterwerk Los muertos (2004) ebenfalls ein Individuum auf seinem Weg aus einer katastrophisch empfundenen urbanen Biografie heraus in den Dschungel begleitet – und somit gleichzeitig in die Vergangenheit, in die absolute Fremdheit und vielleicht auch in den Tod.

Jean Gentil 2

Die Geschichte von Jean Rémy Genty, der hier an einer gescripteten Narration entlang seine eigene Biografie in den Film trägt, verbietet sich jedoch den Drift ins Abstrakte, der durch Alonsos elliptische Figurenzeichnung begünstigt wird. Jean Gentil bleibt nah an seinem Protagonisten, dessen individuelles Schicksal immer im Fokus bleibt, ohne jemals den Anspruch des Exemplarischen zu reklamieren. Nicht etwa dass es Tausende, Millionen Menschen mit ähnlichen Geschichten geben könnte, behauptet die Inszenierung – sondern, aus Respekt vor Genty, seinem so sanften, so verlorenen und doch so eindrucksvollen Protagonisten, nur, dass es Zahllose gibt, die seine Heimatlosigkeit infolge der Naturkatastrophe von 2010 teilen. Jede ihrer Geschichten hingegen ist einzigartig.

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