Je t'aime, je t'aime – Kritik

Eine schwindelerregende Reise in die eigene Erinnerung. 

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Die Zeit ist in den frühen Filmen von Alain Resnais aus den Fugen geraten. Für den Zuschauer gibt es hier keine Sicherheiten mehr. Anstatt sich an einer linearen Erzählweise orientieren zu können, wird er auf eine Reise ohne Kompass geschickt. In Hiroshima, mon amour (1959) oder in Letztes Jahr in Marienbad (L'année dernière à Marienbad, 1961) wird allerdings nicht nur die Chronologie der Ereignisse durcheinander gebracht, auch die Vergangenheit ist keine objektive Rekonstruktion mehr, sondern reine Erinnerung der Figuren. Was davon wirklich erlebt wurde und was der Fantasie entsprungen ist, bleibt ungewiss.

Das Reisen durch verschiedene Zeiten gibt es natürlich nicht nur bei Resnais, sondern finden sich als Besonderheit auch in der Science-Fiction. Umso konsequenter erscheint es, dass Resnais mit Je t’aime, je t’aime (1968) einen Film gedreht hat, der sich Erzählkonventionen unter den Vorzeichen dieses Genres verweigert. Es geht darin um einen Verleger namens Claude (Claude Rich), der nach einem Selbstmordversuch im Krankenhaus landet und dort von einer mysteriösen Vereinigung, die nichts Geringeres als die Zeit erforscht, für ein Experiment rekrutiert wird. Eine Maus haben die Wissenschaftler bereits für einige Minuten in die Vergangenheit geschickt, doch die kann leider nichts von ihren Erfahrungen berichten. Und so erklärt sich Claude, der, aus zunächst noch mysteriösen Gründen, nichts zu verlieren hat, zu einem Schritt in sein früheres Leben bereit.

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Zeitreisen funktionieren bei Resnais allerdings anders als etwa bei Robert Zemeckis’ Science-Fiction-Komödien-Trilogie Zurück in die Zukunft (Back to the Future I-III, 1985-90). Hier besteht nicht die Gefahr, einer jüngeren Version seiner selbst über den Weg zu laufen, vielmehr wird die Vergangenheit über die Erinnerung ein zweites Mal erlebt. Ein treffendes Bild dafür findet der Film mit einer Zeitmaschine, die wie ein riesiges Gehirn aus Schaumstoff aussieht. Nach einem geradlinigen Einstieg in die Handlung kommt es schließlich durch einen technischen Fehler der Maschine zu einer wilden Collage aus Zeitsprüngen.

Die letzten Lebensjahre des Protagonisten geraten zu einem Strudel aus Ellipsen, Wiederholungen und Variationen. Für den Zuschauer kann das wie schon bei älteren Filmen Resnais’ mitunter eine frustrierende Angelegenheit sein. Zwar kristallisiert sich unter den zahlreichen Begegnungen mit schönen Frauen eine zentrale Liebesbeziehung mit Catrine (Olga Georges-Picot) und vielleicht auch ein Mord heraus, doch in welcher räumlichen und zeitlichen Relation die zwischen einer Sekunde und einigen Minuten dauernden Szenen zueinander stehen, lässt sich nur erahnen. Die Folge von Ursache und Wirkung zerhacken Resnais und seine Cutter Albert Jurgenson und Colette Leloup mit harten Schnitten in unzählige kleine Fragmente. Ein Schuss ohne Gegenschuss oder eine Reaktion ohne Aktion werden zu Bestandteilen eines Rätsels, für das der Film nur teilweise eine Auflösung bereithält.

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Hat man sich erst einmal auf Je t’aime, je t’aime und seine nie ganz durchschaubaren Ordnungsprinzipien eingelassen, eröffnet sich ein Kinoerlebnis jenseits des Diktats der Linearität. Es ist dann auch weniger die eigentlich sehr einfache Handlung, die den Film auszeichnet, als sein unhierarchischer Umgang mit einzelnen Story-Elementen. Banales steht demokratisch neben Bedeutendem, abstrakt bleibende Schnipsel neben längeren szenischen Einheiten. Nur manchmal werden assoziative Verkettungen angedeutet, mal durch Gemeinsamkeiten im Dialog, mal durch Schauplätze und mal durch Bewegungen, die, wie in Maya Derens wegweisendem Experimentalfilm Ritual in Transfigured Time (1946), über den Schnitt räumliche und zeitliche Grenzen überwinden.

Häufig wird dabei gerade das Unwichtige als wichtig markiert, etwa wenn Nebensächlichkeiten eine motivische Funktion übernehmen. So sind es unter anderem Tiere wie Mäuse und Katzen, die immer wieder durchs Bild huschen. Den Blick auf sie lenkt Resnais durch absurd komische Dialoge. Einmal erzählt Catrine etwa von ihrer Theorie, dass Katzen eigentlich die Krönung der Schöpfung seien und der Mensch nur existiert, um ihr zu dienen, sie zu füttern und technische Geräte für ihren Komfort zu entwickeln. Durch solche Leitmotive, aber auch durch seine rhythmusbetonte Montage erinnert Je t’aime, je t’aime denn auch am ehesten an ein Musikstück, und zwar an eines, das die spröde Schönheit einzelner Klänge nicht der Ökonomie seiner Gesamtkomposition unterordnet.

Trailer zu „Je t'aime, je t'aime“


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