Jason Bourne

Gefährlicher als Edward Snowden und noch immer in der Identitätskrise: Jason Bourne scheucht zum vierten Mal die CIA auf. Und Regisseur Paul Greengrass entfaltet ein Bewegungsspiel, dessen Spannung sich ganz entspannt erwarten lässt.

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Eine ganze Reihe europäischer Hauptstädte sieht man bei Nacht von oben. Reykjavik ist zugeschneit und glitzert sehr hübsch die Küste entlang. Athen liegt da wie ein riesiger, leuchtender Fladen, und in Rom schimmern golden die Straßenzüge in den Himmel. Diese kontemplativen Helikopteraufnahmen haben stets etwas Wohltuendes. Nicht nur, weil in ihnen – sieht man von der Paukenschlägerei im Hintergrund einmal ab – die ganze Raserei zwischenzeitlich zur Ruhe kommt, sondern auch, weil hier der Raum in seiner statisch-leuchtenden Schönheit wieder sich selbst gehört. Denn haben die Amerikaner einmal ihr Geheimdiensttechtelmechtel in diese Städte verlegt, sieht es düster aus für sie. Tatsächlich gelingt es einer Handvoll CIA-Agenten und -Exagenten in Athen sogar während einer Großdemonstration in der Gegend des Syntagma-Platzes, mehr kaputtzumachen, als es die wirtschaftsgebeutelten griechischen Straßenmassen jemals zustande brächten. Aber um das Kaputtmachen alleine geht es jetzt auch nicht unbedingt.

Schlimmer als Snowden

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Jason Bourne, der mittlerweile zum vierten Mal die ganze – oder fast die ganze – CIA gegen sich hat und der noch immer seine Identität nicht ganz auf die Reihe bekommt, tuckert durch staubige Gegenden und verdient sich das Leben mit Prügelwetten. Großen, muskulösen, gefährlich tätowierten Männern gibt er einen Kinnhaken. Sie fallen um – unspektakulärer kann man nicht gewinnen. Als dann plötzlich die bekannte Nicky Parsons (Julia Stiles) mit einem ziemlich klobigen USB-Stick und neuen brandheißen Daten auftaucht, beginnt die schießwütige Gedächtnisauffrischung. Wer ist eigentlich Jason Bourne, wer war sein Vater, und welche Motive verfolgt der amerikanische Geheimdienst – so die Problemlagen dieses Films.

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Würde Bourne die Daten über allerhand Geheimprogramme der CIA veröffentlichen, dann wäre das um einiges fataler als die Snowden-Affäre, heißt es einmal. Der faltige und ganz besonders gestrige CIA-Direktor Robert Dewey (Tommy Lee Jones) will da natürlich sofort eine Lagebesprechung. Gleichzeitig giert die junge Aufsteigerin Heather Lee (Alicia Vikander) nach der Einsatzleitung und eigentlich auch nach dem Posten des Chefs. Und weil es, da Bourne erst mal wieder aus dem Schlaf gerissen wurde, ganz besonders brennt, wird zudem noch der Solokiller Asset (Vincent Cassel) aktiviert, dessen Vergangenheit sich mit der Jasons schon mal kreuzte.

Utopisch anschaulich

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Paul Greengrass – die Up-to-Date-Erzählung ist ihm ebenso wichtig wie den meisten seiner Kollegen – legt viel inszenatorisches Gewicht auf die Mechanismen und Angelpunkte der vernetzten Welt. Social Media und Massenüberwachung spielen zwar am Ende eine eher untergeordnete Rolle, dafür kommen aber sogar zwei wunderbar altbackene Peilsender zum Einsatz. Permanent sehen wir Oberflächen, auf denen Datentransfers, Firewalls und Bewegungsmuster in utopisch anschaulicher Weise präsentiert werden. In Echtzeit wird anhand wildblinkender Karten die geheimdienstliche Operation gesteuert. Um im Vorfeld Bournes Fluchtroute berechnen zu können, braucht man in Windeseile den Einsatzplan der Athener Polizei auf den Tisch. Dann dirigiert man Asset durch die Gassen und über die Dächer, macht irgendwelche punktgenauen Angaben über Schnittwinkel und Schussbahnen, die am Ende dann im aufgewirbelten Staub ersticken.

Wellenvarianten

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Im Grunde ist Jason Bourne ein Film, der kaum mehr macht, als solche Situationen in Wiederholung laufen zu lassen. Ein ständiges divergierendes und konvergierendes Bewegungsspiel. Das ist der Effekt einer Welt, in der immer alle den jeweils anderen einen Schritt voraus sind. In solchen Situationen – gewiss hilft hierbei auch die Bourne-berüchtigte Handkamera – zerreißt es den Raum. Der eine rennt nach links, der andere nach rechts. Vor den Bildschirmen und Satellitenkarten wachsen die Sorgen, schwellen die Stimmen an, werden die Hände panisch – zwei Punkte driften auseinander und finden wieder zusammen. Diese Wellenbewegungen sind dem Film so wichtig, dass man sich seitens der CIA gar nicht einigen kann, ob man Bourne nun wieder ins System reintegrieren oder doch eliminieren soll. Eine Einigung in dieser Frage wäre viel zu linear für diese Welt. Das Wellenspiel ist gezeitensicher reguliert; mit jeder Stadt entfaltet sich das immer gleiche Muster in neuer Variante. In dieser mechanischen Dynamik haben große Plot-Twists selbstverständlich keine Chance. Hier geht es schon lange nicht mehr darum, am Ende irgendeine Identität, irgendein Gedächtnis neu zu aktivieren. Hier geht es nur darum, auf den Wellen zu reiten, die von der Suche nach dem Ich vielleicht vor Jahren einmal in Gang gesetzt wurden. Und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Im Gegenteil, es ist sogar ganz gut so. Denn solange sich niemand wirklich darum scheren muss, wer Jason Bourne ist – ob er etwa, wie ein eher seltsamer Nebenstrang zu fragen scheint, ein echter amerikanischer Patriot ist –, haben alle genügend Zeit und Konzentration, dieses ganz simple Bewegungsgesetz trittsicher zu befolgen. Vielleicht macht der Film deshalb Spaß, weil seine ganze Spannung ganz entspannt erwartet werden kann.

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