Jane Got a Gun

Nach vier Jahren und etlichen Wechseln in Cast und Crew ist dann doch noch ein Film entstanden. Jane Got a Gun haben ausgerechnet die Mühen der Produktionsebene gut getan.

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Chaos in Hollywood: Da springt die eigentliche Regisseurin Lynne Ramsey am ersten Drehtag von Jane Got a Gun ab (die gegenseitigen Beschuldigungen zwischen ihr und den Produzenten laufen noch immer auf Hochtouren), Michael Fassbender muss irgendwann wegen der X-Men aussteigen, der designierte Oberbösewicht Jude Law hat ohne Ramsey keine Lust mehr und wird von Bradley Cooper ersetzt, dem dann aber American Hustle (2014) dazwischenkommt. Schließlich geht auch der Kameramann – immerhin Darius Khondji (Sieben (1995), The Immigrant (2013)), der mit einem Ausflug ins Western-Genre sicherlich hätte etwas anfangen können –, und Joel Edgerton, der noch vor Law für die Rolle des Bösewichts vorgesehen war, übernimmt mal eben Fassbenders Part: Dan, den Ex-Lover der titelgebenden Jane. Die wird dafür schon immer von Natalie Portman gespielt, der wohl einzigen Konstante in dieser wirren Geschichte. Seit 2012 ist sie dem Projekt verschrieben, hat den Film mitproduziert. An ihr Gesicht hängt sich nun auch die endlich von der Leine gelassene Kamera, in das Gedächtnis ihrer Figur schiebt sich das mehrmals umgeschriebene Drehbuch.

Verschaltung von Rückblenden

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Und in diesem Gedächtnis ist einiges los. Da konkurrieren sonnendurchflutete days of heaven mit unwürdigen Episoden im Bordell. Jane Got a Gun wird das alles zu seiner Zeit bebildern, wenn der Hauptstrang der Erzählung mal wieder ein bisschen background nötig hat, wenn wir mal wieder wissen müssen, warum sie nun wieder so traurig dreinschaut, wenn wir uns mal wieder fragen, was wohl dieser oder jener Mann für Spuren hinterlassen hat in ihrer Erinnerung. Aber das klingt vielleicht schlichter, als es sich darstellt: Gavin O’Connor, der den Film letztlich von Ramsey übernommen hat, ist als Mann fürs Grobe (Warrior (2011), Das Gesetz der Ehre (2008)) beim Inszenieren zwar nicht gerade subtil (verzichtet andersherum aber auch auf die generische Flucht ins Ikonische); die dramaturgischen Zügel hält er aber angenehm locker. Die Rückblenden sind stets klassisch aus einem bestimmten Moment geboren, verschalten sich aber irgendwann so ineinander, dass sie sich ihrer Funktionalität für einen bestimmten Plot Point entziehen und dem Film eine kreisförmige Struktur auferlegen, in dessen Mitte die Gegenwart keinerlei Autorität über die Vergangenheit erfährt, sondern von ihr heimgesucht wird, aus allen Richtungen und zu den unmöglichsten Zeiten.

Die getragene Heldin

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In dieser Gegenwart sind nicht nur die days of heaven mit Dan längst passé – er versprach wiederzukommen und kam nicht –, auch der nüchternere zweite Anlauf in Sachen Familienglück droht im Drama zu enden. Jane hat irgendwann Bill (Noah Emmerich) geheiratet, die gutmütigste der zwielichtigen Gestalten rund um den Oberschergen Colin McCann (letztlich gespielt von einem zunächst kaum wiederzuerkennenden Ewan McGregor), unter dessen Obhut sich die Verlassene gegeben hatte. Jahre später, in der ersten Sequenz von Jane Got a Gun, kommt dieser Bill nach einem Aufeinandertreffen mit seinen ehemaligen Gangkumpanen zurück nach Hause, mit einem Kugelloch im Rumpf. Jane stellt ihr kleines Kind bei Freunden ab und greift zur Gun, weil es so nicht weitergehen kann. Diese Leute müssen erledigt werden.

Wer jetzt ein feministisches Rachedrama erwartet, wird dann allerdings ziemlich enttäuscht. Jane ist keine natural born gunfighter, sie wird gehärtet, weil der Wilde Westen kein Platz für ein nice girl ist. Der Antrieb für ihre toughen Handlungen speist sich eben doch aus den üblichen Kanälen: Selbstverteidigung, Kindsverteidigung, Heimverteidigung. Und irgendwann erinnert sich der Film daran, dass der gutmütige Bill sie in ihren großen Pranken eigenhändig aus der Prostitution getragen hat. Klar ist auch der Zwang zum weiblichen Starksein kein Patentrezept für progressive gender politics, aber derart unnötig konservative Bilder hinterlassen denn doch einen Beigeschmack.

Fast ein bisschen wie früher

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Und trotzdem entwickelt Jane Got a Gun in seiner für heutige Verhältnisse geradezu bescheidenen Laufzeit von 98 Minuten einen gewissen Reiz des Altmodischen. Schuld daran hat ausnahmsweise vielleicht nicht der kreative Austausch zwischen den Beteiligten, sondern der fortwährende Austausch der Beteiligten. Das Fließband befreit von Attitüden. Der Erzähldrang, der als Einziges die Fluktuation in Cast und Crew überlebt hat, verhindert allzu penetrante Zugriffe von Meta-Ebenen und filmhistorischen Dekonstruktionsbemühungen, ohne die der Western zuletzt kaum auszukommen schien. Wäre da nicht die naturalistische Nuschelei der Darsteller und die Explizitheit, mit der Jane ihrem Gatten die Gewehrkugeln aus dem Körper pult, man könnte sich tatsächlich in einen B-Western aus früheren Dekaden zurückversetzt fühlen.

Trailer zu „Jane Got a Gun“


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