Jagdfieber
Ein verzogener Braunbär, der in der Stadt aufgewachsen ist, wird mit dem rauen Leben in freier Wildbahn konfrontiert. Als die menschlichen Bewohner seiner alten Heimat die Jagdsaison ausrufen, ist er gezwungen, sich mit den neuen Verhältnissen zu arrangieren und den Kampf aufzunehmen.

Die Physiognomie des Braunbärs Boog, Held des Animations-Abenteuers Jagdfieber (Open Season), weist eine erstaunliche Ähnlichkeit auf mit der naiv-dreisten Katze Stimpy aus der anarchischen Zeichentrickserie Die Ren & Stimpy Show (The Ren & Stimpy Show, 1991-1996): Beide Tiere besitzen einen äußerst plumpen Körperbau, treudoofe Glupschaugen und eine platte, überdimensionierte Nase. Auch Boogs Sidekick, der Hirsch Elliot weißt mit etwas Fantasie Züge des Stimpyopfers und schwächlichen Loser-Hundes Ren auf. Wer nun jedoch aufgrund dieser Koinzidenz von Jagdfieber Körperflüssigkeitsfluten und andere Obszönitäten im Sekundentakt erwartet, wird wahlweise enttäuscht oder beruhigt das Kino verlassen: Boogs Abenteuer sind – sieht man von leicht militaristischen Tendenzen im letzten Filmdrittel ab – 100% jugendfrei.
Boog ist ein etwas verweichlichtes Exemplar der Gattung Bär, seit ihn die Wildhüterin Beth in früher Kindheit bei sich aufgenommen hat und in der heimischen Garage verwöhnt. Als Boog den extrovertierten Hirsch Elliot, der nur noch über die Hälfte seines Geweihs verfügt, kennenlernt, ist er bald gezwungen, die heimelige Stadtwohnung zu verlassen und sein Glück in freier Wildbahn zu suchen. Da der Braunbär mit der neuen Situation nicht zurecht kommt, plant er mithilfe seines aufdringlichen Begleiters die Rückkehr zu seiner geliebten Beth. Leider hat im Wald die Jagdsaison begonnen und so ist der gemütliche Boog gezwungen, sich gemeinsam mit Elliot und einer Horde weiterer Tiere den fellgierigen Menschen und insbesondere dem pathologischen Tierhasser Shaw zu stellen.

Jagdfieber ist der erste Film des neu gegründeten Animationsstudios Sony Pictures Animation. Sony ist Besitzer der Filmstudios Columbia, MGM und Universal, nun plant der japanische Mediengigant den Genregrößen Pixar und DreamWorks Marktanteile im lukrativen Trickfilmgeschäft abzujagen. Für den ersten Gehversuch in diesem Marktsegment wurde unter anderem Roger Allers engagiert, der Regisseur von Der König der Löwen (The Lion King, 1994), einem der erfolgreichsten und schönsten amerikanischen Zeichentrickfilme der letzten Jahrzehnte. Wer jedoch einen ähnlichen Meilenstein erwartet, wird enttäuscht. Das Sony Pictures Animation Studio geht mit seinem Erstling auf Nummer sicher.
Weder Hauptfiguren noch Story erscheinen sonderlich originell. Boog und Elliot wirken von der ersten bis zur letzten Minute wie Abziehbilder berühmterer und konsequenter gezeichneter Vorbilder wie „Probier´s-mal-mit-Gemütlichkeit“-Balu aus Das Dschungelbuch (Jungle Book, 1967) im Falle Boogs oder dem Esel aus Shrek (2001) im Fall des stets etwas derangierten Schwätzers Elliot. Auch Nebenfiguren und Plot gewinnen wenig eigenes Profil.

Technisch ist Jagdfieber mehr als ansehnlich. Die amerikanischen Animationsfilme sind inzwischen hinsichtlich der grafischen Darstellung der Oberflächen und Bewegungen auf einem erstaunlich hohen Niveau und der Erstling der Sony Pictures Animation Studios steht in dieser Hinsicht den aktuellen DreamWorks- und Pixar-Produktionen in nichts nach. Umso ärgerlicher, dass Jagdfieber inhaltlich noch weniger Risiken eingeht als die ebenfalls zunehmend homogene Konkurrenz. Zu allem Überfluss ist das Thema Mensch gegen Tier in diesem Jahr bereits von zwei anderen, deutlich originelleren, Animationsfilmen beackert worden: Zum einen Steve Oederkerks Der tierisch verrückte Bauernhof (Barnyard) und zum anderen DreamWorks´ Ab durch die Hecke (Over the Hedge).
Was nicht heißen soll, dass Jagdfieber völlig misslungen wäre. Die Zielgruppe wird durchaus mit solider Unterhaltung bedient und ist vielleicht gar nicht so traurig darüber, dass der Streifen im Gegensatz zur Konkurrenz auf popkulturelle Referenzen und andere Sperenzchen fast vollständig verzichtet. Auch die deutsche Synchronisation passt sich dieser handwerklich ordentlichen, jedoch etwas blutleeren Stilistik an: Boog wird von Jürgen Vogel gesprochen, der zwar einer der bekanntesten deutschen Schauspieler ist, jedoch nicht über ein allzu eindrückliches Organ verfügt, Elliot und Beth werden von den Fernsehstars Thomas Heinze und Alexandra Neldel mit vergleichsweise wenig Verve vertont.
Aller Anfang ist schwer; Die Shrek-Liga jedenfalls ist für Sony Pictures Animation noch lange nicht in Sicht.
Filmkritik von Lukas Foerster
Veröffentlicht am 15.10.2006
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Blog: Berlinale im Dialog

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Film-Angaben
Titel: Jagdfieber
Originaltitel: Open Season
USA 2006
Laufzeit: 99 Minuten
Regie: Roger Allers, Jill Culton, Anthony Stacchi
Drehbuch: Steve Bencich, Ron J. Friedman
Produktion: Michelle Murdocca
Kinostart: 09.11.2006
DVD-Angaben
Titel: Jagdfieber
Vertrieb: Sony Home Entertainment
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Türkisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Altersfreigabe: ohne Altersbeschränkung
Spieldauer: 83 Minuten
Extras: Kurzfilm: Boogs & Elliots nächtlicher Raubzug; Filmdokumentationen: Wie wurde „Jagdfieber" gemacht? Wer steckt hinter den Stimmen der tierischen Stars? (U.S.-Version); Entfallene Szenen; Musikvideo „I Wanna Lose Control (Uh Oh)" von Deathray; Audiokommentare zum Film mit den Machern von Jagdfieber; Spiel mit! Flipper-Fieber, Sprachen-Spiel, Glücksrad, Wie entstand die Filmszene „Der Biberdamm bricht"?; Ringtales (Handy Videos); Bildergalerien; Exklusive Vorschau, Trailer, Die Film-Stars
Verleih ab: 13.03.2007
Verkauf ab: 13.03.2007
Copyright Jagdfieber
Fotos: © Sony Pictures
BERLINALE 2012

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