Jack

Die Jungen ohne Fahrrad. Edward Berger zielt nicht auf Betroffenheit.

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Das ferngesteuerte Modellboot will nicht mehr. „Du kannst nicht schwimmen“, ruft Jack seinem kleinen Bruder zu, als sich dieser am Ufer eines Berliner Sees aufmacht, sein Spielzeug aus dem Wasser zu fischen. Die Lösung in Form eines langen Astes ist schnell gefunden. Jack (Ivo Pietzcker) hat immer Lösungen parat, er ist ein umsichtiger Pragmatiker und eingeübter Improvisator. Das Aneignen von Dingen, die Rollenfindung in der Situation, das ist seine Stärke, vor allem auch dann, wenn es darum geht, die eigenen Schwächen zu kaschieren – Schwimmen hat auch er vermutlich nie gelernt. Zumindest nicht jenes im Wasser. Jack ist zehn Jahre alt.

Chamäleon im städtischen Raum

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Edward Bergers Titelfigur ist ein Chamäleon, ein Multi-Protagonist, dessen verschiedene Rollen in Polaritäten der (familiären) Abhängigkeit eingebettet sind und gleich in den ersten Minuten radikalisiert aufeinanderprallen. Jack ist nicht nur großer Bruder, sondern auch Elternteil; in hektisch-routinierten Alltagsbewegungen eines Erwachsenen hängt er morgens die trockene Wäsche ab, richtet Frühstück und macht sich und den kleinen Manuel startklar für den Tag. Das Verhältnis zu seiner jungen Mutter Sanna (Luise Heyer), wegen deren regelmäßiger Abwesenheit die beiden Jungen oft auf sich allein gestellt sind, ist geprägt von freundschaftlicher Liebe statt autoritärem Machtgefälle. Man begegnet sich auf Augenhöhe, bespricht sich am Abendtisch, vor allem sprachlich ist die klassische Mutter-Sohn-Struktur hier aufgebrochen. Doch Jack ist eben vor allem auch Kind, eines, das etwa noch lernen muss, wie man ein Streichholz entzündet und in rebellischer Frühadoleszenz mit trotziger Eifersucht auf den neuen Liebhaber der Mutter reagiert. In kurzen, rudimentären Sequenzen im städtischen Raum Berlins – Wohnung, Park, U-Bahn – und mit beobachtender Zurückhaltung lässt Berger diese sich in den Beziehungen zu den anderen Protagonisten verwirklichende Vielschichtigkeit schimmern.

Bewährungsprobe des Improvisationskünstlers

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Mit zwei vor allem auf der Tonebene kontrapunktisch auf Schock getrimmten Gewaltszenen durchbricht der Film dann plötzlich diese offen gehaltenen Zuordnungen und beginnt kurzzeitig zu rollen. Jack lässt seinen kleinen Bruder versehentlich in zu heißem Wasser baden und wird daraufhin von den Behörden in ein Kinderheim geschickt. Als seine Mutter ihn zu Ferienbeginn nicht abholt und er im Affekt einen ihn drangsalierenden Jungen niederschlägt, haut Jack ab und macht seinen Bruder bei einer Bekannten ausfindig. Gemeinsam soll es nach Hause gehen, doch weder ist Sanna dort anzutreffen noch ein Schlüssel im gemeinsamen Versteck hinterlegt. Auf sich allein gestellt war Jack schon vorher, doch ohne Geld und Bleibe führt dies zu einer Odyssee, seine Improvisationskünste werden auf ihren existenziellen Gegenwert (Nahrungsbeschaffung und Übernachtungsmöglichkeiten) geprüft. Jack rückt dabei immer näher an seine beiden Protagonisten heran, ohne sich aber mit ihrer Perspektive zu vereinen oder einen wie auch immer gearteten moralischen Blick zu etablieren. Vielmehr setzt Berger die Jungen ähnlich wie zu Beginn erneut in ein Figurengeflecht, das nun aber nicht von Offenheit, sondern größtmöglicher Stereotypisierung geprägt ist und vor allem die verflossenen Liebschaften von Sanna zu hilflosen (nicht vaterschaftstauglichen) Akteuren macht. Jack und Manuel wiederholen auf der Suche nach ihrer Mutter deren eigene Suchbewegung, treffen Männer wie Ophir, den Techno-Drogi, der sie nicht einmal zu erkennen scheint, oder Jonas, den gutmütigen, aber (zu) korrekten Mietwagen-Agenten.

Haufenweise Zuckerpäckchen

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Berger begibt sich mit dem Anspruch eines sozialrealistischen Kinos auf ein im deutschen Kino und generell im Festivalkosmos reichlich vermintes Gebiet, umschifft die Fallen des Betroffenheitsfilms aber glücklicherweise weitgehend. Abgesehen von einem nach einiger Spielzeit einsetzenden Streicher-Piano-Motiv (das in seiner künstlichen Gesetztheit ständig wieder abbricht und so fast schon wieder dekonstruktivistisch gelesen werden kann) wird Jack bei aller Tragik kaum einmal zu melodramatisch. Stattdessen feiert der Film, ganz ähnlich übrigens wie die Brüder Dardenne in ihrem Der Junge mit dem Fahrrad (Le gamin au vélo, 2011), das Individuum Kind. Dabei gesteht er sich selbst eine Kindlichkeit zu, bleibt unbeschwert und entdeckt so auch immer wieder die Unbekümmertheiten seiner jungen Schicksale. Wenn etwa Jack und Manuel in einer Fußgängerzone vor lauter Hunger haufenweise aus einem Café geklaute Zuckerpäckchen verspeisen, dann geht da eben auch ein Kindertraum in Erfüllung.

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