J. Edgar

Er duldet keinen Widerspruch, egal in wessen Angesicht. Über Kontrollsucht und personifizierte Macht.

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Drei Mal geht J. Edgar Hoover am Bildnis von George Washington vorbei ins Oval Office, drei Mal wird er vom amerikanischen Präsidenten im Weißen Haus empfangen, immer bewaffnet mit einer kleinen Geheimakte über sein Gegenüber. Clint Eastwoods Film J. Edgar führt uns beispielhaft in die Ränkespiele ein, mit deren Hilfe sich Hoover unter acht verschiedenen Präsidenten als FBI-Direktor halten konnte – von 1924 (als es noch Bureau of Investigation hieß) bis zu seinem Tod 1972. Wenn es um eine Biografie wie die von Hoover geht, sind die Superlative schnell zur Hand. Plakat und Trailer künden gar vom „mächtigsten Mann der Welt“. Verlockend muss es da sein, das Biopic für eine Einordnung der historischen Figur zu nutzen, ihn neben Nixon und John F. Kennedy zu stellen, seine größten Taten in den Fokus zu rücken. Doch das raffinierte Drehbuch von Dustin Lance Black beschränkt ganz bewusst solche filmisch und historisch stark aufgeladenen Momente auf Anspielungen, kurze Zitate, durchgestellte Nachrichten – kurz: Die Geschichte ist immer schon eine überlieferte. Von Anfang an setzt Black dafür konsequent auf den Blick des Titelhelden: J. Edgar (Leonardo DiCaprio).

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Die jedem Biopic inhärente Frage nach der Perspektive, nach der Möglichkeit, eine persönliche Entwicklung zu rekonstruieren, macht der Film zum Prinzip der Erzählung und drängt seine Struktur ins Subjektive. Was anderswo eine erzählerische Krücke wäre, ist hier primär von Interesse: Wie betrachtet sich J. Edgar selbst? Es ist der alte Hoover, der vom jungen erzählt – und das gerade, obwohl über Psyche und Privatleben von Hoover so wenig bekannt ist. Als wäre es von Fakten unbelastet, bezieht Blacks Skript Position, lädt die Nacherzählung der frühen FBI-Jahre, des ersten großen Falls – die Entführung des Lindbergh-Babys – und seiner Karrieresprünge mit persönlichen Intentionen auf. Für eine Charakterstudie eignet sich die Figur des J. Edgar durchaus. Die Schwierigkeit des Unterfangens – wo eine Absicht behauptet wird, da geschieht eine Festschreibung – umschifft er zu Beginn, indem er einen Schwall an Handlungen auf uns niederregnen lässt.

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Das Drehbuch zeichnet einen getriebenen Mann, der sich nicht festnageln lässt, so  überzeugt er auch von seinen eigenen Meinungen ist. J. Edgar ist derjenige, der die anderen in die Ecke treibt; sein unbändiger Machtwille ist eng verknüpft mit einem Tatendrang, der sich um Legitimität nicht schert. Recht hat, wer Recht schafft. Die kongeniale Inszenierung setzt zum einen auf Leonardo DiCaprio, der wie schon in Aviator (The Aviator, 2004) erneut am Zenit seiner Kunst angelangt scheint und die ganze Palette einsetzen darf: von der jugendlichen Offenheit, dem unsicheren Charme des Muttersöhnchens, bis hin zum arrivierten Machtmenschen, mal streng, mal süffisant und schließlich immer noch verwundbar. Zum anderen verbindet Eastwood eine klassizistische Konzentration auf die Figuren mit einer assoziativen Montage, die das Subjektive in seinem Film noch stärker verankert.

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Der Aufstieg des jungen Hoover wird als verführerisch nachvollziehbare Kausalkette arrangiert. Nach den ersten Erfolgen und Fortschritten im Aufbau des FBI wird J. Edgar von einem Richter bloßgestellt. Was qualifiziere ihn denn eigentlich als Chef des Bureau? Habe er schon jemals einen Täter geschnappt? Die Demütigung währt nicht lange. Ein paar Schnitte später finden wir uns in einer Montagesequenz wieder, bei der J. Edgar sich zwischen seine Agenten und die Täter drängt: „Diese Festnahme gehört mir!“ Die Verbindungen, die der Film hier zwischen verschiedenen Zeiten und Orten schafft, sind die der Nacherzählung – als Echo eines um Kohärenz bemühten Gedächtnisses. Die im Film großangelegte Verschachtelung mehrerer zeitlicher Ebenen mag zunächst althergebracht wirken. Statt einer hierarchischen Ordnung zu folgen, springt J. Edgar von der Gegenwart der Memoiren zur Jugend, mutiert eine Erinnerung in die nächste, immer wieder setzt er auf Match Cuts, um die Wiederholung und Austauschbarkeit von Situationen, aber auch die Nähe von ganz unterschiedlichen Zeiten zu vermitteln. Großartig daran ist, dass es der Biografie des reservierten, strengen Mannes einen fast schon grazilen Schwung gibt, eine Dynamik, die den Taktierer hinterm Schreibtisch immer schon leicht deplatziert wirken lässt.

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Der Stil ermöglicht die dramatische Zuspitzung und erzählt ganz nebenbei eine Menge über die Vision der Filmemacher von ihrem Protagonisten. So versuchen sie erst gar nicht, die Widersprüche seiner Vita, vor allem die politische Kritik an seiner Arbeit und die brisanten Fragen, etwa nach der „Aufklärung“ des Kennedy-Attentates und der Hoover oft unterstellten Verwicklungen mit der Mafia, aufzulösen. Einerseits umgehen sie sie, indem sie diese nie direkt zum Thema erheben, andererseits spicken sie die Dialoge mit Einsprüchen Dritter, über die sich Hoover unbekümmert hinwegsetzt und so allein qua Diskussions-Verweigerung bereits Schuld auf sich lädt.

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Mit großer Präzision widmet sich J. Edgar dem Aufbau der Macht. Eastwood inszeniert die räumliche Eroberung der FBI-Büros, wie sich Hoover die Raucher-Lounge als Labor erschleicht, wie er sein Arbeitszimmer für die Einschüchterung von Gästen herrichtet, wie er von seinem Fenster aus den Überblick über die Amtsantritte der Präsidenten wahrt. Auf den Machtaufbau folgt schleichend eine Kontrollwut, eine Angst des Kontrollverlustes, die das Schreiben der beschönigenden Memoiren illustriert. Nicht erst am Schluss bietet Eastwood Einblicke in seinen zunehmenden Wahn. Es ist bei ihm die Kehrseite der Macht, die Sucht nach der umfassenden Herrschaft über den Anderen und seine Taten, seinen Blick, seine Gedanken. Subtil inszeniert Eastwood die beruflichen Motivationen als Echo und Schatten der persönlichen. Bis schließlich im hohen Alter der Macht-Rückbau folgt, er sich immer weiter auf immer engere und zunehmend isolierte Zimmer zurückzieht. Die so enigmatische Titelfigur, um die die Gerüchte der überkompensierenden Tunte ranken, ergibt schließlich durchaus Sinn: J. Edgar wird zum Mann, der von Anfang an seinen Ruf und vor allem sein Leben verteidigen muss, ein Leben, das er wohl nie so führen durfte, wie er es sich gewünscht hätte. Seine Verteidigung, seine Geschichte ist direkt an uns gerichtet: an die Zuschauer von heute, jene, die wenig Verständnis aufbringen werden für die Angst vor einer bolschewistischen Invasion oder für Martin Luther King als Feindbild. Gebannt hören und sehen wir ihm zu.

Trailer zu „J. Edgar“


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Kommentare


Ilsa

Das klingt alles wirklich hoch interessant. Ich verspreche mir viel von diesem Biopic, weil Hoover eine wirklich hochbrisante Persönlichkeit war. Und DiCaprio in solchen Rollen meist zur Hochform aufläuft. Leider ist der Trailer zu dem Film ziemlich mau.


sk

Liebe Ilsa, ja, der in der Kritik besprochene Film klingt hoch interessant. Eher trifft es aber der Trailer, der gerade in seiner Montage zu Beginn sogar noch Stärken aufweist, die der Film nicht vorzeigen kann. Eastwoods Stärke, seine Klassizität, erstarrt hier in Konventionalität und Ausstattungskino mit zum Teil mittelprächtigen Effekten (wie immer bei Eastwood, der sich im Gegensatz zu Fincher einfach nicht dafür interessiert). Der Film erzählt recht wenig, am ehesten noch eine Liebesgeschichte, die sich zwei angedeutete Liebesszenen erlaubt, welche genügt hätten. Stattdessen gibt es noch einen dramatischen Liebeskampf, der bestenfalls an alte Bond-Filme angelehnt scheint. Auch stereotype Gerichtsszenen weist der Film auf. Leider ist J.Edgar überexplizit. Gerade, was die genannten Dossiers und Besprechungen mit den Präsidenten angeht. Wo eine Szene, in der Hoover sich die Mappe geben lässt, gereicht hätte, werden Hoovers Strategien immer wieder in unnötigen Dialogen dargelegt. Über Macht erzählt der Film bekanntes: Wer sie anstrebt, ist meist getrieben (und jene Motivation wird wie in allen Standard-Biopics psychologisch sauber artikuliert) und wer sie einmal ausübte, trennt sich ungern davon.
Clooneys Ides of March hat dafür Bilder gefunden und eine großartige Szene am Rande einer Beerdigung. Dort verabschiedet sich ein Player in den Reichtum versprechenden Luxus-Job, der als ewige Hölle scheint für jene, die eigentlich nur entscheiden wollen. Bei J. Edgar gibt es die Texttafel - der Assistent erbte alles und wurde ganz in der Nähe bestattet. Na dann.
Sehenwert erscheint mir der Film einzig auf der Ebene einer Scorsese-Eastwood-Vernetzung, die vordergründig auf Ebene des Schauspielers stattfindet, aber auch in einem Hang zum großen Erzählkino der 1970er Jahre.






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