It's a Bikini World

Der Pazifik, großer Glitzer, frenetischer Tanz im „Dungeon“ – und eine tapfere, kleine Story, die leicht wie ein Bikini daherkommt. Nach Sichtung von Stephanie Rothmans Debütfilm packt Silvia Szymanski gleich selbst das Badezeug ein. 

Als Jugendliche sah ich im Fernsehen einmal eine Doku über Roger Corman und seine Crew. Ich lief danach wie auf Wolken. Zu solchen coolen Leuten wollte ich eines Tages auch gehören. Stephanie Rothman hatte dieses Glück. Auch wenn sie und ihr Hauptdarsteller, Tommie Kirk, sich später schrecklich für diesen Film, Rothmans Regiedebüt, geschämt haben. It’s a Bikini World ist in vielem wie etwas von Kindern für Kinder, ein Bravo-Fotoroman, für den Rothman und Kirk sich vielleicht kleiner machten, als es ihnen entsprach. Aber so agierten viele in den Sixties. Die Beatles, die Monkees … viele machten aus sich so einen Comic, etwas unbedarft Lustiges.

 

Das zierliche, resolute Mädchen Delilah (Deborah Walley) gehört zu einer Clique junger Leute im Strandclub von Santa Monica. „Delilah! What a name!“, staunt ein Verehrer. Als ich ein Teeniemädchen war, war aus „Delilah“ schon ein angesagter Modename geworden; Tom Jones hatte einen dramatischen Welthit mit diesem Titel gehabt, und Middle oft the Road hatten sich mit einem feschen, knallgelb krähenden Song daran gehängt. Aber Rothman dachte bei der Taufe ihrer Protagonistin an etwas anderes, wahrscheinlich an die mythologische Ur-Delilah, die einem starken Mann – „It’s a Man’s World“ von James Brown war gerade, 1966, herausgekommen – seine wilden Haare und die Kraft abschnitt. Ihre Delilah ärgert sich über den starken Jungen Mike (Tommie Kirk), der sich was auf sich einbildet und glaubt, er könne jede haben. Sie fühlt sich von ihm provoziert und klein gemacht. Irgendwann wird sie’s ihm zeigen.

 

Die Mädchen in ihrer Gruppe sehen in ihren bunten Bikinis aus wie Barbies jüngere Kusine, und die Jungs, mit ihren Pilzköpfen und blonden Seitenscheitelponys, wie viele kleine Sandys aus der Fernsehserie Flipper (1964–67). Abends tanzen sie frenetisch im Beatclub „Dungeon“ zur Livemusik der Animals, der Toys, Gentrys und Castaways. Das sieht nach gutem, cleanem Fun aus. In Wirklichkeit kann aber natürlich niemand kühlen Herzens halbnackt zwischen halbnackten Jungs in knappen Badehosen tanzen, den heißen Drummer der Gentrys ansehen und sich dabei fröhlich, brav und völlig harmlos fühlen.

 

Die meisten Bands im „Dungeon“ passen zu der kindlich poppigen Inszenierung. Nur Eric Burdons todtrauriges, schon jung so alt aussehendes Straßenkindergesicht leistet Widerstand. Nicht mal aus Rebellion, glaub ich. Man hat den Eindruck, er würde sich, wenn nicht aus Überzeugung, dann doch aus Gutmütigkeit oder Dankbarkeit durchaus anpassen wollen. Aber er kann nicht aus seiner europäischen Tristesse und seiner ernsten Arbeiterkinderhaut. „We gotta get out of this place“, singt er hingegeben. 1967, im Entstehungsjahr von It’s a Bikini World, waren die Animals auf Tournee durch die USA; sie schrieben darüber ihre bezauberte Hymne „San Francisco Nights“.

 

Das „Dungeon“ war in Wirklichkeit der Hollywood Boulevard Club „The Haunted House“. Wie im Film, so traten dort die Bands in einer bizarren Bühnendekoration auf, die ein gefräßiges, vor spitzen Zähnen starrendes Monstermaul darstellte. Im Film gehört dieser Club dem coolen „Daddy“. Ein Mann, dem man ansieht, dass er aus dem echten Leben und einer echten Subkultur hier hereingeholt wurde. Dunkler, buschiger Vollbart, hippes, enges Lederjackett, Rollkragenpulli, jazzige Künstlerbaskenmütze: Ich dachte zuerst, er sei John Leslie, der Daddy in Alex de Renzys amüsantem Porno Pretty Peaches (1978), den ich so gern mag. Aber der Mann heißt Sid Haig; einige dürften ihn aus namhaften Blaxploitationmovies kennen. Später wurde Haig unter anderem Hypnosetherapeut, hab ich gelesen. Was mich nicht wundert.

 

Ja, Freunde. Man wünscht sich immer, so ein Film, am liebsten alles, würde in einer Pornoorgie enden, aber so weit waren wir damals noch nicht, und nun sind wir schon wieder weit davon entfernt. Ich bitte, diesen Seufzer für meine nächste Inkarnation als Anregung zu verstehen, lieber Gott.

 

Delilah lässt den arroganten Draufgänger Mike links liegen und schließt lieber Freundschaft mit seinem belesenen, süß bebrillten Zwillingsbruder Herbert. Was sie nicht weiß: Herbert ist Mikes freie Erfindung, eine Maskerade, mit der er sie an der Nase herumführen will. Doch ausgerechnet dieser Junge, den es gar nicht gibt, berührt ihr Herz. Er ist reizend zu ihr. Er unterstützt sie sogar – organisatorisches Kunststück –, als sie gegen Mike bei einem sportlichen Show-Wettkampf antritt; „Daddy“ und ein „Magazin für vitale junge Menschen“ organisieren diese Challenge aus Reklamezwecken. Alles, was Mike kann, das kann sie viel besser. Sie beweist es zum Beispiel bei einem schön improvisiert aussehenden Kamelrennen auf einem Wiesenhügel im trüben Morgennebel, irgendwo in der kalifornischen Walachei. Und auf einem Motorrad in der Waschstraße, wo die Biker von den Angestellten gleich mit shampooniert, gewaschen, trockengeföhnt und poliert werden – ein schöner Gedanke für duschfaule Menschen! Solche zerstreuten Momente, in denen der Film seinen albernen Eingebungen folgt und sich auf Gelegenheiten einlässt, mag ich ziemlich gern an ihm.

 

Heimlich kommt Delilah Mikes falschem Spiel mit ihr auf die Schliche. In komischer Rage genießt sie es grimmig, sich bei „Herbert“ über dieses Arschloch Mike zu beschweren. Herbert muss sich die gnadenlos klarsichtige Analyse seiner miesen Eigenschaften geduldig anhören, wenn er nicht aus der Rolle fallen und sich verraten will. Er kann nur anbringen, dass er sich nicht gegen seinen Bruder stellen kann, da dieser Mensch ihm nun mal extrem wichtig sei. In dem Moment sieht er kurz so schutzlos und verschlagen wie James Stewart aus.

Fazit: Das ist ein netter Film, ich mag ihn gern – wegen Sid Haig und dem Pazifik: großer Glitzer! Wegen Eric Burdons und Tommie Kirks rührend traurigen Gesichtern. Wegen der preiswert irgendwo gefundenen Partydekos, Pressspanmöbel, Locations und der tapferen, kleinen Story, die leicht wie ein Bikini und mit sonnigem Gemüt dahergestolpert kommt. Ich pack jetzt auch mein Badezeug ein und gehe eine Runde schwimmen. Man has built the Hallenbad in Übach-Palenberg, but it would be nothing without a woman or a girl.

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