It Might Get Loud

Ein musikalisches Gipfeltreffen: die Gitarrenlegenden Jimmy Page, The Edge und Jack White kommen erstmals zu einer gemeinsamen Jam-Session vor die Kamera und porträtieren so die eigentliche Protagonistin – die E-Gitarre.

It might get loud

Ein Holz, ein Draht, zwei Nägel, Colaflasche, Tonabnehmer plus Verstärker – mit wenigen Handgriffen baut Jack White auf einem ländlichen Konzertplatz zu Beginn des Films eine improvisierte E-Gitarre. Mehr braucht es nicht, denn sobald er die Saite anschlägt ist es Rock pur.

Kaum ein modernes Instrument hat den Sound der populären Musik seit der Mitte des  20. Jahrhunderts derartig geprägt wie die elektrische Gitarre. Die Historie der E-Gitarre ist verbunden mit Ikonen wie Muddy Waters, Chuck Berry, B. B. King, Frank Zappa oder Jimi Hendrix, die dem Instrument stets neue Spielweisen und Techniken entlockten. Die Geschichte der E-Gitarre ist daher immer auch die der Leidenschaft der Musiker für ihr Instrument. Unzählige Filme haben versucht, die Magie der E-Gitarre zu ergründen, ihre Wirkungen zu vermessen und sie musikhistorisch zu verorten. Wer das tiefere Wesen der E-Gitarre begreifen will, muss sich ihr aus der Sicht eines Musikers nähern.

It might get loud

Und genau das versucht Oscar-Preisträger Davis Guggenheim (FilmEine unbequeme Wahrheit, An Inconvenient Truth, 2006) in seiner Musikdokumentation It Might Get Loud, indem er drei der größten lebenden Gitarristen erstmals zu einer gemeinsamen Jam-Session lädt: Rocklegende Jimmy Page, der mit seiner Spielweise den Sound von Led Zeppelin und somit Meilensteine für die moderne Rockmusik schuf, David Howell Ewans, genannt „The Edge“, der mit technischen Neuerungen den Sound von U2 wie kein anderer geprägt hat und Jack White, der Alternativ-Rock-Formationen wie The White Stripes, The Raconteurs oder The Dead Weather formte und als einer der begabtesten Gitarristen der jüngeren Generation gilt. Drei Gitarristen auf dem Weg zu einer Session. Sie kennen sich kaum persönlich, sind gespannt auf die Spieltechnik der anderen; ein Gipfeltreffen der Gitarrenheroen – das ist der dramaturgische Rahmen, in welchem Guggenheim seine Leinwand spannt. 

It might get loud

It Might Get Loud doziert nicht und enthüllt nichts. Er schafft für den kundigen Zuschauer keinen Wissenszuwachs – und dennoch gelingt hier eine der bemerkenswertesten Musikdokus der letzten Jahre. Denn es sind die Musiker,  die in erstaunlich offener und unverkrampfter Weise über ihre musikalischen Wurzeln nachsinnen, Erinnerungen preisgeben, eigene Spieltechniken erläutern und vor allem immer wieder musizieren und das über alle Maßen virtuos.

Doch bevor die drei Gitarren-Granden einen Ton gemeinsam anschlagen, führt uns der Film in deren Vergangenheit, an Orte wo ihre persönliche Musikgeschichte geschrieben wurde: The Edge führt durch die Dubliner Mount Temple School, wo U2 ihren Anfang nahmen, er stöbert in Lagerhallen und findet Raritäten wie die Vierspuraufnahme von „Where The Streets Have No Name“. Jimmy Page führt durch seine beträchtliche Gitarrensammlung und erinnert sich in Headley Grange, wie in dem ehemaligen Armenhaus teilweise mehrere Led Zeppelin Alben entstanden und er mit Robert Plant „Stairway To Heaven“ komponierte. Jack White zeigt uns den Quell seiner Inspiration, ein altes Farmerhaus in Nashville, Tennessee. Und immer im Mittelpunkt die Musik der E-Gitarre – mal als Einspielung, als historisches Filmmaterial oder live.

It might get loud

Das Interesse von It Might Get Loud gilt weniger dem Werdegang der Musiker als ihrem individuellen Zugang zu ihrer Musik und mithin zu ihrem Instrument. Dabei folgt der Film keiner klassischen Struktur und geht über die tradierten Narrationsmuster des Dokumentarfilms essayistisch hinaus: häufig werden Protagonisten, Orte und Perspektiven gewechselt, wird zwischen Interviews, Soloeinlagen und dem Gipfeltreffen gesprungen. Wo es um Vermittlung von Haltungen geht, wird zu fiktionalen Mitteln gegriffen: So erklärt Jack White einem ihm in Kleidung und Habitus täuschend ähnelnden neunjährigem Alter-Ego das Wesen des Musizierens auf der Bühne.

Guggenheim organisiert ein Treffen der Generationen, wie sie eigentlich unterschiedlicher nicht sein können: Wenn The Edge seinen Gitarrensound akribisch mit ausgeklügelten Effektgeräten zu Klangteppichen webt, ist das ein völlig anderer Ansatz, als wenn White durch die minimalistische Kargheit seines um Punkelemente bereicherten modernen Blues und Page durch furiose Vielseitigkeit und meisterhafte Technik seines Spiels das Publikum bannen. 

It might get loud

Das Zusammenspiel von Musik, Musikerpersönlichkeiten und den eindringlichen, präzis komponierten Bildern der Kamera von Guillermo Navarro und Erich Roland machen It Might Get Loud zu einem durchweg sinnlichen Ereignis: Wenn die Gitarrenlegenden zur gemeinsamen Improvisation ansetzen oder am Ende zu dritt Robbie Robertsons „The Weight“ interpretieren, dann entstehen wahrlich erhabene Momente.

Einen Wermutstropfen hat das Ganze jedoch: Kaum in den Zustand ekstatischer Begeisterung versetzt, muss der Zuschauer erkennen, dass der Film zu Ende ist. Hier offenbart sich ein Gewichtungs- und Tempoproblem des im Übrigen faszinierenden Films.

Vielleicht weiß man nach It Might Get Loud nicht viel Neues über die E-Gitarre. Ihrem Wesen ist man jedoch ein großes Stück näher gekommen.

Trailer zu „It Might Get Loud“


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Kommentare


Ango

Sorry Bob, ich finde, diese Kritik liegt ziemlich daneben. Was soll denn das heißen, "tradierte Narrationsmuster", "Habitus", "Alter Ego"??? Sind wir hier auf dem Campus? Beschreibt man so einen Rockfilm? Hendrix, Chuck Berry oder Zappa sind keine "Ikonen" (Ikonen sind orthodoxe Heiligenbilder), sie waren gerade KEINE Heiligen! Mann, was ne abgedroschene, klischeehafte, verkopfte Kritikersprache!!
Ich fand neben den Bildern und Tönen in dem Film die Ehrlichkeit des Regisseurs und der Protagonisten gut: The Edge spielt einen popeligen Riff, der mit 23 Effektgeräten zum U2-Sound aufgemotzt wird, und gibt zu, das er vielleicht als Bankangestellter gelandet wäre, hätte er nicht Bono und die anderen getroffen. Respekt vor soviel Demut und Bescheidenheit, trotz Multimillionen! Und das Wesen der E-Gitarre ist damit auch sehr gut getroffen: Sie macht auch noch aus popeligem Gezumpel einen Höllensound, der die Massen buchstäblich elektrisiert! Ist ja auch okay so. Jack White ist auf ne Art ein steckengebliebener Teenager (auch das zeigt der Film offen und ehrlich mit dem "Alter Ego", "Younger Ego" müsste es eigentlich heißen), aber wer ist das nicht?. Jack hat eine Bluestechnik, die jeder begabte 15jährige Gitarrist heute drauf hat. "Minimalistische Kargheit seines um Punkelemente bereicherten modernen Blues" kann man sowas natürlich auch nennen. Warum eigentlich so hochhudeln? Ist doch keine Schande, was und wie Jack spielt. Der einzige in dem Film, der wirklich toll Gitarre spielen kann, ist Jimmy Page, das Naturtalent. Am Schluss, kurz bevor man müde wird (die "ekstatische Begeisterung" konnte ich leider nicht empfinden), krampfen die drei sich eine Dylan-Nummer ab (von wegen "erhabene Momente"), ihr größter gemeinsamer Nenner. Sympathisch, wie schlecht Edge dabei singt und wie offen Jimmy zugibt, dass er nicht für n Pfennig singen kann. Das sind ganz normale Leute geblieben. Das gezeigt und die irren Töne der E-Gitarre gesendet zu haben, fand ich großartig an dem Film. Aber, lieber Kritiker, erzähl uns bitte nicht, der Film wäre der Gipfel der Erhabenheit. Geh lieber nochmal rein und setz die Ehrfurchtsbrille ab.






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