It Follows

Auf dem freien Feld des Horrorgenres: David Robert Mitchell lässt den Zuschauer durch ein merkwürdiges Dickicht aus Grusel und Coming-of-Age torkeln.

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Unter wummernden Vibrationen und krächzenden Synthesizern eröffnet uns David Robert Mitchells Horrorfilm It Follows innerhalb einer knappen Minute ein sonderbar ungreifbares Grauen, das unsere Aufmerksamkeit verlangt: Panisch stürmt eine junge Frau aus dem elterlichen Anwesen und beginnt ziellos auf der Straße herumzuirren. Anstatt das Weite zu suchen, flüchtet sie sich kurz darauf erneut ins Innere des Hauses, nur um dieses sofort wieder zu verlassen und mit dem Auto zu entkommen. Unentwegt blickt sie auf etwas, was wir nicht zu sehen vermögen. Während das Sounddesign in irrsinnige Tonlagen anschwillt, folgt ihr die Kamera, erfasst in einem Schwenk die dämmrige, vorstädtische Umgebung voller stolzer Einfamiliendomizile.

Ein Trip ohne Genre-Wegweiser

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Die merkwürdige Kreisbewegung in der ansonsten klassischen Exposition darf exemplarisch für den ganzen Film stehen. Man kennt sie, die Richtungsvorgaben des Horrorfilms. In It Follows aber befinden wir uns inmitten offener Flure, ein Vordringen ist nach allen Seiten hin möglich. Wir drehen uns, werden verwirrt, müssen Augen und Ohren offen halten.

Die Eingangssequenz endet mit einer Exklamation, die sich den Maßregeln des Teenie-Horrors durchaus anbiedert. Danach verabschiedet sich It Follows ganz entschieden von solchen Bildern und unterläuft damit die Sicherheit des Zuschauers, in vertraute Gefilde vorzustoßen. Erstaunlich ist dabei weniger, wie Mitchell nach dem abschließenden Schnitt prompt das Tempo drosselt – denn auch das leistet nur dem Regelwerk des Genres Genüge –, sondern wie sich bedächtig das Szenario wandelt. Zunächst aber wird planvoll die Bedrohung installiert. Jays (Maika Monroe) Date mit dem sympathischen Hugh findet ein bizarres Ende, als dieser ihr eine Art Fluch an den Hals hängt. Ein bedrohliches Etwas in Form wechselnder personeller Verkörperungen folgt ihr fortan unablässig und treibt sie in die Verzweiflung.

Grauen des Erwachsenwerdens

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Das Motiv des viralen Grauens kennt man zur Genüge aus Geisterfilmen wie Ringu (1998) und dessen zahllosen Epigonen, doch befindet sich Mitchells Horror keineswegs im gleichen Fahrwasser. Dafür bringt er zu sehr eigene Implikationen in das bekannte Muster, die besonders in Hinblick auf seinen Debütfilm The Myth of the American Sleepover (2010) evident werden. Dort erzählt er von den Befindlichkeiten einer Detroiter Vorstadt-Jugend. Und auch It Follows möchte sich in Gemütszustände des adoleszenten Seins vortasten. Das Grauen überträgt sich hier durch Sex. Es ist aber nicht erst das Erwachen der Sexualität als Paranoia, was den Film zur merkwürdigen Coming-of-Age-Erzählung werden lässt. Elternfiguren gibt es nur äußert selten zu sehen, und wenn, dann sind sie entrückt, abgeschnitten, verschwommen. In einer Szene im elterlichen Wohnzimmer ist Jays Mutter nur von hinten zu sehen, starr und seelenlos, sie spricht kein Wort, ist ausgeklammert und wirkt trotz ihrer unmittelbaren Anwesenheit wie ein defektives Absurdum einer Parallelwelt. In Erscheinung treten die Erwachsenen auch als Inkarnationen des mysteriösen Etwas.

Die Bestrafung des vorehelichen Geschlechtsverkehrs gemäß suburbaner Sittenstrenge kann sich einem da als Allegorie aufdrängen, doch so ganz ausdeuten lässt sich das Ganze nie, dafür bleibt der Film zu diffus. Nicht im Sinne einer bloßen Unentschlossenheit, sondern eines merklichen Bemühens, Deutungen zu versperren, durchlässig zu werden für gleichermaßen affektives wie assoziatives Hören, Sehen und Fühlen.

Abdriften ins Nirgendwo und Nirgendwann

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Regelmäßig inszeniert Mitchell einige tosende, fast reißerische Schreckmomente. Erst spät flachen diese etwas ab und lassen Raum für durchdringendere atmosphärische Schwankungen. So löst sich der Schrecken immer ein wenig, verschwindet hinter halluzinatorischen Bildern des Stillstands, nebensächlichen Ereignissprüngen und schrägen elektronischen Klängen. Die Gruppe um Jay kauert schlafend im Zimmer herum oder sitzt nach einem Vorfall benommen an ihrem Krankenbett. In Szenen wie diesen wirkt das Geschehen unreal, ist weichgezeichnet in hellen Bildern und stark entschleunigt. Irgendwann zwischendurch ein Blick auf den Swimmingpool, in dem uns Jay zu Beginn des Films vorgestellt wird. Aus irgendeinem Grund ist er plötzlich völlig malträtiert, nur noch ein bisschen Plastik, das den Vorgarten verschandelt. Was geschah, ist weder von Bedeutung noch von Interesse.

Das Traumartige des Films setzt sich immer weiter durch. Die Konfrontation mit dem Unwesen im Hallenbad gegen Ende steht dann vordergründig nicht im Zeichen des blanken Horrors, sondern ist ästhetischer Taumel. Ein Überlebenskampf unter und über Wasser im Schimmer des schönen Blautons, der mit einem Male von kräftigem Rot durchdrungen wird, in dem Lichtbrechungen zusätzlich zum schnellen Schnitt herumzuckeln und perspektivische Wechsel von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit der bedrohlichen Instanz durchgespielt werden.

Mitchell serviert uns aber nicht einfach nur einige schön anzuschauende Szenen einer Jugend und ein paar ordentliche Schocks, vielmehr sehen wir uns einer weitaus konsistenteren Albtraumlogik gegenüber, als es der gängige Erzählstandard je erreichen könnte. Mag die Geschichte auch etwas wüst mäandern, divergierende Stimmungen erzeugen und uns hilflos in den Ruinen des Genres zurücklassen, so erzeugt It Follows dadurch doch ein rätselhaftes, nachhaltiges Unbehagen.

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