Es

Wenn der mörderische Clown zur Nebensache wird: In Andy Muschiettis Es entfaltet sich das eigentliche Grauen in der nicht mehr kontrollierbaren Überforderung unserer Wahrnehmung.

Es 1

Die Kurbel an der Seite des kleinen Holzkästchens dreht sich und dreht sich, eine Bewegung, die sich kontinuierlich zu steigern scheint, ohne je tatsächlich schneller zu werden. Im Takt zu den wirbelnden Umdrehungen ertönt eine zwanghaft heitere Klimpermusik, deren kindliche Einfachheit wie die höhnische Behauptung einer beherrschbaren Ordnung wirkt – obwohl doch die chaotische Bewegung und der schrille Klang der einzelnen Töne jede feste Ordnung schon längst aufgebrochen haben. Es ist das Erlebnis einer Auflösung, das durch diesen nervösen kleinen Kasten hervorgerufen wird, einer Auflösung, die noch nicht offen zutage getreten und dennoch bereits unaufhaltsam ist. Mit jeder Rotation der Kurbel und mit jeder Wiederholung der Melodie nähern wir uns der Grenze dessen, was wir mit den Sinnen erfassen und verarbeiten können, bis diese Grenze schließlich mit einem schlagartigen Umkippen der Erscheinung durchbrochen wird: Ein lauter Knall kappt den Strang der Melodie, ein senkrecht in die Höhe schießender Clownkopf durchbricht den Kreis der Kurbelbewegung, und für ein paar schmerzhafte Augenblicke übersteigt das von außen unsere Sinne Bedrängende vollends unsere Aufnahmefähigkeit.

Die Grundstruktur allen Angsterlebens

Es 2

Dieses simple Kinderspielzeug – bekannt als jack-in-the-box oder Schachtelteufel – wird in Andy Muschiettis Neuverfilmung von Stephen Kings Es prominent in Szene gesetzt. Zum einen spiegelt es in seiner instabilen Vermengung von Kindlichkeit und Bedrohlichkeit die Grundstimmung des gesamten Films wieder, in dem eine Gruppe Jugendlicher in einem auf den ersten Blick anheimelnden Städtchen in Neuengland von einer dunklen, bösartigen Macht in Gestalt eines mörderischen Clowns gejagt wird. Zum anderen und vor allem jedoch offenbart das wild kurbelnde Kästchen in seiner inneren Dramaturgie die Grundstruktur allen Angsterlebens: Denn das bestimmende Merkmal der Angst ist nicht das Erkennen einer tatsächlichen oder scheinbaren Bedrohung, nicht die Erwartung eines kommenden Unheils, sondern eine von uns selbst erlebte Überforderung unserer Wahrnehmung (und unseres Bewusstseins im Allgemeinen). Die Angst ist ein Kontrollverlust, und zwar kein äußerer, sondern ein innerer – einer, der nicht in erster Linie unser Handeln, sondern unser Denken und Erleben betrifft. Diese Dramaturgie des inneren Kontrollverlusts beherrscht Muschietti mit einer unerbittlichen Präzision. Immer wieder vermengt er die Bilder und Klänge seines Films zu einem mächtigen Getriebe, das mit seiner Wucht die inneren Rhythmen unserer Wahrnehmung mehr und mehr aus dem Gleichgewicht bringt und irgendwann vollends aus den Angeln hebt.

Ein Grauen, das allem Bewusstsein innewohnt

Es 3

Schemenhaft huscht der kleine, eigentlich schon seit vielen Jahren tote Georgie durch den Bildhintergrund, viel zu schnell und zu plötzlich, als dass sich seine Bewegungen genau verfolgen oder gar vorausahnen ließen – man sieht diese Bewegungen nicht eigentlich, sondern man spürt sie nur im Nachhinein, als eine diffuse Erschütterung unseres Bewusstseins. Mächtige Schläge ertönen, als Mike sich der eigentümlich bebenden Metalltür eines verlassenen Lagerhauses nähert, die Klänge schwanken hin und her zwischen metallischem Krächzen und menschlichem Schreien – sie sind nie ganz Lärm, nie ganz Musik, nie ganz Stimme. Und als Ben einer ominösen Spur aus Ostereiern in den leeren Keller der Bibliothek folgt, erscheint plötzlich aus dem Nichts Pennywise’ grotesk verzerrte Clownsfratze, unerwartet nah und unerwartet klar erkennbar – doch nach dem Bruchteil einer Sekunde schneidet der Film davon weg, er lässt diese eindeutige Erscheinung nicht wirklich zum Bild werden, wir erleben sie nur als ein Bruchstück, als etwas Unfertiges und nicht klar Einzuordnendes.

Es 4

All diese Sequenzen (meistens mit einem Auftritt des blutrünstigen Clowns Pennywise verbunden) sind im Grunde völlig eigenständige Episoden, eine Abfolge von Ausnahmesituationen, die sich nicht zu einer überschaubaren Geschichte oder auch nur zu einer stetigen Steigerung des Schreckens zusammenfügen, sondern in denen vielmehr eine mächtige audiovisuelle Angstmaschinerie immer wieder aufs Neue hochgefahren wird – und wenn diese Maschinerie einmal läuft, ist alles drumherum vergessen.

Es 5

Da erscheint es fast als eine notwendige Folge, dass alle ausgedehnteren, den Film als Ganzes umfassenden Zusammenhänge zuweilen eher pro forma-Charakter annehmen: So heben sich etwa die meisten der jugendlichen Hauptfiguren kaum voneinander ab, weder in Gebaren noch in Persönlichkeit oder inneren Neigungen; so steuert der Film etwa irgendwann auf einen klaren Höhepunkt zu, lässt dann aber ohne zwingenden Grund ab, dreht eine dramaturgisch unnötige Schleife und setzt danach an dem bereits zuvor erreichten Punkt wieder an; und so wird etwa auch die Verquickung des die Kinder heimsuchenden Horrors mit der traumatischen Vergangenheit ihres Heimatstädtchens zwar in der ersten Hälfte des Films beharrlich angedeutet, zu seinem Ende hin aber weniger offen- als uninteressiert fallengelassen. Doch wahrscheinlich wären geradlinige und klar ausgearbeitete dramaturgische Entwicklungen nichts als eine Ablenkung gewesen von dem eigentlichen Anliegen des Films: die innere Brüchigkeit unseres eigenen Erlebens zu offenbaren.

Die Ohnmacht der Wahrnehmung

Es 6

Mit seinen Sprüngen, abrupten Wechseln und unvorhersehbaren Intensitätssteigerungen unterläuft Muschiettis Film gezielt jene Vorgänge, durch die wir in unserer Wahrnehmung einzelne Sinneseindrücke zu sinnvollen Gebilden zusammenfügen. In diesen Szenen erleben wir in erster Linie unsere eigene Unfähigkeit, das äußere (Leinwand-)Geschehen in unserer Wahrnehmung auf stabile und eindeutige Art zu erfassen – und dieses Scheitern unserer Wahrnehmung stellt die eigentliche Bedrohung dar, denn es bringt jenen Erlebniszusammenhang ins Wanken, aus dem wir selbst als bewusste Wesen hervorgehen. Das Grauen, das in dem Erleben dieses Scheiterns liegt, kommt somit nicht von außen und wird auch nicht gemindert durch den Umstand, dass das, womit wir uns konfrontiert sehen, nur eine bildliche Darstellung ist. Das Grauen lauert in uns – und die Apparatur des Films ist, wie Es wieder und wieder beweist, ganz besonders dazu geeignet, dieses Grauen zutage zu bringen.

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Kommentare


Leander

Kann es sein daß der Autor den Film etwas missverstanden hat? Genau diese Überforderung der Wahrnehmung, um Angst zu erzeugen ist doch die Methode des Monsters, welches sich von dieser Angst ernährt. Es ist also nicht einfach Effekthascherei, sondern visualisiert die Methode des Monsters. Das wird auch im Buch ausgiebig thematisiert. Der Filmemacher hat diesen Aspekt plastisch umgesetzt. Daß er das gut kann hat er ja schon in 'Mama' gezeigt.

Sehr beeindruckt hat mich der Schauspieler, der den Clown spielt. Wie seine Gesichtsausdrücke von lustig nach nihilistisch-wahnsinnig wechseln – furchteinflößend. Da haben Sie zum Augen-Trick gegriffen, er schielt immer so etwas ins Unendliche. Sound und schnelle Schnitte tun ihr übriges.

Was den Rest der Handlung betrifft stimme ich leider dem Autor zu. Es wird dem Buch nicht gerecht. Ich konnte mit den Kinder-Schauspielern nicht richtig Sympathie fassen. Hier zeigt sich, daß es schwer ist, aus einem solch dicken Buch einen abendfüllenden Film zu machen. Was man alles weggelassen hat, beispielsweise der ganze Handlungsstrang mit der kosmischen Schildkröte, was dem ganzen spirituelle Dimensionen verliehen hatte – rausgestrichen. Schade.

Man hätte eigentlich, wie beim 'Herr der Ringe' eine Triologie draus machen können, aber dazu fehlte wohl der Mut. Die Einspielergebnisse zeigen daß man es hätte wagen können. Aber angesichts dieser wird es wohl sicherlich den zweiten Teil geben und dann können Wir das ganze aus der Perspektive der erwachsen gewordenen Kinder erleben...

Gestört hat mich auch das Verändern einiger Handlungsstränge. Beispielsweise ist es im Buch das Mädchen, was die Gruppe in der Höhle des Monsters vereint – Im Film sind es nun die Jungs die, in althergebrachter Hollywood-Manier das schwache Mädchen erretten. Auch die Szene mit dem Vater, der vor seinem Sohn in den Boden schießt hat mich doch verstört. Vielleicht habe ich es vergessen, aber ich glaube, mich zu erinnern, daß das so im Buch nicht war.

Wie so oft bei Blockbustern, die 'Action' stimmt, aber es hapert bei der Handlung. Dafür scheint wohl nie genug Budget übrig zu sein...






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