Irina Palm
Auf der Berlinale erweichte Marianne Faithfull als Irina Palm die Herzen der Kritiker. In Sam Garbarskis Masturbations-Märchen hilft die „wichsende Witwe“ ihrem kranken Enkelkind und verteidigt den Glauben an das Gute im Menschen – selbst im Sexshop.

Das Prinzip erfordert weder Umschweife noch Vorspiel, und es funktioniert nicht nur bei einschlägigen Herrenklokabinen als schnörkellose Einladung zur anonymen Triebabfuhr, sondern anscheinend auch in speziell ausgestatteten Sexclubs: das Loch in der Wand. Durch so ein Loch – das „Gloryhole“ – wirft Maggie (Marianne Faithfull) einen ängstlichen Blick. Einerseits erscheint es ihr wie ein kleiner Abgrund, andererseits bietet es der ungelernten Witwe aus der britischen Vorstadt die letzte Möglichkeit, sich das dringend benötigte Geld für die Behandlung ihres kranken Enkelsohnes zu erarbeiten.
Und so pendelt die schüchterne Hausfrau, deren Alter zwischen Ende 50, Anfang 60 liegen mag, bald jeden Tag ins verruchte Soho, um im Sexy World-Club auf der Dienstleistungsseite dieses Loches ihre geblümte Kittelschürze überzustreifen, die Butterbrotdose auszupacken und tief in den Gleitgeltopf zu greifen. Hier wird Maggie zu Irina Palm, der geschicktesten rechten Hand Londons, für die die Männer bald Schlange stehen. Für Maggies Familie, ihre biederen Nachbarn und Bridgepartnerinnen muss der handfeste Job natürlich ein Geheimnis bleiben.

Wer, ausgehend von dieser Plotkonstruktion um die Rettung eines Kindes und ein stets am Rand der Enttarnung balancierendes Doppelleben, angereichert mit dem Spannungsverhältnis zwischen Rotlichtmilieu und konservativem Mittelschichtsvorort, eine derbe Sexgroteske etwa vom Schlage des britischen Klassikers Personal Services (1986) erwartet, in dem eine Kellnerin ein SM-Etablissement eröffnet, um ihrem Sohn eine gehobene Erziehung zu ermöglichen, der wird auf die falsche Fährte gelockt. Denn Sam Garbarski (Der Tango der Rashevskis, 2004), dessen zweiter Spielfilm dies ist, setzt nicht auf brachialen Witz, sondern auf wohldosierten Humor, der die grundeigene Tragik seiner vom Leben gezeichneten Figuren stets durchscheinen lässt. Ausgerechnet die große Pop-Röhre Marianne Faithfull verwandelt sich in die zurückhaltende Maggie mit unscheinbarer Kleidung, ein paar Pfunden zuviel und leicht wackeligem Gang – eine fürsorgliche Großmutter, die alles andere ist als sexy.
Auch sonst vermeidet der Regisseur alles, was verrucht und frivol wirken könnte und entzieht seinem Film gezielt Tempo und Zündstoff, der in zu viel Realismus und Drastik hätte stecken können. So masturbiert Maggie in ihrer Sexy World-Kabine zwar Kunden wie am Fließband, aber niemals sind Genitalien zu sehen, notfalls versperrt gezielt ein kleiner Blumenstrauß den Blick. Die Bilder bleiben so rein wie Maggies Herz, kein Tropfen Sperma zerstört die Illusion, dass es sich bei Irina Palm um nichts anderes handelt als ein liebenswertes Märchen, in dem guter Wille und Menschlichkeit siegen werden und sogar Sexclub-Chef Miki mit dem melancholisch zerknitterten Gesicht am Ende einen gänzlich keuschen Kuss erhascht.

Dabei ist die englische Mittelklassehausfrau keineswegs mit einer Pretty Woman (1989), der personifizierten Verkitschung von Prostitution, verwandt. Näher ist ihr die Arbeiterschicht des britischen Sozialdramas; Maggies Pragmatismus ist auch der, der die Laien-Stripper-Truppe aus Ganz oder gar nicht (The Full Monty, 1997) hüllenlos auf die Bühne trieb. Im Gegensatz zu dieser Show der tanzenden Antihelden ist Irina Palm weniger komödiantisch angelegt, auch wenn es einige großartig komische Szenen gibt, etwa wenn der Profi-Wichserin nach zuviel Arbeitseinsatz trocken ein „Penisarm“ diagnostiziert wird oder sie beim Bridge stolz ihre Freundinnen schockiert. Doch das originelle Setting tritt schnell hinter die kleinen persönlichen Dramen zurück, die sich zwischen Maggie, ihrem Sohn Tom (Kevin Bishop) und Schwiegertochter Sarah (Siobhán Hewlett) und später zwischen der profitablen Rotlicht-Newcomerin und Clubbesitzer Miki (Kusturica-Schauspieler Miki Manojlovic) abspielen. Gerade weil etwas anderes als ein gutes Ende von Anfang an nicht zur Debatte steht, wirken die hier und da noch fieberhaft hinzuerfundenen Konflikte und Verzögerungstaktiken, die jedoch niemals wirklich bedrohlich werden, recht bemüht, sie spielen allzu offensichtlich auf Zeit.
Genauso wie der kreisrunde Abgrund, in den Maggie gemeinsam mit dem Zuschauer blickt, eher flach bleibt, darf man Irina Palm auch nicht mit den Maßstäben von Glaubwürdigkeit kommen und genießt ihn am besten als Schauspielerfilm, als mehrfache Metamorphose der Marianne Faithfull. In den ersten Bildern trägt ihre Maggie einen riesigen Plüschlöwen vor sich her und weiß noch nicht, dass sie auch innerlich bald eine mythische Verwandlung durchlaufen wird, um mit einer Portion Löwenmut für ihren Enkel und schließlich das eigene Selbstverständnis zu kämpfen. Dass die Geschichte sich weitgehend auf der sicheren Kuschel-Ebene abspielen wird, ist damit auch schon angedeutet. Selbst Irina Palms Kunden preisen schließlich ihre weichen Hände.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 20.05.2007
Kommentare zu Irina Palm
Martin Z. 07.12.2009 13:32
Ihr Nachname bedeutet ’Innenfläche der Hand’ und genau mit diesem Körperteil arbeitet Irina Palm in der Bar Sexy World. Es ist genial gemacht, dass man von dem ganzen Pornorummel fast überhaupt nichts sieht, sondern eher die menschlichen Probleme im Mittelpunkt stehen. Aber das beeindruckendste ist, wie Marianne Faithfull, die einstige Popikone und Superpartymaus der Sechziger Jahre in die Rolle der liebevollen Oma schlüpft, die sich dazu durchringen muss, hier das Geld für die nötige Behandlung des todkranken Enkels zu verdienen. Und es kommt sogar Komik auf, wenn die heuchlerische oder verklemmte Umgebung über Irinas vorübergehendes Handikap, den Penis-Arm, aufgeklärt wird. Auch der überraschende Schluss ist gelungen und verleitet zum Weiterdenken des Gesehenen, weil auch die Entwicklung der durchaus anrührenden zwischenmenschlichen Beziehung zu Barbesitzer Miki Manojlovic zu Herzen geht.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Irina Palm. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar schreiben
Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Irina Palm
Belgien, Frankreich, Deutschland 2006
Laufzeit: 103 Minuten
Regie: Sam Garbarski
Drehbuch: Martin Herron, Philippe Blasband
Produktion: Thanassis Karathanos, Karl Baumgartner, Sébastien Delloye, Christine Alderson, Jani Thiltges, Claude Waringo
Darsteller: Marianne Faithfull, Miki Manojlovic, Kevin Bishop, Siobhán Hewlett, Dorka Gryllus, Jenny Agutter, Corey Burke
Kinostart: 14.06.2007
DVD-Angaben
Titel: Irina Palm
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 1,66:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: k.A.
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 101 Minuten
Extras: Making Of; Behind the Scenes; Trailer
Verleih ab: 28.12.2007
Verkauf ab: 28.12.2007
Copyright Irina Palm
Fotos: © X-Verleih
BERLINALE 2012

Unser Special zur Berlinale 2012 - schon jetzt mit Trailern und Vorab-Infos zu den Filmen! www.critic.de/berlinale/
Berlinale 2012: Empfehlungen
Filmempfehlungen für Forum, Forum Expanded und Panorama der 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin. weiter
Christoph Terhechte: abhängig, ohne Verpflichtungen
Interview mit Christoph Terhechte. weiter
Aktuelle Filme
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
The Firm
R: Alan Clarke
Neu im Kino
09.02.2012
Hugo Cabret
R: Martin Scorsese
In Darkness - Eine wahre Geschichte
R: Agnieszka Holland
Black Gold
R: Jean-Jacques Annaud
Die Unsichtbare
R: Christian Schwochow
Der Junge mit dem Fahrrad
R: Jean-Pierre Dardenne, Luc Dardenne
02.02.2012
Underworld Awakening
R: Måns Mårlind, Björn Stein
Dame, König, As, Spion
R: Tomas Alfredson
Moneyball
R: Bennett Miller
Die Summe meiner einzelnen Teile
R: Hans Weingartner
Demnächst im Kino
Don 2
R: Farhan Akhtar
Gefährten
R: Steven Spielberg
Take Shelter
R: Jeff Nichols
Shame
R: Steve McQueen
Beauty
R: Oliver Hermanus
Der Schnee am Kilimandscharo
R: Robert Guédiguian
Viva Riva
R: Djo Munga
Kaddisch für einen Freund
R: Leo Khasin
Das Turiner Pferd
R: Béla Tarr
Young Adult
R: Jason Reitman
Der Preis
R: Elke Hauck
Der König von Bastøy
R: Marius Holst
Der perfekte Ex
R: Mark Mylod
Kill Me Please
R: Olias Barco
Martha Marcy May Marlene
R: Sean Durkin
Das Leben gehört uns
R: Valérie Donzelli
UFO in Her Eyes
R: Xiaolu Guo
Beloved
R: Christophe Honoré
Leb wohl, meine Königin!
R: Benoît Jacquot
The Yellow Sea
R: Na Hong-jin
Neu auf DVD
Crazy, Stupid, Love.
R: Glenn Ficarra, John Requa
Sieben Tage Sonntag
R: Niels Laupert
Boardwalk Empire Season 1
R: Timothy Van Patten, Allen Coulter ...
Aktuell im TV
Spur der Steine
Fr 10.02, 22:25 Uhr, 3sat
Requiem
Fr 10.02, 22:40 Uhr, Festival (ARD digital)
Mulholland Drive
Sa 11.02, 21:45 Uhr, EinsExtra (ARD digital)
Waltz with Bashir
Nacht von Sa auf So, 11.02-12.02., 02:35 Uhr, arte
Cincinnati Kid
So 12.02, 20:15 Uhr, arte
Neandertal
So 12.02, 20:15 Uhr, kultur (ZDF digital)











1 Kommentar