Irezumi

Männermordende Frauen sind im japanischen Genrekino keine Seltenheit. In Yasuzo Masumuras Irezumi treibt eine Geisha mit Spinnentattoo ihr Unwesen.

Irezumi

Lange Zeit galt Yasuzo Masumura, ein in den sechziger und siebziger Jahren äußerst produktiver Filmemacher, selbst unter Kennern der japanischen Kinogeschichte bestenfalls als ein Geheimtipp. Einerseits neigte sich das goldene Zeitalter des japanischen Kinos im Jahr 1957, als der Regisseur begann, selbst Filme zu drehen, bereits dem Ende entgegen – auch sein Lehrer Kenji Mizoguchi war im Jahr zuvor verstorben. Andererseits war Masumura jedoch auch nie wirklich Teil der japanischen Neuen Welle um seiner auf den ersten Blick weitaus experimentierfreudigeren Zeitgenossen Nagisa Oshima und Masahiro Shinoda, obwohl sein Frühwerk großen Einfluss auf diese Erneuerungsbewegung ausübte. Seine späteren Arbeiten situierten sich mit wenigen Ausnahmen, trotz vieler höchst experimenteller Elemente, immer in den Grenzen des Genrekinos.

Inzwischen jedoch wächst das Interesse an dem zwischenzeitlich weitgehend vergessenen Werk Masumuras. Im englischsprachigen Ausland ist bereits eine ganze Reihe seiner Werke auf DVD erschienen, unlängst beispielsweise sein hervorragendes Debüt, das eindringliche und gleichzeitig wunderbar unbeschwingte Jugenddrama Kisses (Kuchizuke). Auch hierzulande bietet sich nun dank der Veröffentlichung Irezumis aus dem Jahr 1966 die Möglichkeit, die Bekanntschaft des außergewöhnlichen Stilisten Masumura zu machen, der vom amerikanischen Kritiker Jonathan Rosenbaum als japanischer auteur innerhalb eines kommerziellen Genresystems bereits mit Howard Hawks verglichen wurde.

Irezumi

Otsuya (Ayako Wakao) hat eine Affäre mit dem jungen, idealistischen Shinsuke (Akio Hasegawa), einem Angestellten ihres Vaters. Eines Tages wird sie in ein Geisha-Haus verschleppt und muss fortan für den brutalen Tokubei (Asao Uchida) arbeiten. Doch mit zunehmendem Fortgang der Ereignisse sinken die Überlebenschancen für alle Männer, die auf die eine oder andere Art mit Otsuya in Kontakt treten. Freilich haben die meisten Männer in Irezumi nichts besseres verdient. Doch wird es schließlich auch noch den moralisch einwandfreien Shinsuke erwischen? Und was hat das Ganze mit dem Spinnentattoo auf Otsuyas Rücken zu tun?

Sexueller und künsterischer Exzess gehen oft fließend ineinander über im japanischen Kino der sechziger und siebziger Jahre. Berühmt-berüchtigt, hierzulande aber noch kaum rezipiert ist, ist insbesondere das Genre der pinku eiga, die eine Art japanische Version des Softpornos darstellen, im Grunde jedoch im europäischen und amerikanischen Kino kein Äquivalent besitzen. Selbstverständlich sind viele dieser Filme tatsächlich nur schlichte, stumpfe Fleischbeschau. Regisseure wie Masumura jedoch wenden die Formeln des Genres durch unbedingtes Stilbewußtsein und eine ästhetische Radikalität, die den manifesten, oft äußerst frauenfeindlichen Inhalt untergräbt oder doch wenigstens in gewissem Sinne transzendiert.

Irezumi

Auch der auf einer Kurzgeschichte Junichiro Tanizakis, eines der wichtigsten Autoren der japanischen Moderne, beruhende Irezumi kann ohne Probleme als misogyne Männerfantasie gelesen werden, schließlich scheint die abgrundtiefe Bosheit Otsuyas noch jede ihr angetane Erniedrigung zu rechtfertigen. Doch bei genauerem Hinsehen untergräbt der Film diese Konstellation in vielfacher Weise. Denn letztlich bleibt völlig unklar, wer oder was die Ereignisse des Films tatsächlich in Gang setzt, auch Otsuya selbst ist nie Herrin ihres eigenen Handelns. Und insbesondere die Figur des Tätowierers Seikichi (Gaku Yamamoto), der unter all den obsessiven Charakteren des Films der obsessivste ist, bleibt in ihrer Funktion für die Narration stets ebenso ambivalent wie seine künstlerische Aktivität.

Otsuyas Tattoo lediglich als Metapher für ihre bedrohliche Sexualität zu verstehen, hieße den Film entscheidend zu verkürzen. Die Wechselwirkungen zwischen der weiblichen Hauptfigur und den unterschiedlichen männlichen Charakteren sind für eine solche Lesart bei weitem zu komplex. Und ist die rote Spinne nicht vielleicht zuallererst ein selbstreflexives Moment, welches auf Masumura selbst verweist? Schließlich ist in seinen Filmen, wie auch in anderen herausragenden pinku-eiga-Produktionen, Gewalt letztlich nie zu trennen von genuin ästhetischen Schöpfungsprozessen, von einem sich selbst bewussten Umgang mit der filmischen Form. Sowohl in Seikichis als auch in Masumuras Schaffen führt die Verbindung von Sexualität und Kreativität zu Mord und Totschlag. Und für beide Künstler ist Blut zuerst einmal nichts anderes als rote Farbe.

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