Ich und du

Bernardo Bertolucci sinniert über Italien und schweift ab.

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Die Verdichtung von Raum und Zeit wird gemeinhin als einer der wichtigsten Wesenszüge der Filmkunst hervorgehoben, nicht zuletzt deshalb, weil das Kino die unterschiedlichsten Strategien und Poetiken entwickelt hat, die Synchronizität von Raum und Zeit zu durchstoßen und ihr gleichsam neue Logiken zu verpassen. „Als sei die Zeit eingefroren“, mit diesen Worten schildert der vierzehnjährige Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori) seinem Vater am Telefon das Naturspektakel eines gefrorenen Wasserfalls, an dem er in Wahrheit niemals war – denn anstatt mit seiner Klasse ins Skilager zu fahren, hat er sich heimlich im Keller des Mietshauses, in dem er gemeinsam mit seiner Mutter lebt, eingerichtet, um sich dort in zurückgezogener Klausur eine Woche nur mit sich selbst zu beschäftigen. Nun ist dieser Keller selbst eine Art filmische Allegorie eines paradoxen raum-zeitlichen Konzentrats. Selten öffnet Lorenzo das kleine Fenster zur Straße, sodass man nie so recht einzuschätzen vermag, zu welcher Tages- oder Nachtzeit sich die Handlung gerade vollzieht. Die Zeit verfließt in sich selbst. Zugleich ist dieser Keller eine Art Kabinett der Vorzeit. Dort haben sich Dinge aus verschiedenen Epochen angesammelt, und es eint sie nur diese merkwürdige Qualität des einstmals Wertvollen und heute Überflüssigen.

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Man wird Bertolucci (Der letzte Tango in Paris, L’ultimo tango a Parigi, 1972; Die Träumer, The Dreamers, 2003) – und das nicht ganz zu Unrecht – vorwerfen, sein Jugenddrama Ich und du sei kitschig, unnötig romantizistisch und verzichte auf einen intimen Zugang. Tatsächlich: In einer plausiblen, psychologisch scharf konturierten und nachdenklich stimmenden Auseinandersetzung mit pubertärer Melancholie will der Film nicht recht aufgehen. Vielleicht auch aus gutem Grund, denn zweifelsfrei ist diese ganze filmische Konstellation in erster Linie eine Spiegelung Italiens und zum Spiegel wird sie in genau jener ästhetischen Organisation von Raum und Zeit. Zeitlosigkeit und zugleich Simultaneität unterschiedlicher Zeiten in einem Raum stilisieren den Keller zur Metapher einer kuriosen Dialektik, die man nicht erst dann politisch lesen muss, wenn in Mitten des Gerümpels im Hintergrund eine Mussolini-Büste auftaucht oder sich im verstaubten Kleiderschrank eine Uniform aus faschistischer Zeit findet. Lorenzo flieht nicht nur vor seinen Eltern oder seinen Schulkameraden, er flieht vor Italien, genauer: vor einem von Berlusconi zugrunde gerichteten Land. Und er erfindet dort die Zeit neu, wo alles um ihn herum zum Stillstand gekommen ist.

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Dass dieser Ungehorsam eben nicht bloß pubertärer Starrsinn ist, sondern auch eine Art von kontemplativer Besinnung, wird deutlich spürbar. Bertolucci und sein Kameramann Fabio Cianchetti wissen diese Spannung eindrucksvoll zu inszenieren. Die Pole, zwischen denen Lorenzos Charakter lose eingespannt ist, seine mysteriöse Introvertiertheit und seine cholerische Haltlosigkeit, sein sich anbahnender Geschlechtstrieb, den er auf seine Mutter projiziert, und seine verwundbare Unschuld, bündeln sich zu eindrucksvollen Bildern, ob in den vielen Großaufnahmen seines Gesichts, den Einstellungen von Details, denen er seine Aufmerksamkeit widmet, oder den surrealen Träumen, die er nachts, buchstäblich als ein Künstler seiner eigenen Gehirnströme, durchlebt. Immer lassen diese Bilder einen undurchschaubaren Rest offen, jenen Rest, den die Figur braucht, um Symbol zu werden, um die politische Brisanz zu artikulieren. Aber das Kontemplative ist nicht die einzige Ader, die Ich und du durchzieht. Parallel wird noch ein zweiter bedeutungsschwerer Leitgedanke eingelassen, der eher eine therapeutische Heilungsgeschichte einleitet.

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Zufällig wird Lorenzo schon nach kurzer Zeit von seiner älteren Halbschwester Olivia (Tea Falco) in seinem Versteck entdeckt. Die Geschwister kennen sich kaum, sie sind nicht miteinander aufgewachsen und haben unterschiedliche Mütter. Olivia ist Mitte zwanzig, schwer heroinabhängig, obdachlos und lässt sich daher dankbar von ihrem Bruder im Refugium der Einsamkeit aufnehmen. Die Beziehung, die sich zwischen den Geschwistern entwickelt, folgt dabei einer verhältnismäßig geläufigen Dramaturgie, die sich vom Unmut über das Misstrauen bis hin zur fürsorglichen Verbundenheit abrollt. Weitaus zurückhaltender als in Die Träumer arrangiert Bertolucci auch diese Geschwisterlichkeit im Zeichen einer sublimierten inzestuösen Erotik. Da gibt es beispielsweise eine Tanzszene, in der sich die beiden sehr nahe kommen. Die Kamera ist dabei dicht bei den Körpern, registriert jede Bewegung und jedes mimische Affektbekenntnis. An anderer Stelle erkundet Lorenzo den Körper seiner schlafenden Schwester mit durchaus libidinöser Neugier durch eine Lupe. Aber so sehr das Verhältnis der Geschwister durch diese sinnlich aufgeladenen Spannungen auch Außergewöhnliches besitzt, so sehr scheint es beizeiten auch nur dem Außergewöhnlichen an sich Rechnung tragen zu wollen. In letzter Absicht versinnbildlicht diese Beziehung die Feier der Menschlichkeit und als solche ist sie – im Sinne der Einfühlung – filmisch auch gelungen, was nicht zuletzt der beeindruckenden Leistung der beiden Darsteller geschuldet ist. Leider nimmt die Idee einer wechselseitigen Seelenheilung im Laufe des Films jedoch immer mehr Raum ein und erreicht dadurch eine derart dramatische Dichte, dass zwischen den Zeilen der Platz ausgeht, um die weitaus interessantere Frage zu beantworten, die Ich und du noch zu Beginn formuliert hat: Wie steht es um Italien?

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