Into the Forest

Postapokalypse auf Östrogen: Die Kanadierin Patricia Rozema erzählt, wie zwei Schwestern nach einer Katastrophe im Wald überleben. Ein Endzeit-Film über das Miteinander statt das Gegeneinander.

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In Ausnahmezuständen fallen die Masken. Man kennt das aus vielen postapokalyptischen Filmen: Läden werden geplündert, Frauen geschändet, es regiert die nackte Gewalt – das Recht des Stärkeren. Das ist gelegentlich auch in Patricia Rozemas Literaturverfilmung Into the Forest so. Doch vor allem zeigt die Regisseurin, wie Eva (Evan Rachel Wood) für einen Ballettwettbewerb trainiert, wie Nell (Ellen Page wieder mal in ihrer „Tomboy-mit-Holzfällerhemd-und-witzigen-Sprüchen“-Rolle) für die Uni-Aufnahmeprüfung paukt und wie die beiden gemeinsam essen, weinen und Erinnerungen teilen.

Erinnerungen an die Zeit vor dem Stromausfall. Was ihn verursacht hat und ob er jemals wieder aufhören wird, ist unklar. Und so bleibt den Schwestern nichts anderes, als im Öko-Designerhaus auf dem isolierten Grundstück tief im Wald abzuwarten. Essensvorräte haben sie zuhauf – nur an Benzin mangelt es, weshalb sie nicht in den nächsten Ort fahren und auch nur selten den Generator befüllen können, um Videoaufnahmen der inzwischen verstorbenen Eltern anzusehen. Eva vermisst vor allem Musik, sie tanzt stattdessen zum Takt eines Metronoms. Nell fehlt ihr Computer, den sie zum Lernen braucht. Für den Zuschauer mag das Beharren auf Ballett und Uni-Vorbereitung angesichts der Krisensituation absurd erscheinen – für die beiden Frauen sind dies zugleich Ziele, an die sie sich hoffnungsvoll klammern können, und Mittel, um einen Rest Normalität zu bewahren.

Männer: abwesend, ohne zu fehlen

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Neben Elektrizität ist da noch etwas, das in der Welt von Eva und Nell größtenteils durch Abwesenheit auffällt – was nicht unbedingt bedeutet, dass es fehlt: Männer. Der liebevolle Vater stirbt früh im Film, ein Liebhaber wird zugunsten der Schwester zurückgelassen. Einmal taucht ein fremder Mann auf, diese Begegnung wird Konsequenzen haben. Am Schluss folgt ihm eine weitere männliche Figur.

Primär aber ist diese Welt eine weibliche. Die beiden Frauen umsorgen einander psychisch und physisch, trauern gemeinsam, streiten und vertragen sich wieder. Regisseurin Patricia Rozema macht das Band des Vertrauens zwischen ihnen sichtbar. Auch die vielen Naturbilder, die mit sonnigem Gegenlicht eingefangen wurden, strahlen diese Wärme aus.

Tonale Sprünge: Ausgang aus der Ernsthaftigkeit

Mit solchen Emotionen übertreibt es der Film nur selten – höchstens mal mit einer längeren Montagesequenz voller weinender Gesichter oder der mitunter sentimentalen Streichermusik von Arthouse-Starkomponist Max Richter. Das Problematische an Into the Forest liegt aber nicht in diesen gelegentlichen Gefühls-Exzessen, sondern gerade in den Elementen, die jene Emotionalität durchbrechen und konterkarieren.

Ausgerechnet nach einer tragischen Wende entdeckt Rozema ihren Sinn für Humor – der gerade dann aber deplatziert wirkt. Da stürzt jemand durch Ungeschick aus luftigen Höhen vom Baum, rappelt sich aber wie im Comic gleich wieder auf. Da gibt es eine Schlachtungsszene, die einer Teenie-Horrorkomödie entsprungen zu sein scheint.

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Und da ist die plötzlich entdeckte Leichtigkeit des Drehbuchs, das mit der über 80 Minuten etablierten Ernsthaftigkeit auch gleich noch die logische Konsistenz entweichen lässt. Zugunsten dramatischer Temposteigerungen offenbart die teure Designer-Architektur überraschend schnell und genau im denkbar ungünstigsten Moment ihre eklatanten Defizite. Auch die Lösung, die sich Eva und Nell für dieses Problem einfallen lassen, scheint sich vor allem an der Pflicht zur Herleitung des Titels zu orientieren statt an Nachvollziehbarkeit.

Dilemma: Zwischen Arthouse und Sci-Fi

Auch wenn das letzte Drittel diesen Eindruck etwas schmälert: Rozema wählt für ihren Film einen unverbrauchten, betont weiblichen Ansatz. Endzeit-Filme, die sich auf den spektakulär-gewaltsamen Niedergang der Zivilisation konzentrieren, gibt es schließlich schon in ausreichender Zahl. Allerdings ist Into the Forest selbst im Vergleich mit anderen auf das Innenleben der Figuren fokussierten Werken dieses Genres – Perfect Sense (2011), Days of Gray (2013) oder La cinquième saison (2012) – sehr zurückhaltend. Das ist an sich kein Problem des Films, wohl aber der Vermarktung: Arthouse-Anhänger kommen aufgrund der Genre-Schlagwörter vielleicht nicht darauf, dass hier mehr drin steckt als düstere Weltuntergangsszenarien. Und wer allein wegen des post-apokalyptischen Sci-Fi-Szenarios ins Kino geht, dürfte enttäuscht werden, da es sich primär um ein zwischenmenschliches Drama handelt, das auch gut ohne den Endzeit-Hintergrund auskäme.

Trailer zu „Into the Forest“


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