Intimitäten

Dokumentation über den Alltag am Set eines Pornodrehs, die einen Einblick in die Gefühlswelt der Mitwirkenden bietet.

Intimitäten

Pornografische Szenen sind im europäischen Kunstkino heutzutage keine Seltenheit mehr. Umso mehr verwundert es, dass es immer noch an einem öffentlichen Diskurs über den wahren Porno mangelt, der ohne künstlerische Intentionen oder kritische Reflexionen ausschließlich zur sexuellen Erregung dient. Gerade ein dokumentarisches Format bietet sich zur Beleuchtung dieser gigantischen Industrie an und genau diesen Versuch hat Lukas Schmid, Absolvent der Filmakademie Baden-Württemberg, in seinem Abschlussfilm Intimitäten unternommen. Er begleitet darin ein Filmteam der schwulen Produktionsfirma „Cazzo“ zum Dreh nach Mallorca und gibt Einblicke in den Pornoalltag.

„Cazzo“ sieht sich seit seiner Gründung vor zehn Jahren in Berlin als Alternative zu den üblichen Mainstream-Produktionen und setzt mit einer großen Bandbreite vom Blümchensex bis zum harten Fetischporno auf junge und unverbrauchte Gesichter statt auf routinierte Profis. Trotz der großen Versprechungen auf der Homepage, unterscheiden sich „Cazzo“-Filme aber letztendlich nicht wirklich von üblicher Massenware.

Im Mittelpunkt von Schmids dokumentarischer Beobachtung steht das Projekt Sommergeil (2003) von „Cazzo“-Hausregisseur Jörg Andreas, der sich aktuell auch an der Synthese aus Porno und Gefängnisdrama in Gefangen versucht. Schmid, selbst heterosexuell, wählte nach eigenen Angaben für seine Betrachtung einen schwulen Porno, weil er mit der fremden Sexualität nicht nur unbefangener umgehen könne, sondern auch einen kritisch distanzierten Blick bewahre.

Intimitäten

Wer sich von Intimitäten eine kritische Beleuchtung der Sex-Industrie erhofft, wird schnell enttäuscht. Trotz Schmids guter Vorsätze bleibt unklar worauf er eigentlich hinaus will und das Ergebnis bewegt sich irgendwo zwischen unterhaltender Doku-Soap, vermeintlicher Bloßstellung der Porno-Industrie und einem Werbefilm für „Cazzo“, der das Team möglichst sympathisch rüberbringen möchte und zeigt wie viel Spaß man bei solchen Dreharbeiten haben kann. Das heterogene Gesamtbild, das daraus entsteht, bildet keine vielschichtige Einheit, sondern zerfällt in einzelne unzusammenhängende Teile. Sobald ein Thema oder ein Konflikt interessant wird, löst sich der Fokus wieder und widmet sich der nächsten episodenhaften Sequenz.

Schmid scheint ein Adlerauge für das Unwesentliche zu haben. Er konzentriert sich gerade nicht auf die Darsteller, die letztendlich diejenigen sind, die alles entblößen und somit auch alles riskieren. Obwohl Intimitäten ständig vom Drehprozess als eine Abfolge von Enttäuschungen und Niederlagen erzählt, bekommt man den Druck, der auf den Akteuren lastet, ihre Erektionsprobleme und Unerfahrenheit am Set nur beiläufig mit. Dementsprechend enttäuscht auch, was hauptsächlich zu sehen ist: Das selbstgefällige technische Team nutzt die anwesende Kamera dankbar als Plattform, sich selbst zu inszenieren. Das wirkt zwar mehr wie eine unbedachte Momentaufnahme als eine bewusst kritische Offenlegung, dennoch wird der Zynismus der arroganten Crew deutlich gemacht, wenn sie über Darsteller lästern, die ihnen zu schmierig sind und „nicht weit genug abspritzen“, und gleichzeitig selbst auf einem technisch amateurhaften Level arbeiten.

Intimitäten

Nach einigen Drehtagen taucht am Set auch noch ein Kamerateam von „Wa(h)re Liebe“ auf, das ebenfalls über die Produktion berichtet. Der schon 2003 auf Vox gesendete Kurzbeitrag unterscheidet sich optisch nur gering von Schmids Dokumentation und schafft es in weitaus komprimierterer Form genauso viel Information zu vermitteln und dabei trotz öffentlicher Fernsehausstrahlung auch noch expliziter zu sein. Es wirkt schon etwas befremdlich, dass in einem Film über Sex als Ware und den nackten menschlichen Körper als Werkzeug bei jedem Genital sofort weggeschwenkt wird. Die Vermeidung des visuell Expliziten lässt eine intensive Beleuchtung des Innenlebens der Mitwirkenden erwarten, was bis auf einige eitle Monologe jedoch nicht eingelöst wird.

Neben Schmid startet selbst Porno-Regisseur Jörg Andreas einen Versuch mehr Tiefe in das Ganze zu bringen und quetscht die Darsteller mit einer Videokamera über ihre sexuellen Vorlieben aus. Die Antworten der Darsteller, die es wahrscheinlich schon Leid sind auch außerhalb des Drehs ständig auf ihre Sexualität reduziert zu werden, stottern dann nichtssagende Floskeln vor sich hin und stellen so das erzwungene Experiment in seiner plumpen Herangehensweise bloß. Immerhin muss man Intimitäten zu Gute halten, dass er trotz seiner inhaltlichen Unentschlossenheit relativ kurzweilig und unterhaltsam ist, aber leider nur auf dieselbe oberflächliche Weise wie es auch „Wa(h)re Liebe“ sein kann.

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