Intime Fremde

Weil sie sich in der Tür geirrt hat, vertraut Anna dem Steuerberater William Faber ihre Eheprobleme an. Zwischen dem vermeintlichen Psychoanalytiker und seiner attraktiven Klientin entspinnt sich eine Beziehung voller Rätsel und erotischem Verlangen. Der Film besticht durch ein erstklassiges Schauspielerduo, enttäuscht aber durch manch plattes Klischee.

Intime Fremde

In Patrice Lecontes neuem Film kann sich die Geschichte zwischen den beiden Figuren paradoxerweise nur deshalb entwickeln, weil keine Handlung stattfindet. Intime Fremde (Confidences trop intimes) erzählt die zufällige Begegnung der jungen attraktiven Anna (Sandrine Bonnaire, zum ersten Mal seit Die Verlobung des Monsieur Hire wieder in einem Leconte-Film) und dem verklemmten Steuerberater William Faber (Fabriche Luchini). Anna hält den fremden Mann, dem sie in seinem dunklen Büro gegenübersitzt und intime Details über ihr Eheleben schildert, für einen Psychoanalytiker – sie hat sich einfach in der Tür geirrt. Und William ist so irritiert wie fasziniert von seiner neuen „Patientin“, dass er sich nicht traut, den Irrtum aufzuklären und verabschiedet Anna nach der Sitzung mit einem neuen Termin.

Aber wer ist diese Anna eigentlich? Ist sie tatsächlich auf Williams Spiel hereingefallen? Dem armen Steuerberater bleibt sie genauso ein Geheimnis wie dem Zuschauer. Von Treffen zu Treffen, von einer Offenbarung zur nächsten kehrt sich bald das Verhältnis um. In Wirklichkeit scheint die Frau die Fäden in der Hand zu halten. Sie provoziert William, wird zu seiner erotischen Obsession. Ihr Spiel kann nur deshalb so weit getrieben werden, weil die Figuren nicht handeln, sondern nur reden: es kommt nicht zu einer einzigen direkten Liebesszene. Die Spannung baut sich allein durch Worte und Blicke auf und wird bis zum Schluss durchgehalten – aber genau darin besteht die Qualität von Intime Fremde.

Intime Fremde

Eine „Art Thriller der Gefühle“ habe Leconte mit Intime Fremde machen wollen, keinen Film über die Psychoanalyse. Leider bedient er den Zuschauer dafür mit manch plattem Wortspiel und psychoanalytischem Klischee: Als der Steuerberater den echten Psychoanalytiker aufsucht, um Annas Adresse zu erfahren („où elle habite?“), antwortet dieser lapidar, jeder wolle schließlich wissen, wo der Schwanz ist („où est la bite?“). Zudem hat die männliche Hauptfigur die Emanzipation vom Vater nie geschafft. Er führt dessen Kanzlei fort, lebt und arbeitet in den Räumlichkeiten der elterlichen Wohnung. Klar, dass so jemand eine verklemmte Sexualität hat. Allzu klassisch ist die Organisation des filmisches Raumes in einen kaum wahrgenommenen Außenraum der Alltagswelt und einen – durch sparsame Ausleuchtung auch ästhetisch markierten – Innenraum: Williams Kanzlei und Wohnung, Ort der Bekenntnisse und Intimitäten. Getragen wird der Film vor allem von einem erstklassigen Schauspielerduo, das hier zum ersten mal gemeinsam vor der Kamera steht. Sandrine Bonnaire spielt überzeugend alle Facetten ihrer rätselhaften Figur aus: verletzliches Kind, sexuell frustrierte Ehefrau, hintertriebener Vamp. Fabrice Luchini, der sonst eigentlich durch sein extrovertiertes Spiel auffällt, hat sich hier ganz zurückgenommen und den schauspielerischen Ausdruck allein in seinen Blick gelegt. Trotz der Darstellerleistung bleibt man als Zuschauer ein bisschen unbefriedigt, was vor allem am filmischen Ende liegen mag, das vielleicht doch zu glatt und einfach ist.

Intime Fremde

Das heterogene Werk Patrice Lecontes zählt in Deutschland durch Meisterwerke wie Der Mann der Friseuse (Le mari de la coiffeuse, 1990) und Die Verlobung des Monsieur Hire (Monsieur Hire, 1989) zum absoluten Arthauskino. In Frankreich hat er sich jedoch nie richtig als Autor durchsetzen können. Dort wird sein Name vor allem mit den 70er-Jahre-Klamotten Die Strandflitzer (Les Bronzés, 1978) und Sonne, Sex und Schneegestöber (Les Bronzés font du ski, 1979) assoziiert. 25 Jahre nach den beiden Publikumsrennern macht sich Leconte nun als nächstes an den dritten Teil der Bronzés-Reihe, in dem er auch wieder das alte Schauspielerteam um Thierry Lhermitte, Gérard Jugnot und Josiane Balasko zusammenbringen will. In diesem Film darf dann auch wieder offenherzig gezeigt werden, was in Intime Fremde nur durch Worte angedeutet wird.

Kommentare


Martin Zopick

Patrice Leconte hat die Fähigkeit, aus einer kleinen Idee einen abendfüllenden Film zu machen. Hier ist es die Verwechslung von einem Psychiater mit einem Steuerberater, die einer Klientin unterläuft. Die beiden Darsteller in diesem Fast-Zweipersonenstück sind Sandrine Bonnaire und Fabrice Luchini, der mit eindrucksvollen, großen Augen erstaunt schweigen und zuhören kann. Und das ist eines der Geheimnisse, warum es zwischen den beiden funkt, weil das heute offenbar eine selten gewordene Fähigkeit ist. So ist der Motor für die sich entwickelnde Beziehung ein gegenseitiges Interesse, das aus einer Einsamkeit heraus entstanden ist und das gezielt mit einem wunderbaren Wilson-Pickett-Song unterlegt ist. Auch die Nebenfiguren werden pointiert charakterisiert, egal ob Ehemann (gefährlich Gilbert Melki) oder Ex-Freundin Jeanne (ironisch Anne Brochet), ihr gegenwärtiger Lover ein etwas schlichter Muskelprotz oder die etwas ältere Sekretärin. Die angetäuschte Therapiesitzung wird zum persönlichen Plausch, die Akteure verändern sich nicht nur äußerlich. Von allen Seiten hagelt es Ratschläge wie ‘Weg mit ihr oder drauf mit dir!‘ oder ‘Die Liebe ist eine unheilbare Krankheit‘.
Nach einem kurzen Intermezzo gibt es dann ein versöhnliches Ende ohne den obligatorischen Kuss oder das Betthupferl.
Nett und liebevoll aber nicht zu süß, ein Neuanfang eben.






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