Interview

Das Starlet und der Reporter: Ein Interview entwickelt sich vom gereizten Smalltalk zur handfesten Psychotherapie. In seiner dritten Regiearbeit macht Steve Buscemi ein New Yorker Loft zum Schauplatz eines medienkritischen Kammerspiels.

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Interviews wie dieses gehören eigentlich zum Standardrepertoire des Boulevardjournalismus: Pierre (Steve Buscemi) soll den B-Moviestar Katya (Sienna Miller) über ihren neuesten Horrorfilm ausfragen, von ihr mit netten, möglichst privaten Anekdoten vom Dreh versorgt werden und anschließend einen ebenso wohlwollenden wie werbewirksamen Artikel verfassen. Doch die Interviewpartnerin erscheint über eine Stunde zu spät zum Termin im New Yorker Nobelrestaurant und so platzt dem ohnehin schon gereizten Pierre schnell der Kragen. Smalltalk mit Schauspielerinnen, die vor allem mit wechselnden Liebschaften und Brustumfängen in den Schlagzeilen sind, hält der ehemalige Kriegsberichterstatter für unter seiner Würde. Auch Katya kann ihre Wut über Pierres offen zur Schau getragenes Desinteresse schwer zurückhalten. Die Verachtung ist gegenseitig. Einen Drink und einige scharfe Beleidigungen später wird das Interview fürs Erste beendet.

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Als Hintergrundrauschen ist der kritische Blick auf die Begehrlichkeiten der Star- und Klatschpresse in Interview ständig präsent. Das Koordinatensystem, innerhalb dessen die Protagonisten agieren, ist ein Mediengeschäft, in dem Geständnisse und pikante Details aus dem Privatleben der Stars einen hohen Marktwert haben. Interviews sind hier Teil einer Promotionsmaschinerie, die Skandale und Bloßstellungen werbewirksam zu nutzen versteht. Sämtliche Figuren in Interview partizipieren auf die eine oder andere Art an dieser Ökonomie. Gleich zu Beginn sehen wir Katya mit mal überwältigten, mal zudringlichen Fans konfrontiert. Papparazzi lauern vor dem Restaurant auf ihre Chance. Genau wie Pierre sind sie auf der Jagd nach einem vermarktbaren Stück der privaten Katya. Dabei lässt der Film genau hier eine Leerstelle: In ihrem Leben scheint es keine Privatsphäre, keine „echte“ Katya zu geben – alles ist Bühne, alles Performance und vertrauliche Offenbarungen können sich in Interview im nächsten Moment als raffinierte Lüge herausstellen.

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Das wird umso deutlicher, wenn das Interview nach dem gescheiterten ersten Anlauf in Katyas Privatwohnung fortgeführt wird. Hier suggerieren Kerzenlicht und geteilte Weinflaschen zwar Intimität. Doch so sehr sich Pierre auch bemüht, Katya ein wie auch immer geartetes „Geheimnis“ zu entlocken, einen „authentischeren“, privateren Einblick wird er bei ihr zu Hause ebenso wenig erhalten. Auch Katyas Versuche, die Situation zu kippen und den Interviewer zum Interviewten zu machen, gelingen nur eingeschränkt. Denn ihr Gegner im Spiel mit Täuschungen und Halbwahrheiten ist ein ebenbürtiger. Und so liefern sich die beiden über die folgenden knapp 80 Minuten ein Duell ohne Sieger. Wieso man sich so lange belügt, provoziert, beschimpft und wieder verträgt, bleibt dabei zumindest teilweise rätselhaft. Pierre erhofft sich, nun doch noch an eine gute Story zu gelangen, die ihm die Rückkehr ins „seriöse“ journalistische Fach garantieren könnte – Katyas Motive, den schmierigen Journalisten so lange auszuhalten, sind weniger klar.

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In Katyas Wohnung wird Interview endgültig zum Kammerspiel, auch wenn die Kammer eine weitläufige Fabriketage ist. Buscemi zeigt die Figuren überwiegend mit beweglicher Kamera dabei, wie sie sich im geräumigen Loft umkreisen. Eine Weile lang macht es wirklich Spaß, ihnen beim Austesten immer neuer Angriffspunkte zuzuschauen, ihre Attacken und Rückzüge zu beobachten. In den besseren Momenten entspinnt sich hier ein verbaler Boxkampf auf hohem Niveau. Mal hat Katya die Oberhand, spielt für den zwischen Faszination und Abscheu schwankenden Pierre die Verführerin und lenkt das Gespräch geschickt. Dann wieder trifft eine Spitze Pierres bei der mal gelangweilten, mal belustigten Diva ins Schwarze. Doch irgendwann ermüdet das ständige Hin und Her. In der zweiten Hälfte des Films wird eine dramatische Zuspitzung der Ereignisse behauptet, die eher wie ein Abarbeiten von überkonstruierten Plotpoints wirkt. Zu unmotiviert sind die ständigen Wendungen, die immer neuen Verschiebungen im Kräfteverhältnis der Sparringspartner, als dass sich wirkliche Spannung entwickeln könnte.

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Die medienkritische Komponente sowie der Hang zum ätzenden Kommentar in Interview sind das Vermächtnis Theo van Goghs, auf dessen 2003 entstandener Produktion der Film basiert. Der niederländische Filmemacher wurde ein Jahr später auch über die Grenzen Hollands hinaus bekannt, als er nach der Veröffentlichung eines islamkritischen Kurzfilms in Amsterdam ermordet wurde. Van Gogh galt als Provokateur, seine Interview-Version schlug über weite Strecken wütend-grelle, zynische Töne an. Buscemi entscheidet sich stattdessen für abgeklärte Ironie. Zwar scheint er die pessimistische Weltsicht van Goghs zu teilen – schließlich bleibt auch bei ihm wenig Hoffnung auf Läuterung seiner Figuren. Doch beim Amerikaner dürfen sich Geschichten von explodierten Prostituierten und getöteten Ehepartnern auch schon mal als – wenn auch geschmackloser – Witz herausstellen. Seine Figuren sind nicht die personifizierte Amoral – zumindest nicht nur. Das macht sie nicht zu sympathischeren, wohl aber zu runderen, facettenreicheren Charakteren. Dennoch lassen ihre Aus- und Zusammenbrüche seltsam kalt. Im distanzierten Blick des Films auf seine Protagonisten ist wenig Platz für Empathie. Buscemi scheint eher an der Analyse des Prinzips Interview, am verbalen Schlagabtausch an sich, interessiert zu sein, als an einer Charakterstudie über Menschen jenseits der Moral. Vielleicht lässt sich Interview deshalb mit dem größten Gewinn sehen, wenn er als Versuchsanordnung verstanden wird, in der zwei oberflächlich gegensätzliche Personen im Frage-Antwort-Spiel aufeinander losgelassen werden und bei der manchmal etwas zu stark nachgeholfen wird, um dramatische Ergebnisse zu erhalten.

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Kommentare


mi3000

zum film möchte ich nichts sagen.
kann mir nur jmd erklären, warum in der filmkritik behauptet wird, dass der rep auch bezüglich des mordes seiner frau lügt? was ist dafür der anhaltspunkt? ich hab kein bock dafür nochmal den film zu gucken, wär aber dankbar, wenn mich jmd aufklärt :-)






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