Interstellar

Reisen jenseits der Sterne: Christopher Nolan hat schon wieder keine Komödie gedreht.

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Die Welt ist verstaubt: Sandstürme begraben sie mit einer solchen Regelmäßigkeit, dass die Schutzsuche zur banalen Alltäglichkeit verkommt. Keine Hektik, kein Drama – eigentlich nerven diese Stürme nur: Die Suppen schmecken sandig, die Zimmer muss man häufiger kehren, das Baseballspiel muss abgebrochen werden. Was allerdings noch niemand weiß: Die Erde ist im Begriff unterzugehen. Noch in anderer, allegorischer Hinsicht ist die Welt verstaubt, denn im Grunde gibt es in ihr auch gar nichts mehr zu filmen. Eine alleinstehende Farm inmitten von Maisfeldern und die mikrosoziale Struktur der Familie, eine Gruppe von vier einander liebenden Menschen – das ist das einzige Bild der Erde, das sich unter der Sandschicht noch freizulegen lohnt; das nächstgrößere zeigt einen weiß-blauen Ball, von den Sternen aus gesehen. Derart aufs Partielle zugespitzt war der Globus vielleicht noch nie vom Untergang bedroht (sieht man einmal von Lars von Triers Melancholia (2011) ab, wo Welt und Erde ohnehin auf einer gänzlich anderen poetischen Folie als Kategorien des Denkens sich offenbaren). Die Apokalypse kommt recht humorlos, recht denkfaul daher: keine Riesentornados, keine davonschwirrenden Wohnhäuser und vor allem keine Menschenmasse, die über die Ufer tritt und aus den Fugen der sozialen Architektur bricht. Nicht nur die Welt, sondern auch ihr Niedergang sind für Christopher Nolans Kamera zu belanglos, um sie noch von allen Seiten her akribisch vermessen zu müssen.

Augenzwinkernd in die Aufwärmphase

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Dafür, dass die letzte Stunde der Menschheit eher pfeifend angetrödelt kommt, als sich mit Pauken und Trompeten dem geschichtlichen Kontinuum unseres Planeten aufzuzwingen, gönnt sich Nolan eine üppig ausladende Exposition in jenem Diesseits, welches ihn doch so gar nicht interessiert. Der Anfang von Interstellar hat etwas, was man aus dem Sport kennt: erstmal in die Gänge kommen, erstmal dehnen und warmlaufen. Im Champions-League-Finale haben auch solche Vorlaufszenen ihren Schauwert, ein nervöses antizipatorisches Potenzial. Darauf scheint sich Nolan zu verlassen und dazu gehört gewiss eine gute Portion Arroganz oder zumindest ein sehr gesundes Selbstbewusstsein. Dass sich das nicht immer trennscharf unterscheiden lässt, kommt seiner großspurigen Vision vom Kino sicher erst einmal zugute. Sei’s drum, lassen wir es ihm zugute kommen! Los geht es mit einem abstrusen, im Kern ziemlich unironischen Amerikanismus. Die Schulbücher lehren mittlerweile, dass die Apollo-Missionen ihrer Zeit ein gigantischer Propagandawitz waren, um die Sowjetunion zu vergackeiern, und fast ließe sich sagen, aufs Neue die Sterne zu bereisen wäre schon deshalb längst überfällig, um die Lehrpläne wieder mit nationalem Stolz aufzupusten, so zumindest legt es Coopers (Matthew McConaughey) konsterniertes Gesicht nahe, als er diesen Unfug beim Elternsprechtag erfährt.

Wohin die Reise blickt

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Deshalb vielleicht genügt es auch gar nicht, zu den Sternen zu reisen. Vielmehr gilt es, hinter sie zu reisen, aus der Galaxie zu schlittern, selbst wenn dahinter wieder nur Sterne funkeln. Nolans Reise ins All blickt nur bis zu einem gewissen Punkt nach vorne, irgendwann dreht man sich um, fliegt aber weiter rückwärts und winkt nach unten zu Kubrick (2001: Odyssee im Weltraum, 1968), Tarkowskij (Solaris, 1972), Lucas (Krieg der Sterne) und auch zu Cuarón, dessen Gravity (2013) Nolan so ganz und gar nicht schmecken dürfte. Die vielen Zitate (vom sprechenden Roboter bis zur Eigenzeitlichkeit eines fremden Ozeans) jener Fixpunkte des Weltraumkinos sind eben keine anbetende Aufschau, eher sind es vage Bruchstücke, an die man sich dort oben gerade noch wohlwollend erinnern will. Das nimmt ihnen auf der einen Seite die kitschige Frömmigkeit, auf der andern Seite aber auch – und wieder einmal – die Ironie. Gerade weil Nolans Kino derart unironisch ist, zumal dort, wo die geskripteten Gags noch den Ballast ihres Schriftcharakters mitschleppen, muss man es ironisch in Empfang nehmen. Inmitten der fetten Eddingstriche seiner diagrammatischen Volkshochschul-Metaphysik gilt es, die Karikatur aufzuspüren und zu sehen. Nicht um damit kritische Distanz zu wahren, nicht um fachkundig den Denkfehler seiner Raumzeit-Logik zu überführen, sondern um überhaupt Spaß zu haben.

Eine Gemeinschaft der Ahnungslosen

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Ein Blatt Papier, zwei Punkte und ein Strich; mehr braucht es nicht, um die Relativität der Zeit zu begreifen. Der eine malt, der andere sagt „Aha“, und ab geht’s durch das Wurmloch, durch die Zeit ohne Raum oder andersrum, oder wie auch immer. Dem dahinterliegenden, sich intelligent gebärdenden Konzept nachzuspüren lähmt. Das Wurmloch ist kein astrophysikalisches Phänomen, jedenfalls nicht für Interstellar, es ist ein Ort des Durchschüttelns und -rüttelns, ein Raum ohne Richtungen, der absurde Geschwindigkeiten freisetzt, ein Simulationsraum für die Wahrnehmung, kein Mathe-Quiz für den Verstand. Vor Interstellar – Nolan und die Darsteller mit eingeschlossen – sind wir eine Gemeinschaft der Ahnungslosen, wir haben den Faden nicht verloren, wir haben ihn schon in der Garderobe abgegeben. Nur so schmuggelt sich die Ironie ein, die der Film nicht selbst zu leisten vermag, nur so sehen wir kein dramatisch zugespitztes Andockmanöver an die rotierende Raumstation, sondern eine skurrile Liebesszene zwischen zwei Blechmaschinen mit Gliedmaßen, die verzweifelt einander zu fassen versuchen, sich stets verfehlen und abrutschen, bis sie endlich und auf Ewig einander fest im Griff halten. So lässt es sich leben in der Nolan-Welt, wenn man sie scherzhaft umleuchtet, dann kommt man aus dem Kinosaal und weiß nicht, ob man nun enttäuscht ist von der Welt, in die man wieder eintritt, oder doch von dieser erlöst wird. So viel vielleicht dann auch zur wirkmächtigen Eigenleistung von Interstellar.

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Kommentare


Fronzi

Hm, also wenn man schon so verzweifelt witzelt, wäre es vielleicht hübsch gewesen, Nolans "Denkfehler in der Raumzeit-Logik" tatsächlich mal anzusprechen. Soweit ich mich an die Relativitätstheorie etc. erinnern kann, war das, was ich da sah - ja, natürlich, mit Abstrichen - einigermaßen konsistent. Dafür spricht auch, dass Nolan eng mit Astrophysikern zusammengearbeitet hat.

Oder handelt es sich vielleicht einfach nur um Kritiker-Überheblichkeit, die von vornherein meint, erst gar nicht richtig zuschauen zu müssen (vulgo: Schlamperei)? Für diese These spricht immerhin, dass in der Szene mit dem Papier ja nicht eine Reise durch die Zeit, sondern in erster Linie eine durch den Raum über den Umweg einer höheren Dimension illustriert wird. Und wenn wir schon am Unken sind - "ein Stück Papier reicht" -: Dieses veranschaulichende Illustrationsmodell ist durchaus üblich.

Ich will ja nicht behaupten, Herr Stern habe nicht recht. Aber so ein unargumentiertes Frotzeln und Kichern riecht erstmal nur nach eitler Selbstgerechtigkeit.


Lukas Stern

Sie haben sicher Recht, den Denkfehler in der Raumzeit-Logik habe ich gewissermaßen vorausgesetzt. Man könnte vielleicht sagen, was dort im All geschieht, die Kräfte, die dort walten, die Bewegungen, Farben, Töne, all das sind Erfindungen des Kinos; also höchst artifizielle Wahrnehmungsformen (die Montage spielt da sicher auch eine große Rolle) und eben keine bis ins Letzte durchgerechneten NASA-Simualtionen. Raum und Zeit - das wäre dann mein Argument - verdichten sich im Kino eigenlogisch und sich auf diese Eigenlogik einzulassen scheint mir auch der Reiz an Interstellar zu sein. Die wissenschaftliche Konsistenz, von der Sie sprechen, müsste man dann rein auf einer Handlungsebene suchen und das lähmt das Ganze, zumindest für mich. Deshalb plädiere ich ja auch gar nicht für eine Lesart, die den Denkfehler aufspürt sondern für eine, die ihn akzeptiert. Ich möchte nicht aus dem Kino kommen und darüber nachdenken, was alles sein kann und was nicht; ich möchte viel lieber - und insofern verhalte ich mich mindestens so naiv, wie überheblich - aus dem Kino kommen und irritiert sein von der Welt, die mich wieder hat. Dazu muss man aber (glaube ich) dem grüblerischen Ernst, der da häufig von der Leinwand kommt, etwas entgegenhalten.
Es gibt im Übrigen auch viele Regisseure, die eng mit Psychologen zusammenarbeiten; dass diese automatisch interessantere/authetischere Figuren zeichnen, würde ich mindestens bezweifeln.


Simon

Ja, der Herr Nolan möchte gern seinen Film erklären und zu einem runden Ende führen und das ist eigentlich (fast) das Einzige, was man ihm hier vorwerfen kann. Ich vermisse in Ihrer Kritik die Ausarbeitung der Stärken des Films. Aber vielleicht haben Sie diese beim Grübeln über die Logik und der Suche nach Vergleichen zu früheren Klassikern der Science-Fiction übersehen? Denn was an Atmosphäre geboten wird, ist sehr bemerkenswert. Eine Reise entfaltet sich, die gerade durch den gemächlichen Antritt sehr intensiv wird. Man klebt an der Außenhaut der Raumschiffe und fliegt förmlich mit. Die Technologie ist herrlich klobig-altmodisch und ein bisschen dreckig: solche Roboter und Hyperschlafkammern gabs noch nicht zu sehen. Und das Gedankenspiel der relativen Zeit trägt ungemein zur Spannung vor allem im ersten Teil des Films bei. Was wiederum durch den Prolog und die Darstellung der "mikrosozialen Struktur der Familie" ermöglicht wird. Davon abgesehen gibt es durchaus auch "tiefere" Momente, wenn z.b. die Kamera in einer Totalen die zwei am weitesten von der Erde entfernten Menschen zeigt, welche für die Rettung der eigenen Spezies verantwortlich sein wollen und sich dabei gegenseitig an den Hals gehen...
Ich möchte glauben, Sie hätten sich gern in Interstellar verliebt, wurden aber durch Ihre Erwartungshaltung enttäuscht. Leider liest man dies nicht aus Ihrer Kritik.


ule

Das Film ist an logischen Fehlern und an Hollywood - Schmonzetten - Bräsigkeit kaum zu überbieten. Das ist so unterirdisch, mitsamt dem über 3 Stunden dahingestammelten Malick - Tree of Life - Heulsusen - Pathos (Chastain und Hathaway wie immer ohne Talent , mit dem immer gleichen "Ich- werde- jetzt- bestimmt -gleich -heulen -oder-die Welt- retten- "Gesichtsaudruck) . Dazu gesellen sich mittelmäßige CGI Szenen und viel Hans Zimmer Schleim. Der Film wirkt auf mich durchgängig herzlos, ohne Passion und vor allen Dingen wohl auch ohne allzu viel echtes Budget (für Nolans Verhältnisse) zusammen geschustert. Selbst Darren Aronofsky hätte keinen schlechteren Film aus dem Skript gemacht.
Mein Fazit: Interstellar, ein Film für mittelmäßige Kinder oder deren Eltern, die noch untalentierter zur Welt gekommen sind.






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