Interior. Leather Bar.

James Franco und Travis Mathews lassen in Interior. Leather Bar. angeblich die verlorenen 40 Minuten aus William Friedkins Cruising wiederauferstehen.

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Schweißgebadete Körper drängen sich aneinander. Tiefe, wummernde Beats durchströmen die Leiber, die sich im Halbdunkel durch dünne Nebelschwaden bewegen. Der bildgewordene physische Kontrollverlust einerseits, mit Leder und Riemen in Form und Fassung geschnürte Männerkörper auf der anderen Seite. So oder so ähnlich sollte man sie sich vorstellen, die verloren gegangenen 40 Minuten aus William Friedkins Thriller Cruising (1980), in dem Al Pacino als verbissener Polizist undercover in der zwielichtigen schwulen SM- und Bondage-Szene New Yorks ermittelt.

Cruising löste seinerzeit einen regelrechten Skandal aus: Die Motion Picture Association of America empfand Friedkins filmische Ausflüge in New Yorks schwule Unterwelt als zu anstößig, und so wurde Cruising mit dem gefürchteten X-Rating versehen, das in den Vereinigten Staaten die finanzielle Totgeburt eines Films bedeutet. Um ihm ein R-Rating zu sichern und ihn so überhaupt erst in die Kinos bringen zu können, sah sich Friedkin gezwungen, seinen Film radikal zu kürzen – es verschwanden um die 40 Minuten Filmmaterial, die laut Aussage des Regisseurs aus hauptsächlich expliziten Darstellungen von schwulem Sex bestanden.

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Heutzutage wirkt Cruising in seinem Umgang mit Homosexualität reichlich reaktionär. Die explizit dargestellte Erotik wird innerhalb des Films stets mit Gewalt in Verbindung gebracht. Das schwule Milieu ist für Al Pacinos Figur nicht nur fremd und abstoßend, sondern vor allem auch gefährlich. Dem ersten Mord im Film werden Bilder aus homosexueller Pornografie gegengeschnitten. Gay panic macht sich breit. Und doch geht von Cruising noch heute eine merkwürdige Faszination aus. Friedkin, der sich mit Brennpunkt Brooklyn (The French Connection, 1971) und Der Exorzist (The Exorcist, 1973) als Meisterregisseur etabliert hatte, gelang mit Cruising ein filmischer Präzedenzfall, der noch heute nachklingt: Als einer der ersten arrivierten Regisseure Hollywoods wagte sich Friedkin in einer großen Produktion derart offen an das Thema Homosexualität heran.

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Für ihren Film Interior. Leather Bar. bedienen sich Regisseur Travis Mathews (I Want Your Love, 2012) und James Franco, der zunehmend durch seine künstlerischen Performance-Experimente auf sich aufmerksam macht, am Mythos, der Cruising umgibt. In einem dokumentarischen Gemeinschaftsprojekt wollen der queere Filmemacher und der Hollywood-Beau versuchen, die 40 Minuten zu rekonstruieren, die aus der ursprünglichen Fassung von Cruising entfernt wurden. Kameras begleiten das gesamte Projekt. Mit dem Anspruch, eine sinngemäße Interpretation des verschollenen Filmmaterials zu inszenieren, das zur urban legend in den Hollywood Hills geworden ist, versammeln Mathews und Franco eine Gruppe junger, unbekannter Darsteller und begeisterungsfähiger Mitstreiter, die in Hollywood anscheinend durchs Raster gefallen sind. Eine Gruppe Misfits, irgendwo zwischen Fetischist und Hipster. In einem kleinen Off-Theater im Industriegebiet von L.A. sollen die verlorenen 40 Minuten nachgestellt werden. Unter dem Titel Interior. Leather Bar. Der Film im Film ist die Ausgangssituation der Dokumentation. Im Zentrum des Geschehens steht Francos Weggefährte Val Lauren (der schon in dessen Sal-Mineo-Biopic Sal (2011) die Titelrolle spielte), der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Fußstapfen der Rolle, die bei Friedkin einst Pacino spielte, zu füllen.

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Anhand dieser Figur wird der zentrale Konflikt von Interior. Leather Bar. visualisiert. Lauren hat sich zwar ganz dem künstlerischen Anspruch des Projekts hingegeben und würde seinem Kollegen Franco blind folgen, hat aber sichtlich mit der „schwulen Atmosphäre“, die das Projekt umgibt, zu kämpfen. Wie weit ist er gewillt zu gehen, wenn sich um ihn herum die homosexuellen Laiendarsteller züchtigen, küssen und miteinander schlafen? Was wird seine Freundin von ihm denken? Hat Laurens Agent recht, wenn man ihn aus dem Off ermahnend hört, dass der Film als pornografisch rezipiert und Lauren damit als frivoler Kollaborateur in einem Schwulen-Porno abgestempelt werden wird? Die Kamera begleitet Lauren ständig, ruht auf seinem Gesicht, auf dem eine Mischung aus Faszination und Ekel zu erkennen ist. Lauren wird hier zur heterosexuellen Instanz, zur Verkörperung der Heteronormativität, die mit dem dezidiert Anderen, der zur Schau gestellten Homosexualität, kollidiert.

Diese Dichotomie zwischen „normal“ und „queer“ dient dem Film dazu, den Status quo Anfang des 21. Jahrhunderts zu veranschaulichen: Während Geschlechter- und Identitätsgrenzen flüssig geworden zu sein scheinen, werden explizite Darstellungen von (schwuler) Sexualität im Spielfilm jenseits ausgewiesener Pornofilme noch immer marginalisiert. Aber handelt es sich tatsächlich um Pornografie, wenn realer Sex im Film abgebildet wird, ohne die Absicht, den Zuschauer sexuell zu stimulieren? Interior. Leather Bar. enthält zwar Hardcore-Szenen, versteht sich aber trotzdem nicht als Porno – wiederum versucht er aber auch gar nicht erst, die 40 Minuten aus Friedkins Film originalgetreu nachzuempfinden, sondern verhandelt sein Sujet in den Momenten zwischen den Aufnahmen und hinter den Szenen. Denn das eigentliche Anliegen von Franco und Mathews liegt in den Zwischenräumen: es geht um die Natur und die (fehlende) Natürlichkeit des „Anderen“.

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Interior. Leather Bar. löst sich zunehmend in eine meta-filmische Möbius-Schleife auf. Die scheinbar dokumentarische Haltung des Films wird durch inszenatorische Handgriffe latent untergraben. Als Dokumentation bleibt der Film daher zwangsweise künstlich, Friedkin bleibt Vorwand. Vordergründig verliert Interior. Leather Bar. somit sein ursprüngliches Ziel aus den Augen – die Annäherung an Cruising bleibt unentschlossen. Stattdessen versteht sich Interior. Leather Bar. vielmehr als filmische Versuchsanordnung: Denn während in Cruising die dargestellte Sexualität den Zuschauer verschrecken sollte, wollen ihn die Bilder von schwulem Sex in Interior. Leather Bar. aus seiner Comfort Zone locken. Durch das Ins-Bild-Setzen des „Anderen“ werden dem Zuschauer die visuellen Grenzen der Mainstream-Ikonografie vor Augen geführt, und er wird dadurch mit der Heteronormativität der Gesellschaft konfrontiert.

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