Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt

Zu früh oder zu viel? Bill Condons Annäherung an das Phänomen Wikileaks zeugt von allgemeiner Unentschlossenheit.

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Vielleicht hätte es eine große Liebesgeschichte werden können. Denkt man sich die ganzen Geheimnisse und weltpolitischen Skandale mal weg aus der Erzählung von Inside Wikileaks, dann geht es hier doch um Verführung, Enttäuschung und Eifersucht. Die Faszination des netten, aber etwas langweiligen Hackers Daniel (Daniel Brühl) für den ungleich souveräneren und charismatischen Julian (Benedict Cumberbatch); dessen hinter dem augenscheinlichen Selbstbewusstsein lauernde Verletzlichkeit, die ihn einen Partner suchen lässt; die nur so zögerlich beginnende Beziehung Daniels zu seiner Kollegin Anke (Alicia Vikander), die ihm ständig vorhält, er lebe doch eigentlich nur für Julian; die auffällige Farbe von Julians Haaren, die an eine der schönsten Romanzen dieses Kinojahres denken lässt.

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Doch natürlich ist dies kein Liebesfilm, das Weiß der Haare nun wahrlich keine warme Farbe, und als Julian Assange Daniel Domscheidt-Berg mit Tränen in den Augen fragt, ob er bei ihm bleibt, da geht es nicht um Intimes, sondern um die Weltrevolution. Als solche versteht Regie-Allrounder Bill Condon (Dreamgirls, 2006, Breaking Dawn, 2012) die Entwicklung der Netzplattform Wikileaks, schon der Vorspann bietet in gerade mal zwei Minuten eine wilde Fahrt durch die Mediengeschichte, von ägyptischen Hieroglyphen bis zum Internet und der titelgebenden fünften Gewalt. Inside Wikileaks steckt voller Ambition und legt ein gehöriges Tempo vor.

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Gelang es David Fincher mit dem ähnlich schnellen Rhythmus von The Social Network (2010) noch, die schwindelerregende Verselbstständigung einer Idee innerhalb der digitalen Welt filmisch zu vermitteln, wirkt Condons Einstieg eher wie eine Flucht nach vorn aufgrund allgemeiner Unentschlossenheit. Die Vielzahl von Ansätzen, mit denen sich der Regisseur dem Problem der Inszenierung des Internets im Kino nähert, steht dabei symptomatisch für einen Film, der nicht nur unglaublich viel erzählen will, sondern sich zudem auch nicht entscheiden kann, wie er es will: Mal bildet er Allegorien – die Verschlüsselungspraxis von Wikileaks wird als Vertausendfachung von DIN-A4-Blättern visualisiert, zwischen denen die geheime Information sich nicht mehr zurückverfolgen lässt, die vielen Fake-E-Mail-Adressen der Zwei-Mann-Plattform werden zu Assange-Klonen, die in einem Fantasy-Großraumbüro an ihren Laptops sitzen –; mal nähert er sich der Materialität der digitalen Welt und setzt einen Server ins Bild; mal flieht er in die Abstraktion eines von Linien überzogenen Planeten Erde; mal kreiert er eine CGI-Welt aus Schlagzeilen und News-Clips.

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Denn neben der Geschichte hinter Wikileaks will sich Condon auch den großen Fragen widmen, die mit den Whistleblower-Affären auf die Agenda gekommen sind: Was, wenn die so ehrenhafte Entlarvung von dreckigen Geheimnissen durch Veröffentlichung geheimer Depeschen selbst Menschenleben gefährdet? Wenn Wissen immer auch Macht ist, heißt das, dass mit der Demokratisierung des Wissens auch die Macht demokratisiert wird? Ist Transparenz immer gut? Wer soll entscheiden über den Status von Informationen, über die richtige Balance zwischen kritischer Öffentlichkeit und dem notwendigen Verbergen von sensiblen Geheimnissen? Wikileaks hat diese Fragen in den öffentlichen Raum geworfen, der Film nimmt sie dankend auf und lässt die jeweiligen Instanzen aufeinander los: Die Staatsmächte werden von US-Staatssekretärin Sarah Shaw (Laura Linney) repräsentiert, Assange gibt den Anti-Zuckerberg – nicht der Nerd als Unternehmer, sondern der Nerd als Revolutionär –, und Guardian-Reporter Nick Davies (David Thewlis) steht für den guten alten Investigativjournalismus, die vierte Gewalt als vielleicht notwendige moralische Vermittlung.

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Doch derart grundsätzliche Debatten wie die um Transparenz und Pressefreiheit lassen sich im Kino doch nur schwerlich bar jeder Konkretion darstellen. Anders als das Sujet Internet ist das Medium Film eben nicht in erster Linie Informationsfluss, sondern verlangt Ausgestaltung: Condon weiß um dieses Problem, versucht immer wieder gezielt in die Tiefen des Infostroms zu tauchen, Geschichten anzureißen, wo vorher nur Schlagzeilen wirkten, konkrete Effekte der abstrakten Debatte zu zeigen: Ein durch die Enthüllungen gefährdeter lybischer Informant des US-Außenministeriums muss aus dem Land fliehen, zwei kenianische Verbündete von Assange werden erschossen und machen diesem zum ersten Mal den Ernst der Lage klar, schließlich bekommen wir auch das mittlerweile berühmte Irak-Video zu sehen, das die zynisch kommentierte Tötung von Zivilisten und zwei Reuters-Reportern durch US-Soldaten zeigt.

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Gerade diese Bilder aber entziehen sich ihrer Funktion als bloßes Beispiel für die hier verhandelten Themen, zeigen vielmehr die Grenzen des Whistleblower-Diskurses und seiner Prämissen auf. Wenn wir die Soldaten hören, wie sie Menschen töten, über Angeschossene lachen, dann lässt das den Blick auf eine Sphäre des Politischen zu, die in Begriffen von Staat, Öffentlichkeit und Pressefreiheit nur ungenügend repräsentiert werden kann: Der Video gewordene Tötungswunsch hat nichts mit Transparenz zu tun. „Beweise für die Barbarei des Krieges“ nennt Assange das Video einmal, als hätte es für die Barbarei des Krieges Beweise gebraucht, als wäre damit etwas über einen bestimmten Krieg gesagt, und als wäre diese Barbarei mit ihrer Enthüllung schon aus dem Weg geschafft. Condons Film ist Assange damit näher, als er es sein möchte: Auch er fügt dem Diskurs um Wikileaks nichts hinzu, spiegelt ihn bloß auf der Leinwand. Inside Wikileaks wartet mit keiner Haltung zu seinem Thema auf, die über die Behauptung seiner großen Relevanz hinausginge, findet keine genuin filmische Form für den Internet-Aktivismus, bietet die pure Verdopplung all der bekannten, mal interessanten und mal müßigen Diskussionen – und zieht sich mit einer Bild-dir-deine-Meinung-Botschaft aus der Affäre.

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Es ist noch zu früh für einen Film über Wikileaks, lautet eine häufige kritische Anmerkung zu Condons Film. Doch das Problem ist weniger eines des Zeitpunkts als eines der Ambition, jenes Wunsches, nicht einen, sondern den Wikileaks-Film zu machen, den „Film zum Thema.“ Nicht länger warten also, sondern bescheidener werden: Hinter den Geschichten, die das Internet schreibt, stecken tausend gute Filme. Vielleicht sogar Liebesgeschichten.

Trailer zu „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“


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