Inside Llewyn Davis

Die Coen-Brüder drehen eine gedächtnislose Hommage an Folkmusik, die es nie gab.

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Sie sind selten, die ikonischen Bilder in Inside Llewyn Davis. Einmal finden wir uns in einem Auto wieder, auf der Rückbank liegt ein alter John Goodman ausgebreitet und schläft, erst später sehen wir seinen Pony-Haarschnitt, der Javier Bardems Paraderolle nachempfunden sein könnte. Hinter dem Lenkrad sitzt Garrett Hedlund zurückgelehnt, eine Zigarette im Mundwinkel, grüßt den neuen Mitfahrer Llewyn, der mit einer Katze auf dem Arm neben ihm Platz nimmt, eher mit einem Grunzen denn mit einem Wort. Aus Llewyns Perspektive blicken wir auf dieses Abziehbild eines Rebel Without a Cause im weißen T-Shirt und dunkler Lederjacke, eine Coolness-Inkarnation, wie im Reagenzglas aus der medialen Überlieferung gezüchtet. Für einen kurzen Augenblick scheint die Zeit stillzustehen, ist das Bild Image, Zitat, Pop. Aber das ist schnell verschwunden, weil es sich dank der Verschränkung mit Llewyns Sicht auf die Welt gleich wandelt in eine mit der Diagnostik verschwägerte Form der Zeitkritik. Der Sarkasmus von Inside Llewyn Davis ist im Kern nie distanziertes Herabschauen, sondern melancholische Nähe zum Außenseiter.

Eine großartig inkonsequente Hauptfigur

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Joel und Ethan Coen inszenieren die Neugeburt der Folkmusik im New York der gerade anbrechenden 1960er Jahre. In stilisierten, kontrastreichen Aufnahmen lugt Oscar Isaac unter seinen schwarzen Locken empor, sein Llewyn ist ein typischer Coen-Protagonist, ein Soziophober, der alle anderen um sich für Soziopathen hält. Ein Alleingänger, der sich selbst im Weg steht und mit Missgunst auf Kollegen schaut, die einen abweichenden Begriff vom Folk haben. Mehr aber noch ist er eine großartig inkonsequente Figur, die im einen Moment Nettigkeiten am Esstisch austauscht, im nächsten eine wehrlose Frau für einen angestimmten Song niedermacht. Über den Popfolk und den willkürlichen Gesang eines Bekannten macht er sich lustig, fragt naiv-bissig, wer denn diesen Text verfasst habe, und singt schließlich voller Inbrunst und perfekt getimt im Trio mit. Seinen Vater besucht er im Altersheim und weckt ihn aus dem Mittagsschlaf auf dem Sessel in der Ecke liebevoll mit einer Ballade übers Sterben.

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Inside Llewyn Davis ist wie ein Steinbruch in eine vergangene Zeit hinein. Den Film prägen die seltsam in weiches Licht getauchten Gesichter von Isaac, Justin Timberlake und Carey Mulligan sowie die perfekt besetzten Auftritte von Stark Sands als All-American-Soldier und den beiden Girls-Akteuren Alex Karpovsky und Adam Driver als herausstechenden Visagen. Die Coens drehen Begegnungen und Gesangseinlagen, Situationskomik und dramatische Höhepunkte mit beeindruckender Beiläufigkeit. Llewyn bleibt immerwährend gefangen zwischen existenziellen Zukunftsängsten und der Nostalgie eines vermutlich nie gewesenen, besseren Standings von Nonkonformisten. Diese Haltung spiegelt das Zwischenreich, in dem die Coens mit ihrem gedächtnislosen Historienfilm verweilen. Es gibt sie zwar, die Referenzen, Vorwegnahmen wahrer Entwicklungen in der Sub- und Populärkultur oder Anspielungen auf die damalige Szene in Greenwich Village. Aber nie wird auf diese zugesteuert, nichts erklärt und erst recht nicht im historischen Detail erschlossen.

Die Momentaufnahme eines Lebensabenteuers

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Während konventionelle Period Pieces oder Biopics stets mit dem Gestus der Erinnerung auf eine abgewickelte Geschichte blicken, die Vergangenheit als Hintergrund für die Gegenwart deuten, ist Inside Llewyn Davis als eine Gegengeschichte angelegt. Freigelegt werden soll eine Lücke in den Geschichtsbüchern, eine Leerstelle. Ein kurzer Streifen auf der Achse der 1960er Jahre, bevor es Bob Dylan nach New York verschlug, als Singer-Songwriter noch kein etabliertes Genre war. Ein solcher Zugang ist sehr frei, im Zweifel revisionistisch oder zumindest ahistorisch, wenn man den Film als Zeitbild zu ernst nimmt. Begreift man ihn aber als Kritik, das heißt als Dekonstruktion des klassischen Musiker-Biopics und der Folklegenden statt als Antwort, dann erlaubt der Film ein absolut zeitgenössisches, musikalisches Streben nach Wahrhaftigkeit.

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„Wir sind die letzten zehn Jahre in einer Übergangszeit, in der das Alte stirbt, aber noch nicht tot ist, und in der das Neue geboren wird, aber noch nicht lebendig ist.“ Im Interview beschreibt T Bone Burnett, Musikproduzent von Inside Llewyn Davis, die für ihn zentrale Parallele zwischen dem Stoff und dem Hier und Jetzt. Tatsächlich ist das Werk lediglich lose inspiriert von Dave Van Ronks Memoiren The Mayor of MacDougal Street. Umso besser funktioniert der Film als Momentaufnahme, als ausschnitthafte Schilderung eines Lebensabenteuers, dessen Perspektive immer gleichzeitig Empathie und ironische Distanzierung ist. Freilich ist ohnehin alles von der Musik getragen, von den zu großen Teilen eigens geschriebenen Songtexten und der schillernden Performance der Hauptdarsteller. Die Coen-Brüder machen es dabei vielen recht: Inside Llewyn Davis interessiert sich für das Beziehungsdrama, das sich um Llewyn und seine frühere Geliebte entfaltet, fokussiert das Künstler- und Drifterdasein und den unfallhaften Werdegang des Protagonisten, bei dem nicht zuletzt eine Katze namens Ulysses zum Handlungsmotor wird. Es ist ein Schauspielerfilm und eine durchaus dezent gehaltene Hommage an eine erfundene Zeit, der die Brüche und der ungewisse Ausgang tief eingeschrieben sind. Das ist Fiktion, die Verständnis fürs Leben weckt.

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