Inside Deep Throat

Deep Throat gilt als der Klassiker des Pornofilms schlechthin. Weit interessanter als dieser selbst ist jedoch seine Entstehungs- und Wirkungsgeschichte, wie ein US-Dokumentarfilm nun höchst unterhaltsam zeigt.

Inside Deep Throat

Die Zeiten haben sich geändert. Während Fellatio-Praktiken heutzutage von dem einstigen amerikanischen Präsidenten Clinton und einer Großzahl heranwachsender US-Teens nicht länger als sexueller Verkehr bezeichnet werden, versetzte im Jahr 1972 ein „Blowjob“ der besonderen Art ein ganzes Land in Aufruhr. Nicht mehr in düsteren Hinterhofkaschemmen, sondern über die Leinwände der Kinos an der Ecke flackerten auf einmal die Bilder eines weiblichen Mundes, der den erigierten Penis eines Mannes regelrecht zu verschlingen schien.

Alles begann Anfang der 70er Jahre in einem Schönheitssalon. Dort verdiente sich Gerard Damiano seinen Lebensunterhalt als Damenfriseur und erhielt somit, dank der intimen Geständnisse seiner weiblichen Kundschaft, folgenreiche Einblicke in das frustrierte Sexualleben amerikanischer Ehen. Er erkannte das Bedürfnis nach einer massenkompatiblen Pornographie, die nicht nur die üblichen Verdächtigen der männlichen Klientel, sondern eben auch Frauen ansprach. Damiano wollte den Pornofilm von seinem schmuddeligen Image befreien – sicher weniger aus ideologischen als aus finanziellen Gründen. Und so wechselte er seinen Friseurstuhl gegen einen Regiestuhl.

Das Resultat seiner filmischen Bemühungen lautete Deep Throat (1972), ein Pornofilm, dem sein Macher selbst jegliche Qualitäten abspricht, der aber dennoch einen solchen Publikumserfolg verzeichnete, dass Damianos kühnste Erwartungen übertroffen wurden. Der Grund hierfür war unter anderem in der titelgebenden Hauptattraktion des Films zu finden: Darstellerin Linda Lovelace verfügte über nie gesehene orale Fähigkeiten. Sie vollzog den Akt der Fellatio anscheinend mit ihrer „tiefen Kehle“. Um seinen Porno der breiten Masse zugänglicher zu machen, entschärfte Damiano den sexuellen Gehalt mit einer Prise derben Humors und verlieh dem Ganzen durch die genreunübliche solide Kameraführung einen „sauberen“ Anstrich. Deep Throat stellt nicht nur den ersten Pornofilm dar, der ein „normales“ Publikum anlockte, mit Produktionskosten von 25.000 Dollar und einem Einspielergebnis von 600 Millionen Dollar stellt er bis heute auch den profitabelsten Film aller Zeiten dar.

Nach mehr als 30 Jahren seit dessen provokantem Erscheinen auf den Kinoleinwänden zeichnet nun die HBO-Dokumentation Inside Deep Throat die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte von Damianos Meilenstein des pornographischen Films nach. Mit einer Mischung aus Interviews und Archivmaterial beschwört er den Geist einer Zeit herauf, in der ein Porno noch Aufsehen erregte und politische Sprengkraft besaß.

Im Mittelpunkt des Films von Fenton Bailey und Randy Barbato steht deswegen vor allem Deep Throats explosive Wirkung auf die amerikanische Gesellschaft der 70er Jahre. Sich zu einem medialen Phänomen entwickelnd, das die New York Times seinerzeit als „porno chic“ umschrieb, spaltete er die Nation in Ankläger und Verteidiger. Während reaktionäre Gruppierungen, moralische Sittenwächter, die Nixon-Regierung und die Staatsanwaltschaft, aber auch Feminist(in)en seine Absetzung forderten, ergriffen mit gleicher Vehemenz Liberale für ihn Partei. Ob er allerdings jenes kulturell-politische Erdbeben auslöste, wie Bailey und Barbato vermitteln, darf bezweifelt werden.

Inside Deep Throat

Als ein Manko von Inside Deep Throat zeigt sich denn auch seine ungenügende Differenzierung und Objektivität. Deutlich ergreift er Partei für Damianos Porno und seine Macher. Mit einem Hang zur Schwarz/Weiß-Malerei betrachtet er lediglich die Reaktionen der Gegner des Films in einem kritischen Licht, während das Verhalten seiner Hersteller weitgehend unreflektiert bleibt oder mit Komik versüßt wird. Damiano und seine Mannen werden – wenn auch nicht ganz ohne Ironie - zu Wegbereitern der sexuellen Revolution heroisiert, die einen tapferen Kampf gegen die dämonischen Spießer im Lande fichten. In einem gegenwärtigen Amerika der wieder erstarkenden konservativen Kräfte scheinen Bailey und Barbato Position beziehen und mit Inside Deep Throat ein persönliches Statement zugunsten einer liberaleren Haltung liefern zu wollen. In dieser Hinsicht mag man ihnen ihre Polemik verzeihen.

Ihr Film ist weniger eine nüchterne Bestandsaufnahme als vielmehr eine dramatisch stark zugespitzte Dokumentation zu Deep Throat und seiner Zeit. Mit schnellem Rhythmus, sowie einem coolen Seventies-Soundtrack erzählt er durchweg unterhaltend von einem Sammelsurium skurriler Typen und Ereignisse. Ähnlich wie der fiktive Boogie Nights (1997) liefert Bailey und Barbatos Dokumentarfilm Einblicke in das schillernde Pornobusiness, um nach einem Triumphzug seiner Protagonisten ihren prosaischen Abgang und die Schattenseite der Industrie zu schildern. Gerard Damiano errang keinen Cent aus seinem Film, weil ihm die Porno-Mafia den Gewinn abspenstig machte. Linda Lovelace verunglückte 2002 tödlich bei einem Autounfall, nachdem sie zeitlebens mit ihrem Image als Frau zu kämpfen hatte, die das „deep throating“ erfand. Der pornographische Film selbst verlor im Zuge seiner stetig anwachsenden Massenfabrikation, begünstigt durch die aufkommende Videotechnik, zunehmend an Individualität und büßte jenes rebellisch-subversive Potential ein, das ihm in den 70ern noch zu eigen war.

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