Inside a Skinhead

Inside a Skinhead provoziert mit seinem paradoxen Inhalt und bietet dabei  eine reizvolle Art der Auseinandersetzung mit gegensätzlichen Perspektiven.

Inside a Skinhead

Henry Bean, Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler, beackert in seiner ersten Regiearbeit, die 2001 den Hauptpreis des Sundance Filmfestivals gewann, ein schwieriges Feld der jüdischen und somit auch seiner eigenen Geschichte.
Der Bergriff des jüdischen Antisemitismus bezeichnet bis heute die Reihe der Kritiker der israelischen Besatzungspolitik zum einen und die Diskussion um die Auslegung der hebräischen Bibel Tanach zum anderen.

„I hate and I love. Who can tell me why?“. Mit diesem Ausschnitt einer Dichtung des römischen Poeten Catull eröffnet Inside a Skinhead (The Believer) und natürlich geht es in Beans Film auch um Hass. Sein Anliegen ist es jedoch nicht, eine bloße filmische Verarbeitung dieses Konflikts zu leisten, sondern ihn greifbar zu machen. So befindet sich nicht nur das thematische Spannungsfeld des Filmes zwischen zwei gegensätzlichen Welten, sondern auch die Gedanken des jüdischen Neonazis Daniel „Danny“ Balints (Ryan Gosling) sind in Hass und Liebe, in Stärke und Schwäche aufgeteilt. Denn seine Erkenntnis, dass Hass die Daseinsberechtigung und somit Stärke des jüdischen Volkes sei, verknüpft er mit der Forderung nach Hingabe an die heiligen Schriften, die sich aber nicht in Schwäche äußern dürfe.

Inside a Skinhead

Zerrissen zwischen orthodoxem Judentum, fanatischem Neonazismus und der eigenen Existenz, lebt der Mittzwanziger Danny in New York. Dort wird er von pseudointellektuellen Neofaschisten für seine Eloquenz ebenso geschätzt, wie von anderen Skinheads für seine Schlagkraft und Entschlossenheit.
In seiner unbändigen Wut findet er nur durch das Studium der Tora und des Talmuds Momente der Ruhe. Gleichzeitig wird in Rückblenden deutlich, dass das angebliche Unvermögen des jüdischen Volkes die Schriften richtig zu deuten und sich gegen Gewalt zu wehren, Dannys Hass stets aufs Neue schürt. Das stumme Befolgen der Gesetzte von Tora und Talmud deutet er als Schwäche und den Urheber des ganzen, Gott selbst, hält er für einen eingebildeten Tyrannen.
Doch nach und nach beginnt Dannys Fassade zu bröckeln und als nach einem missglückten Attentat seine jüdische Identität gänzlich aufzufliegen droht, sieht er sich gezwungen, sich zu entscheiden, welchem Pfad er weiter folgen will.

Inside a Skinhead

Ryan Gosling hätte Daniel Balint ohne weiteres als den polternden Psychopathen verkörpern können, den Russel Crowe 1992 so erfolgreich in Geoffrey Wrights Romper Stomper gab. Doch selbst durch das bloße Heben einer Augenbraue vermag Gosling einen Gefühlsausdruck zu vermitteln, welcher an Eindringlichkeit kaum zu übertreffen ist. Die stets aufmerksame Handkamera Jim Denaults rückt dieses, sich hier bereits andeutende und in späteren Filmen Goslings, wie Half Nelson (2006) oder Lars und die Frauen (Lars and the Real Girl, 2007) zur Meisterschaft getriebene, bedachte Spiel zusätzlich in den Fokus.
Inside a Skinhead als ganzer Film funktioniert nicht, wie die weit ältere Produktion Wrights, durch übermäßige Gewaltdarstellung oder inflationären Gebrauch rechter Symbole in Form von Tattoos. Beans Werk hat solcherlei Effekthascherei schlichtweg nicht nötig. Die Kamera konzentriert sich vielmehr auf die Gesichter der Schauspieler, als dass sie vermeintlichen Indizien für Authentizität eine allzu große Aufmerksamkeit schenken würde.

Ausnahmen stellen hier nur die traumartigen Sequenzen dar, in denen Danny einmal in der Rolle eines SS-Mannes ein jüdisches Kind tötet und ein anderes Mal die Position des Vaters dieses Kindes einnimmt. Hier befindet sich die Kamera zunächst in der erhöhten Stellung eines Richters, um dann in zeitverzögerten Bildern auf die Personen zu fokussieren. Das für Daniel Traumatische an diesen Szenen wird für den Zuschauer nachvollziehbar, indem die Kameraeinstellungen nacheinander seine inneren Positionen repräsentieren. 

Inside a Skinhead

Das im Original treffender mit The Believer betitelte Drama erschien bereits im Jahr 2001 und wird nun vom Capelight-Pictures-Verlag nach Deutschland gebracht. Mit Inside a Skinhead fällt die Wahl des deutschen Titels allerdings recht unglücklich aus. So impliziert er doch, es handele sich hierbei um eine Milieustudie. Skinheads als politisch vielschichtige, weit mehr als nur neonazistische, Sub- und Jugendkultur, wurden etwa von Shane Meadows mit This is England (2006) bereits ausführlicher erörtert. Auch wird suggeriert, der Film gäbe hauptsächlich Einblicke in das Innenleben eines stereotypen, also rechtsradikalen, Skinheads, doch wie schon der Originaltitel zeigt und das Zitat zu Filmbeginn deutlich macht, ist Daniel Balint alles andere als das.
Henry Bean ist eine erfreulich differenzierte Auseinandersetzung mit dem heiklen Thema des jüdischen Antisemitismus gelungen. Sein Film fesselt den Zuschauer nicht nur, er wirft auch ungewöhnliche Fragen auf.

Trailer zu „Inside a Skinhead“


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Kommentare


chris

Sehr sehr gute Filmkritik.... ich muss auch bemängeln, dass der deutsche Titel doch sehr Vorurteilbehaftet und schlecht gewählt scheint!
Der begriff "Skinhead" wird oftmals von Personen benutzt die keine Ahnung von dieser Subkultur haben... dadurch tut es gut zu sehen, dass auch das gegenteil der Fall sein kann und auf eine neutrale Art und weise auf diesen missstand hingewiesen wird!


Ozzy

Mir ist lediglich nicht klar inwiefern "Danny" sich ohne weitere Fragen bzw. konfrontierungen von seinen freunden abwenden konnte. Am ende steht ihm nur noch der typ, der die bombe baut zu seite.
Nicht ganz einleuchtend bzw. logisch das man in einer gruppierung von neo nazis die gesetzte der thora vorschreibt und darauf besteht das die freunde diesed befolgen sollen (szene in der kirche, beim ersten versuch die bombe anzubringen).
Trotzdem ein gelungener film, ob er der kritik "Lässt Aerican Hoistory X wie eine flache MTV-Wrbung aussehen" gerecht wird bezweifel ich.






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