Inherent Vice

Was spielt das schon für eine Rolle? Paul Thomas Anderson hat einen sehr rätselhaften Film gedreht.

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Vielleicht – und dieses „vielleicht“ lässt sich, so viel vielleicht vorweg, an so gut wie jeder Stelle in der Reflexion über Inherent Vice, vor jedes Urteil, zu dem man gelangt, platzieren–; vielleicht also könnte man sagen, dass der Blick, der hier die frühen 1970er Jahre in Kalifornien hervorbringt, aus einer anderen Zeit heraus in diese vergangene Welt hineinschaut: eine Art Erinnerung an eine in vielerlei Hinsicht mythische Ära. Man könnte das insofern sagen, als Inherent Vice eigentlich wenig Wert darauf legt, den Lebensgeist der Flower-Power, die ganze hippieske Romantik als affektive Grundierung hervorzukitzeln. Denn überall, wo dies geschieht – Larry „Doc“ Sportellos (Joaquin Phoenix) animalische Kotletten machen sicher (oder vielleicht) die Probe aufs Exempel –, schleppen die Seventies-Indikatoren bereits ihre Parodie mit sich mit. Eine Erinnerung also, die die Fantasterei schon durch das Prisma der (Selbst-)Ironie bricht: Man wird eben doch klüger mit der Zeit. Nicht umsonst gleitet, wenn auch selten, immer wieder eine Off-Stimme in den Film, eine Erzählstimme, die sich auszukennen scheint, der die Zusammenhänge klar sind, deren Tonfall dieser Welt schon irgendwie fremd ist, mit einem Ausdruck, der in seinen Bann ziehen möchte; eine Art Hörbuchstimme, die einer randständigen Nebendarstellerin, Sortilège (Joanna Newsom), eignet, die damals, als es darum ging, Drogen zu beschaffen, schon klüger war.

Eine rätselhafte Mimesis

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Das heißt nun aber nicht, dass Paul Thomas Anderson hier, skeptisch gegenüber den Mythen, die Verfremdungsmaschine anschmeißt, die Elemente hervorholt, exponiert und bewusst den Spirit der 70er stört, der sich so angenehm atmen lässt – dazu wirkt dieser dann doch zu unangetastet, zu echt, zu immanent. Aber was kann das für ein Stil sein, der in diesen Spirit weder eintauchen noch ihn dekonstruieren will, der diesen weder verinnerlicht noch ihm äußerlich ist? Wie immer ist gerade das, Andersons Stil, oder nennen wir es ruhig: seine Poetik, das Rätselhafte, Fragen-Aufwerfende. Vielleicht ist Inherent Vice eine Art Mimesis an die 70er, vielleicht ist gerade die Mimesis das, was sich zwischen Eintauchen und Auftauchen in und aus dem Spirit hält; eine Nachahmung, die auch dort noch Nachahmung bleibt, wo sie gelingt, das heißt dort, wo uns der wüste Backenbart tatsächlich aus dieser Zeit hervorzutreten scheint. Nachahmung auch von frühen Polizeiserien, vom tiefen, maskulinen Tonfall der Cops, bis hin zu der perfekt getimten Art und Weise, sich vor dem Abgang cool und lässig die Sonnenbrille auf die Nase zu schieben. Doc jedenfalls, der diese Art und Weise bis in die letzte Minimalbewegung hinein perfekt beherrscht, weiß, dass er nachahmt und wen er nachahmt.

Imitation ex negativo

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Die Mimesis ist Docs Methode; er, ein Schnüffler, ein dauerbekiffter Privatdetektiv, der gleich einer ganzen Reihe an Aufträgen nachgeht, Nachforschungen anstellt über einen verschwundenen Immobilienhai, einen totgeglaubten Saxophonisten und ein weltweit vernetztes Drogenkartell namens „Golden Fang“ – alle Fälle hängen freilich auf absurde Weise miteinander zusammen –, ist keiner dieser Bad Boys, die auf eigene Faust der Wahrheit nachstreben, er ist deren Imitator. In einer der grandiosesten Szenen beweist er genau das – ex negativo: Unerwartet lauern ihm die Cops auf; Doc fackelt nicht lange – der Film versetzt ihn in eine feierliche slow motion –, er nimmt Anlauf, um über das parkende Polizeiauto zu sprinten, doch er versagt bereits an der Stoßstange, er stolpert in die Windschutzscheibe, verheddert sich in den Scheibenwischern. Für einen Moment wirkt diese Szene wie ihr eigenes Outtake, so lange, bis Doc von seinem frustrierten, machistischen Widersacher Lt. Det. Christian F. „Bigfoot“ Bjornsen (Josh Brolin) – allein dieser Name verrät es: auch Bigfoot scheint eine Rolle zu kennen, die er nachahmt – auf groteske Weise vermöbelt wird. Zwischen diesen Graden changiert Andersons Poetik, zwischen Slapstick und Verzerrung, zwischen Imitation und Nachahmung, aber nicht ohne dass diese nicht immer schon ineinandergeflossen wären: Es gibt weder reine Affirmation noch reine Negation, nur ein rätselhaftes Dazwischen, das für zweieinhalb Stunden das Rätsel nicht herausgibt.

Es spielt eben eine Rolle

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Vielleicht bleibt man Inherent Vice deshalb so fremd, noch bevor sich einem die komplexen Handlungsereignisse nicht erschließen, weil man dem Rätsel nachspürt, wie sich etwa der Humor ins Genre fügen soll, weshalb die Figuren eine Rolle spielen, die eine Rolle spielen, nicht in einem Brecht’schen Sinne, sondern im Sinne einer Mimesis, die eben auch fehlgehen kann; Mimesis mit natürlichen Mängeln; weshalb ein Wolkenkratzer aussieht wie eine schokoüberzogene Banane, weshalb ein koksender Zahnarzt auf einem Trampolin zu Tode kam. Bereits in der ersten Szene gerinnt dieses ganze Rätsel zu einem Gesichtsausdruck: Shasta (Katherine Waterston), Docs Ex-Freundin, erzählt von ihrer Liebe zum Immobilienmogul Wolfman (Eric Roberts), von dem perfiden Plan seiner Ehefrau, ihn in die Irrenanstalt abzuschieben, und davon, dass sie selbst in diesem Plan involviert ist. Sie selbst spielt eine Rolle in diesem Vorhaben; aber welche? Fahles Licht fällt durch die Jalousien auf ihr Gesicht, ihre Mimik wandelt sich vom heimtückischen Blick zum aufreizenden Lächeln zur hilflosen Träne, die ihr über die Wange rollt. Ein Schiff mit roten Segeln liegt vor der Küste vor Anker, Mythen ranken sich um dieses Schiff, ein Geisterschiff oder die Geschäftsstelle eines Heroin-Kartells? Am Ende wird es von Polizeibooten abgeschleppt, im Film hat es eine zentrale Rolle gespielt, aber niemand weiß welche. Es hat eben – vielleicht geht es darum in erster Linie – eine Rolle gespielt.

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Kommentare


carlo

Wenn man ordentlich bekifft in den Film geht, dann ist er zu ertragen, denn Joaquin Phoenix spielt super. Leider waren wir jedoch nicht bekifft und sahen einen viel zu langen Quatsch mit Soße. Ca. 10 Zuschauer verließen den Saal vorzeitig - man könnte es ihnen nicht verdenken.






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