Inglourious Basterds
Vergangenheitsbewältigung direkt ins Stammhirn. Quentin Tarantino feiert High Noon mit Hitler. Inglourious Basterds macht aus dem Ende des „Dritten Reichs“ eine Cineasten-Fantasie.
Film kann eine Waffe sein – als Propaganda. Das NS-Regime hat selbst, als der Krieg schon verloren war, noch pathetische Schlachten auf Zelluloid inszeniert. Doch altes Filmmaterial birgt auch andere Gefahren. Nitrofilme sind hochbrennbar und explosiv. Das bis in die 1950er Jahre verwendete Material fällt inzwischen unter das Sprengstoffgesetz. Damit stellt es heute ein Lagerungs-Problem für Filmarchive dar. Inglourious Basterds – und das ist eine Idee von bezwingender Schönheit – macht aus ihm rückwirkend die Nemesis des „Dritten Reichs“. Hitler und seine gesamte Entourage, die nach wie vor ihr recht vitales Nachleben im Kino genießt, soll diesmal im Kino sterben – auf der Leinwand und vor der Leinwand, in einem alles verschlingenden Feuer aus Nitrorollen, gezündet von einem schwarzen Franzosen und einer Jüdin. Bevor der „Führer“ verbrennt, fällt er zwei weiteren jüdischen Rächern zum Opfer. Nachdem deren Kugeln Hitlers Leib zu blutigem Brei zerfetzt haben, geht noch eine Bombe hoch. Inferno total. Wir haben in der Filmgeschichte den deutschen Diktator schon einige Male sterben oder verbrennen sehen. Aber noch nie hat Hitlers Ende solchen Spaß gemacht.
Die Verarbeitung der Historie zum Genrefilm unternahm zuletzt Bryan Singer. Doch Operation Walküre (2008) blieb bei den Fakten. Tarantino stürzt sich in die Fantasie. Bei ihm heißt der Attentatsplan: Operation Kino. Und die Geschichte beginnt frei mit: „Es war einmal ...“ Im von Deutschen besetzten Frankreich jagt der SS-Offizier Hans Landa (Christoph Waltz) versteckte Juden. US-Leutnant Aldo Raine (Brad Pitt) und seine jüdische Soldatentruppe verfolgen entgegengesetzte Ziele: Nazis töten und deren Skalps abziehen. Die „Basterds“ wissen auch die Baseballkeule und das Messer zu schwingen, um Hakenkreuze in die Stirn von Kollaborateuren zu schneiden. Für den ultimativen Plan, die NS-Führung zu beseitigen, müssen sie sich allerdings in Smokings zwängen und an der Seite der deutschen Schauspielerin und heimlichen Widerständlerin Bridget von Hammersmark (Diane Kruger) Italienisch parlieren. Zum Showdown ist die Premiere des Propagandastreifens „Stolz der Nation“ auserkoren. Dessen Held ist der gefeierte Wehrmachts-Scharfschütze Frederick Zoller (Daniel Brühl), der wiederum ein Auge auf die Pariser Kinobesitzerin Shosanna (Mélanie Laurent) geworfen hat, die allerdings...
Inglourious Basterds ist ein „Geschichtsfilm“ mit Chuzpe. Er beendet den Zweiten Weltkrieg 1944. Sein utopisches Potential der freudigen Vergeltung erstreckt sich selbst auf den außerfilmischen Raum. Da wird das letzte Propagandawerk Großdeutschlands von zwei jüdischen Regisseuren inszeniert. Eli und Gabriel Roth drehten „Stolz der Nation“ für Tarantino als stupides Schlachtfest in Schwarz-Weiß. Darin schießt und schießt die fiktive deutsche Kriegsikone Zoller, bis ihr davon selbst ganz übel wird. Nicht zuletzt entstand der Großteil von Inglourious Basterds mit Beteiligung deutscher Darsteller, Produzenten und hiesiger Fördertöpfe – dazu in Babelsberg, dem ehemaligen Wirkungsort von Filmminister Goebbels. Wo einst die UFA blühte, wo man später nicht schlecht von einer gewissen Standort-Spezialisierung auf NS-Dramen lebte (Die Fälscher, 2006; Der Vorleser, 2008), da kehrt nun der Splatter ein. Endlich.
Tarantinos Vergeltungsfabel ist voll von filmhistorischen Anspielungen, auch aufs eigene Schaffen. Ob Spaghettiwestern oder Kino der Weimarer Republik, der Regisseur bringt die gleiche Leidenschaft für eine Choreografie aus Blutfontänen wie für den Betrieb eines historischen Kohlebogen-Projektors auf. Wie zuletzt in Death Proof (2007) spricht aus Inglourious Basterds eine prä-digitale Begeisterung fürs Haptische, für echte Stunts und echtes Feuer. Tarantinos Erzähllust stört sich nicht an der Überlänge. Ebenso wenig an der munteren Sprachmischung aus englischen, deutschen, französischen und italienischen Originaltönen. Sein Film lebt nicht von knackiger Dramaturgie und chirurgisch genauen Schnitten. Sondern, neben dem beherzten alternate history-Plot, vor allem von den großartig inszenierten Darstellern. Dass Christoph Waltz ein Geschenk für den Film und seine Rolle als Hans Landa das Glück seiner Karriere ist, haben Regisseur und Schauspieler oft genug betont. Auch kleinere Auftritte wie der von Denis Menochet als schweigsamer Milchbauer oder von Sylvester Groth, der in Dani Levys Hitlerpersiflage (Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler, 2006) seinen Goebbels scheinbar nur geübt hat, bleiben durch ihre vielschichtige emotionale Spannung in Erinnerung. Hitler (Martin Wuttke mit Gesichtsprothetik) ist ein aasiger Kriegsfilm-Fan, und selbst Til Schweiger darf als Nazirächer Hugo Stiglitz einen einprägsamen Satz sprechen: „Sag’ deinen Eiern auf Wiedersehen!“ Tarantino hat Gespür für Jedermanns Potential.
Ob diese Produktion aber die angeschlagene Weinstein Company, die als US-Verleih auftritt, aus dem Finanztief retten kann? Zumindest befreit sie den geneigten Besucher mit Paukenschlag und Feuerball von einer Endlosschleife aus Zelluloid, belichtet mit den „historisch korrekten“ Vergangenheits-Dramatisierungen der letzten Zeit. Wenigstens bis zum nächsten Geschichtsmelodram heißt es: Sag’ den Nazis auf Wiedersehen.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 04.08.2009
Kommentare zu Inglourious Basterds
Uwe 05.08.2009 07:29
Unfassbar. Habt Ihr schon Mal was von Spoiler Alert gehört?
Dirty T. 05.08.2009 13:42
Lieber Uwe,
der Plot ist hinlänglich bekannt, nicht nur wegen der üppigen Vorberichterstattung zum Film, den Trailern und vor allem wegen der massiven Auseinandersetzung während Cannes, sondern schon wegen der Vorlage. Darüber hinaus geht es ja nicht darum, was passiert, sondern wie es passiert - gerade bei Tarantino. Davon abgesehen dauert der Film 2 1/2 Stunden und es passiert noch reichlich, was hier nicht erwähnt ist (für Handlungsfetischisten). Die Essentials vermitteln allerdings schon die Trailer.
Kauf Dir lieber nen Spoiler für Deinen Manta
Uwe 05.08.2009 14:04
Über den Mantaspruch will ich mal hinweglesen, auch wenn´s schwer fällt. Ich habe mich jedenfalls auf US- und deutschen Filmseiten ausführlich über I.B. informiert und nirgends wurde mir verraten, dass das Attentat gelingt. Aber egal, meine Frage zielte ja auf eine generelle Einstellung zum Thema Spoiler. Ich finde, ein kleiner Hinweis zu Beginn der Review könnte nichts schaden.
Frédéric 05.08.2009 16:13
Hallo Uwe, wir lassen Handlungselemente weg, wenn es uns wichtig erscheint. Das dürfte bei den Basterds allerdings nicht der Fall sein, wie sich auch aus der Kritik schließen lässt. Spoiler-Warnungen sprechen wir allgemein nicht aus.
basdarts 20.08.2009 23:22
Ein hammer geiler Film! Quentin Tarantino hat sich mal wider selber übertroffen.. Ich kann den film nur empfehlen. Ein Muß für jeden Tarantino-Fan und jeden, der gerne Nazis auf kreative Weise sterben sieht!! ;););)
anderl 21.08.2009 00:25
Ich fand, um ehrlich zu sein den Film schlichtweg viel zu brutal und grausig...Eine Altersbeschränkung ab 18 Jahren wäre sehr zu empfehlen...
Viele Grüße
Timo 26.08.2009 01:14
"Doch Operation Walküre (2008) blieb bei den Fakten." Ja? Du meinst die Stauffenberg-verübt-Anschlag -geht-daneben-wird-erschossen-Fakten, ansonsten sehe ich dort nur wilde Heroenstilisierung in X-Men-Manier.
jof 26.08.2009 15:20
@Timo: Ich Denke das bezieht sich eher auf die grundsätzliche Tendenz von Walküre, Historienfilm und nicht -fantasie sein zu wollen. Stilisiert ist das allemal, klar. Aber sind die Fakten falsch? Hatte da eher Positives über Walküre gehört.
Andre 07.09.2009 06:56
Wenn der Trailer nur ansatzweise den tatsächlichen Inhalt aufgezeigt hätte, hätte ich mir diesen Film nicht angetan. Sicherlich war eine gewissen Grundspannung da, aber den Film ab 16 freizugeben...unglaublich! Hier handelt es sich meiner Meinung nach definitiv um einen Film, der in die Kategorie FSK 18 gehört.
Jürgen Enders 07.09.2009 21:59
Der Film ist absolut zum Kotzen. Lange vom Nonsens geprägte Dialoge, grausame Tötungsszenen , unglaublicher Haß gegen das Gespenst "Nazi" - Wahrscheinlich fehlt mir
Intellektualität,um diesen Film akzeptieren zu können oder gehören zu den Nachkriegsdeutschen , die den Wahnsinn Hitlers in der Zukunft nirgendwo und von niemanden mehr zu lassen wird.
Mokky 27.11.2009 16:08
"Genau so hätte es kommen müssen!", hab ich während dem Film mehrmals gedacht. Hinterher fiel mir dann auf, dass es ja auch tatsächlich so kam und von Quentin Tarantino in diesem großaratigen Film nur metaphorisch verpackt wurde: Die Nazigrößen von damals sind tatsächlich gerichtet und elendiglich verbrannt. Gut so!
Ein toller Streifen mit Action und wunderbar geistreicher Unterhaltung, natürlich mit den brillianten Dialogen in ihrer jeweiligen Originalsprache.
Eventuelle Empfindlichkeiten bezüglich der Täterschaft unter den eigenen Vorfahren sollte man allerdings vor dem Betreten des Kinos noch schnell abschütteln.
Dr. Andreas Jacke 27.01.2010 09:00
OB das politische Statement noch funktioniert - wenn man die Geschichte abbändert - und so zeigt wie es hätte sein sollen - aber leider nicht war? Ob sich die Nazi-ideologie auf einen sadistischen Italo-Western herunterbrechen lässt? Ob das Skalpieren - eine Tugend der Indianer einen Reflex , ob gewollt oder nicht auf die Historie der USA enthält. OB der Feldzug der Rache mit drei Nationen in "Kill Bill" nicht einfach überzeugender war. Ob dieser Film nötig gewesen ist? Auf die letzte Frage zumindest ein deutliches JA - denn besser als "Der Untergang" ist er wohl - subtiler allerdings ist er nicht und damit vermutlich schon sehr bald bedeutungslos. Tarantino Faibel selbstreferenzielles, postmodernen Kino zu produzieren eignet sich nicht für eine ernsthafte Form der Geschichtsbewältigung. Warum nicht? Weil die Referenz zur Realität im Grunde dabei auf der Strecke bleibt. Genau daran scheitert der Film - letztendlich. Dennoch eine sehr interessante Rachphantasie mit Tragweite - und etwas einfacher als Lars von Triers vertrackten Versuche.
Meta Emotion 10.03.2011 04:20
@Dr.Jacke
Für einen Filmwissenschaftler sind Ihre Rezensionen ausgesprochen banal.Rachephantasie, Referenz zur Realität-die Krakauerischen Begriffe der 70 er, psychoanaytisches Laiengerede, haben sie keine Vorstellung von involvement, make-believe, Identifikation, der narrativen Moral des Films? Der Films präsentiert eine wunderbare Schemakongurenz der Figuren zur Historie.Realität im Film gibt es nicht.Eine Kamera ist per se Inszenierung.Lesen sie Zipfels Fiktionstheorie und machen Sie der Lesbarkeit halber und Ihrem überall angefügtem Dokto rtitel wenigstens ein Komma in Ihrem Text.
Dr Possible 28.05.2011 16:10
In der Tat zu brutal. Ab 16 frei... naja selbst ab 18 sollten gewisse Sachen nicht gezeigt werden. Bringt die Menschheit irgendwie nicht weiter.
spongebob 30.08.2011 14:10
Ich persönlich finde den Film viel zu brutal
die story ist auch nicht wirklich originel
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Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Inglourious Basterds
USA, Deutschland, Frankreich 2009
Laufzeit: 155 Minuten
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Produktion: Lawrence Bender
Bildgestaltung: Robert Richardson
Montage: Sally Menke
Darsteller: Brad Pitt, Mélanie Laurent, Christoph Waltz, Eli Roth, Michael Fassbender, Diane Kruger, Daniel Brühl, Til Schweiger, Gedeon Burkhard, Omar Doom, August Diehl, Martin Wuttke, Sylvester Groth
Kinostart: 20.08.2009
DVD-Angaben
Titel: Inglourious Basterds
Vertrieb: Universal Pictures
Bild: 2,40:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Türkisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Türkisch
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 148 Minuten
Extras: Erweiterte und Alternative Szenen; „Stolz der Nation“ – Kompletter Film; Trailer
Verleih ab: 14.01.2010
Verkauf ab: 14.01.2010
Copyright Inglourious Basterds
Fotos: © Universal Pictures
BERLINALE 2012

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Do 09.02, 21:00 Uhr, 3sat
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