Infernal Affairs

Wer vor kurzem im Kino bei Collateral enttäuscht im Saal saß, wird sich bei Infernal Affairs (Wu jian dao, 2002) verwundert die Augen reiben: ist dies das wahre neue Werk von Michael Mann?...

Infernal Affairs

Nein, die beiden Regisseure heißen Andrew Lau und Alan Mak. Der Erste, seines Zeichens ausgebildeter Kameramann, unter anderem in dieser Funktion bei Wong Kar-Wai und eben auch für Infernal Affairs tätig, produzierte den Film zusätzlich. Alan Mak war dafür als Co-Autor des Thrillers tätig.

Während in den letzten Jahren asiatische Filme wie Tiger and Dragon (Wo hu cang long, 2000) und Hero (Ying xiong, 2002) in dem Rückgriff auf die eigene Filmkultur weltweit und vor allem in den USA für Furore sorgten, womit sie gleichzeitig den dortigen Stil prägten, verhält es sich bei Infernal Affairs andersherum. Die Vorbilder beider Regisseure sind, abgesehen von einem Hauch Melville, originär amerikanisch, ihr Film brach in Hongkong Rekorde an den Kassen, bei Festivals und Preisverleihungen. Ausgerechnet in den USA fand ihr Werk jedoch kein Publikum und lief praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dabei sind die Einflüsse vor allem eines Michael Mann augenscheinlich und garantieren genau das, was vermeintliche amerikanische Hochspannungs-Hits wie The Bourne Supremacy oder eben Collateral nicht lieferten: perfekt inszeniertes Adrenalin-Kino, basierend auf einem starken Buch, mit absolutem Mehrwert.

Zu Beginn des Films treffen sich nach Mannscher Manier zwei Männer, um in einem Musikladen Boxen auszutesten und lauschen einer sanften weiblichen Stimme. Am Ende des Films treffen sie erneut aufeinander, stehen sich auf dem Dach eines Hochhauses gegenüber, als gäbe es nur sie auf der Welt. Natürlich kann man Infernal Affairs als homophilen Liebesfilm lesen, als einen tragischen selbstredend. Denn von vornherein steht fest, wenn sie sich wieder in die Augen schauen und die Identität des anderen kennen, wird nur einer überleben. Mit der Identität ist das überhaupt so eine Sache. Identity hieß denn auch einer der wenigen ansprechenden amerikanischen Filme des vergangenen Jahres, der sogleich mit dem französischen Pendant Swimming Pool aufwarten konnte und auch in diesem Jahr widmet sich der bislang außergewöhnlichste und atemberaubendste Film, The Machinist dem Thema der Identität.

Infernal Affairs

„Wer bin ich?“ müssen sich Lau (Andy Lau) und Yan (Tony Leung) fragen, denn die Opponenten arbeiten beide undercover und müssen sich ständig ihrer eigenen Identität vergewissern. Das klingt nicht von ungefähr nach Phil Joanous State of Grace (1990), in dem sich Sean Penn hoffnungslos zwischen den Fronten verliert und aufreibt. Auch an Alan Parkers Harry Angel (Mickey Rourke) aus Angel Heart (1988) fühlt man sich erinnert. Dessen Abstieg zur Hölle hielt der britische Regisseur in einer düsteren Fahrstuhlfahrt fest und auch diese findet ihre Reminiszenz in Infernal Affairs.

So gestaltet sich der Film also als ein Kaleidoskop des amerikanischen Genrekinos und verzichtet beinahe völlig auf das seit John Woo so obligatorisch gewordenen „bloodshed“ des Hongkong-Kinos. Stattdessen arbeiten die Regisseure mit den Mitteln eines Michael Mann: Im Mittelpunkt einer von kühlen Bildern und anachronistisch klingender Musik atmosphärisch getragenen und ästhetisch überstilisierten Geschichte stehen zwei Männer, die ohne einander nichts wären und miteinander dem Tod entgegensteuern. Die Brillanz der beiden Hauptakteure wird unterstrichen von einer stringenten Handlung mit pointierten Dialogen, die dennoch epische Dimensionen erlangt und immer metaphorisch operiert. Das Zentrum der Story ist bündig: Ein Polizist ermittelt verdeckt bei den Triaden, ein Gangster spioniert den Polizeiapparat aus. Beide erhalten den Auftrag, den anderen zu enttarnen. Dem Verlierer droht Tod oder Verhaftung.

Infernal Affairs

Die Stringenz und Kompromisslosigkeit der Geschichte ziehen den Zuschauer in einen Bann, der über eineinhalb Stunden spannendste Filmkunst bietet.

 

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