Im Namen des...

„Ich bin nicht pädophil, ich bin eine Schwuchtel!“

In the Name of 05

Eine Verführung im meterhohen Maisfeld, warme, gedeckte Farben, Gegenlicht und wohlkonturierte Körper vor dem Horizont. Mit Disziplin wird Jungs Teamsport beigebracht und Respekt gegenüber dem Essen verlangt, beim ausgelassenen Beisammensein am Abend tanzt der gestandene Priester mit der Schönen im Karokleid und schaut ihr dabei sogar in die Augen. Bei Małgośka Szumowska sieht das Leben in Polen heute noch aus, als entspringe es einer zeitlosen Vergangenheit, in der Recht, Ordnung und Männlein-Weiblein-Paarungen die gottgegebene Losung darstellten. Nur dass das Balzritual im Maisfeld eines zwischen dem Priester Adam (Andrzej Chyra) und dem Bauernsohn Łukasz (Mateusz Kościukiewicz) ist. Und die schönen Körper in den eng anliegenden T-Shirts sind die von Männern. Die Regisseurin inszeniert keinen Bruch zwischen den Welten. Das Raffinierte an ihrer Vision vom schwulen Priester in der aus der Zeit gefallenen Provinz ist ihr Verzicht auf den Gegensatz, auf den Widerspruch. Ganz gleich, wie sehr der aus der Hauptstadt versetzte Adam hier heraussticht, er passt gleichzeitig in diese Welt, der er Halt und Hoffnung gibt.

In the Name of 02

Im Namen des... (W imię…) ist insofern ein durch und durch zeitgenössischer Film, in dem die Moderne längst abgedankt hat. Das miteinander Unvereinbare ist keinen Kampf mehr wert, es bietet sich vornehmlich für die stylisch dargereichte Erkenntnis an, dass das Verborgene nicht lange verborgen bleibt, jeder mögliche Ausweg sich aber als Trugbild entpuppt. Weder das Versteckspiel mit dem Schwulsein noch ein Outing versprechen ein besseres Leben. Es bleibt nur das richtige Leben im falschen, ein falsches Leben im richtigen gibt es nicht. Schwuler Sex lässt im vom Priester mitbetreuten Heim für schwer erziehbare junge Männer nicht lange auf sich warten. Und Adam wird zum Voyeur. Es ist der Stein des Anstoßes für ihn, seine eigenen sexuellen Gelüste wieder als Problem zu begreifen. „Ich könnte sie alle durchvögeln,“ erzählt er volltrunken seiner in Toronto lebenden Schwester via Skype. Dass Adam in den Alkohol flüchtet, und überhaupt, der Offenbarungs-Videochat über den Ozean hinweg, das rückt für kurze Augenblicke die Kehrseite von Szumowskas erzählerischer Strategie in den Vordergrund. Denn sie zeichnet ein affirmatives, weltoffenes und zum Schutze des Protagonisten sehr elliptisches Bild von den Ereignissen. Daraus entsteht qua Spielfilmlogik ein Mangel an Konflikten, dem sie in einigen leider nur schwerlich überzeugenden Sequenzen entgegenwirkt

In the Name of 01

Statt dramaturgisch zum Konventionellen zu neigen, hätte Im Namen des... freilich auch das Zeug gehabt, das Drama hinter sich zu lassen und die Milieus genauer zu schildern. Denn gerade die Vorurteilslosigkeit ihres Blicks ermöglicht es der Regisseurin, Normen und Traditionen nicht als Schablonen über ihre Figuren zu legen, sondern diese zum Leben zu erwecken. Das sorgt für Überraschungen, eindrückliche Momente und ein fragmentarisch treffendes Bild von zwischenmenschlichen Beziehungen über Klassen-, Sexualitäts- und Glaubensgrenzen hinweg. In einer Szene steht Adam einer Bande junger Männer gegenüber, die ihm mit einer Mischung aus Respekt und Spott begegnen. Er sucht die Verbrüderung und bittet um ein Bier. Die Jungen merken aber gleich, dass es zwischen ihnen unüberbrückbare Differenzen gibt. Als sie ihn mit dem Stolz der Armut herablassend auf seine Markenkleidung ansprechen, verschwindet der sonst so selbstbewusste Priester plötzlich hinter dem Privatmann, der schon durch sein Auftreten angreifbar ist.

In the Name of 04

Szumowska, die mit Im Namen des... erstmals im Wettbewerb der Berlinale vertreten ist, zeigte im vergangenen Jahr im Panorama des Festivals Das bessere Leben (Elles), ein Drama über die bröckelnde Fassade einer gutbürgerlichen Familie in Paris. Auch dort sorgte ein voyeuristischer Blick auf sexuelle Praktiken anderer für ein Infragestellen der eigenen Existenz. Im direkten Vergleich ist ihr neuer Film durchaus ein Schritt nach vorn, weil er sich zurückhält mit der Zeichnung von Kontrasten zwischen verschiedenen Lebensstilen, Gegensätze, die den Vorgänger etwas altbacken wirken ließen. Zeitgemäßer ist der die Widersprüche aushaltende Ansatz insofern durchaus. Und doch erweckt er den langsam sich nährenden Eindruck, dass die Verlagerung der Konflikte mit dem Schwulsein auf eine rein private Ebene, der Verzicht also auf eine soziale Antwort, auch eine überlebte Form der Auseinandersetzung ist. Der bisweilen subjektive, stark filmische Look tut im digitalen Zeitalter sein Übriges, Im Namen des... in eine historische Perspektive zu rücken. Ganz am Schluss steht ein Bild, das sogar vermuten lässt, die Geschichte des schwulen Priesters könnte eine der Ansteckung sein. Wer wen womit ansteckt? Das ist der Sprengstoff, der hier inmitten der Zwischentöne des Sujets vergraben liegt. Freiheit jedenfalls sieht anders aus.

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