Im Nebel

Schweren Schrittes in die Trübe: Sergej Loznitsas Im Nebel ist ein hypnotischer Trip für Melancholiker.

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Sergej Loznitsa stellt sich in seinem zweiten Spielfilm Im Nebel (V tumane) großen, existenziellen Fragen: Wie kann man als Lebender einen ehrenvollen Tod sterben? Welchen Handlungsraum haben wir, solange wir noch handeln können, um uns gegen die Gleichmacherei des Todes zu wappnen? Die Antworten fallen widersprüchlich aus.

Man mag es schon diesen ersten Sätzen ablesen, aber es sollte dennoch klar gemacht werden: Im Nebel ist ein zäher, langsamer, verschwiegener Film, ein künstlerischer Vorstoß in trübe Gefilde. Schon Mein Glück (Schasyte Moe, 2010), das Spielfilmdebüt des Ukrainers, der zuvor ein knappes Dutzend fantastischer Dokumentarfilme gedreht hatte, war lähmend in seinem düsteren Blick auf das Leben der Menschen. Doch Im Nebel treibt dessen schleichendes Tempo und inszenatorischen Minimalismus noch einmal weiter und subtrahiert den dort mitgeschleiften Galgenhumor.

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Vieles eint Loznitsas Regiearbeit mit dem Ungarn Béla Tarr, vor allem dessen Abschiedswerk Das Turiner Pferd (A torinói ló, 2011). Beide widmen sich mit schwarzer Melancholie fast ungreifbaren Themen, beide setzen auf verlebte, verbitterte Gesichter, beide inszenieren mit Vorliebe lange, bis in die kleinsten Details ausgearbeitete Plansequenzen. Und beide vermögen jene Zuschauer, die sich ganz dem langsamen Fluss ihrer Filme ergeben, in beinahe hypnotische Zustände zu versetzen, in denen nicht mehr das präzise Argument, sondern die erdrückende Atmosphäre bedeutungsstiftend wird.

Ähnlich minimal wie in Béla Tarrs Film ist die Erzählung von Im Nebel: Zwei weißrussische Partisanen wollen einen vermeintlichen Verräter, der mit den Deutschen paktiert haben soll, im Wald erschießen. Doch bevor Burov (Vladislav Abashin) abdrücken kann, wird er selbst von deutschen Soldaten angeschossen. Der Kollaborateur (Vladimir Svirskiy) rettet ihn und trägt von nun an den Verwundeten huckepack durch das Buschwerk, wie Jesus einst sein Kreuz dahinschleppte. Der dichte Wald ist überall, es gibt keine offenen Flächen, keinen weiten Blick, sondern nur Hindernisse und verstellte Räume. Diese Stimmung des Verlorenseins in der desinteressierten, menschenfernen Natur wird noch unterstrichen durch den Sound: Im Nebel kommt gänzlich ohne Musik aus, allein das Rauschen der Blätter im Wind, fernes Vogelzwitschern und die schweren Schritte der Männer sind zu hören.

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Von Beginn an ist der Tod allgegenwärtig. Die erste, grandios choreografierte Einstellung folgt dem Gang dreier Gefangener zum Galgen. Doch statt der eigentlichen Hinrichtung zeigt uns die Kamera nur das schrecklich alltägliche Treiben der Dorfbewohner auf dem Marktplatz, sie essen, feixen, unterhalten sich und schauen nur beiläufig auf das Ende dreier Leben. Statt den Tod schlicht zu zeigen, schreibt ihn Loznitsa direkt ins Leben ein. Von da an kann ihn keine der Figuren mehr abschütteln. Ihre Unterhaltungen sind monoton und ohne jeden Funken an Esprit: Niemand lügt, alle sagen sich nur resigniert die Wahrheit her, weil Lügen ein kleiner Akt der Auflehnung ist, befeuert von der Hoffnung, noch einmal davonzukommen. Aber da ist nichts als die Unausweichlichkeit des Endes.

Die Welt von Im Nebel ist eine Zwischenwelt, in der die einzig sinnvolle Handlung das Vorbereiten auf einen würdevollen Tod ist. Man schleppt sich mehr dahin, als dass man geht, man spricht langsam, man hadert nicht mit der Vergangenheit. In drei Flashbacks erzählt uns der Film, wie die drei Verirrten im Wald gelandet sind: Die wirklich wichtigen Entscheidungen liegen längst zurück. Loznitsa ist ein Meister dieser Zwischenwelten. Man schaue nur, wie er in seinem unwirklich schönen The Train Stop (Polustanok, 2010) schlafende Menschen in einer Bahnhofshalle filmte, sie in grau pulsierendes Licht tauchte wie Wesen, die zwischen Traum und Wachen schweben.

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Und auch Im Nebel gelingt nur aufgrund der visuellen Ausdrucksmacht seines Regisseurs. Loznitsa dehnt in seinen langen Plansequenzen die Zeit und damit auch die Gegenwart des (noch) Lebens. In der ununterbrochenen Dauer, in all den kleinen und kleinsten Bewegungen bis zum unausweichlichen Schnitt insistiert das letzte bisschen Leben auf seiner Entfaltung. Pasolini schrieb ja einmal, dass unser Leben wie eine ungeschnittene Plansequenz sei, das die geheime Sprache unserer Handlungen so lange vage und unleserlich bleibe, bis ihnen der Tod eine unveränderliche Form aufpräge. Doch die verweigert Loznitsa, wenn er die letzten Minuten des Filmes in undurchdringlichem Nebel versinken lässt. Durch diese Weigerung, das Ende sichtbar zu machen, affirmiert er, ganz zum Schluss und im unwahrscheinlichsten Moment, das unlösbare Mysterium des Lebens. 

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