In the Cut

Frannie (Meg Ryan) dümpelt seicht in ihrem East Village-Alltagsleben, ehe sie in den Bann eines blutrünstigen Serienmörders gerät und sich im Angesicht des Todes ihrer eigenen Wünsche und Obsessionen immer bewusster wird. In dem jungen charismatischen Detective Malloy (Mark Ruffalo) findet sie ihren Boten zu einer anderen Welt. Ist es die der Leidenschaft oder die des Todes?

In the Cut

Gewalt und Leidenschaft - das ist das Holz aus dem die Erotik-Thriller geschnitzt sind. Die Symbiose von Gewalt und Leidenschaft findet meistens In the Cut (2003), also im Verborgenen statt. In diese Sphäre des Heimlichen und Intimen stößt die von Meg Ryan verkörperte Frannie Avery vor, als sie in den Tiefen einer Bar das Liebesspiel eines schemenhaften Paares beobachtet. Wenig später wird die Frau Opfer eines blutigen Verbrechens und die Schriftstellerin Frannie sieht sich selbst in eine Geschichte gesogen, die ihr langsam den Boden unter den Füßen entzieht. In ihrem scheinbar einzigen Halt, dem jungen maskulinen Detective Malloy (Mark Ruffalo), meint sie schon bald den Mann aus der Bar zu erkennen, der sich gleichzeitig als Tatverdächtiger Nummer Eins entpuppt.

Ein weiterer Mord folgt prompt und Frannies Koordinatensystem im East Village entwickelt sich zum gefährlichen Labyrinth aus Gewalt und Leidenschaft, in dem sich auch ihre Schwester Pauline (Jennifer Jason Leigh), ihr undurchsichtiger Schüler Cornelius (Sharrieff Pugh), der aufdringliche und absonderliche Ex-Freund John (Kevin Bacon) sowie Malloys Kollege Rodriguez (Nick Damici) verstricken. Von nun an muss die phlegmatische Lehrerin um ihr nacktes Überleben kämpfen, bis sie sich schließlich im Morgengrauen blutüberströmt auf dem Highway wiederfindet.

Was sie durchlebt, ist archetypisch für die fragilen Frauenfiguren der australischen Regisseurin Jane Campion: die Suche nach der eigenen Identität, einhergehend mit einer Erforschung der innersten Begierden. Dennoch unterscheiden sich sowohl Frannie als auch ihre Darstellerin von den bislang bekannten Rollen und Schauspielerinnen in Campions stilisierter Gefühlswelt.

In the Cut

Die Filmemacherin erlangte schnell den Ruf einer Schauspielerregisseurin. 1993 ließ sie Harvey Keitel, den exhibitionistischsten aller Hollywood-Darsteller, in The Piano, ihrer ersten internationalen Koproduktion, auf Holly Hunter los, die als seine stumme, jedoch willensstarke und letztlich bestimmende Gespielin einen Oscar erhielt, für den auch ihre Film-Tochter Anna Paquin nominiert war, was den Startschuss ihrer jungen Karriere bedeutete. Nicole Kidman entfaltete in Portrait of a Lady drei Jahre später erstmals die gesamte Palette ihres gestischen und mimischen Könnens, was den Beginn ihrer künstlerischen Emanzipation vom damaligen Über-Mann Tom Cruise bedeutete. Kate Winslet ging nach ihrem Erfolg mit Titanic (1997), dem Blockbuster schlechthin, den entgegen gesetzten Weg, aus dem Fokus heraus. Die Britin demonstrierte mit ihrer Rollenwahl als nach Orientierung suchende Frauen in Gillies MacKinnons Hideous Kinkey (Marrakesch, 1998) und Jane Campions Holy Smoke (1999) den Wunsch nach künstlerischer Verwirklichung.

Meg Ryan jedoch befindet sich im Gegensatz zu genannten Aktricen nicht in einer Frühphase, sondern bereits im Herbst ihrer Karriere, den die Hollywood-Darlings der Romantic-Comedies sehr schnell erreichen. Anders als bei The Piano, das die Comebackgeschichte des Harvey Keitel für das große Publikum fortschrieb, konnte sich In the Cut, bereits im vergangenen Jahr in den USA und in Großbritannien in den Kinos gelaufen, weder zum Kassenschlager, noch zum Kritikererfolg entwickeln. Meg Ryan wandelte unlängst in Against the Ropes (Die Promoterin, 2004) bereits wieder auf Mainstream-Spuren, finanziell ebenso wenig erfolgreich.

In the Cut

Ihre Frannie nun ist wesentlich weniger dominant als die Vorgängerinnen in Campions filmischem Mikrokosmos. Denen war es doch fast immer trotz allen Schmerzes gelungen, ihre Welt zu ordnen, die Männer zu manipulieren und den eigenen Gefühlen zur Entfaltung zu verhelfen. Frannies Weg ist weitaus dorniger und die junge Frau währenddessen in ständiger Verunsicherung.

Es gelingt Meg Ryan, diese ständige latente Angst sowie deren gleichzeitige Verdrängung und ihre Interaktion mit der Begierde nuanciert darzustellen. Dabei lotet sie mal exzessiv die Grenzen ihres Schauspiels aus, agiert andernorts sehr reduktionistisch. Auch die anderen Darstellernamen garantieren großes Schauspiel, was vor allem Mark Ruffalo bestätigt, und dennoch verweilt In the Cut nicht auf der Stufe eines Schauspielerfilms. Die Zurücknahme sowohl des Schauspiels als auch der Inszenierung erlauben der Geschichte ihre volle Entfaltung. Wie nie zuvor nimmt sich Jane Campion der Konventionen eines Genres an, um das Sujet gleichzeitig mit ihrem visuellen Konzept zu bereichern.

Auf der Folie des Genres entfaltet sich somit ein bildprächtiger, intensiver und persönlicher Film. In dessen Verlauf entwickelt Meg Ryan das differenzierte Porträt einer alternden Schönheit auf der Suche nach ihrer eigenen Leidenschaft und der Erfüllung ihrer Begierde. Das Zusammenspiel von story und plot auf der einen Seite, von Optik und Bildsprache auf der anderen, lässt den Betrachter einem bebilderten Buch, einer vollendeten Choreografie folgen.

Kommentare


RealCritic

Diese Kritik ist lächerlich. Der Film ist einfach extrem schlecht, sonst gar nichts.


Sandy

Besser hätte ich es nicht schreiben können!! Super Film, ich war echt begeistert, als ich ihn das erste Mal gesehen habe!! Mittlerweile hab ich ihn schon ca. 5 Mal gesehen und entdecke jedes Mal etwas Neues!


Stefan aus Berlin

Wundervolle Kritik zu einem wundervollen Film, an dem letztlich alles stimmte.


Martin Z.

Mit dieser Rolle ist Meg Ryan das Image als Everybody’s Darling wohl endgültig los. Hier spielt sie recht überzeugend das wilde, freizügige Sexluder. Sie beschreitet einen schmalen Grat, auf dem sie wandelt. Obwohl sie dem Polizisten sexuell verfallen ist, vertraut sie ihm doch nie so ganz. Ihre gute Mimik spiegelt die Turbulenzen ihres Innenlebens. Dabei kommt sogar etwas Spannung auf. Doch die Auflösung am Ende ist äußerst banal. Bei den allgemein recht ansprechenden Bildern lässt Jane Campion ziemlich viel rote Farbe versprühen. Und mit der literarischen Vorlage als Basis für den Film haben sich wohl auch einige logische Knacks nicht vermeiden lassen oder manche Sprünge sind der Schnitttechnik zum Opfer gefallen.






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