Einer nach dem anderen

„Wenn norwegische Kinder verschwinden, gibt es immer lästige Eltern, die nach ihnen suchen“, fasst der Kleinganove kurz vor seinem Tod den Plot einer weiteren skandinavisch-skurrilen Gangsterkomödie zusammen.

Kraftidioten 05

Der erste Lacher kommt, als Nils (Stellen Skarsgard) sich umbringen will. Der wortkarge, in sich ruhende Mann hat gerade seinen Sohn verloren – Überdosis Heroin, heißt es –, und seine Ehe scheint über das tragische Unglück nicht zur Seelenkur, sondern zur Hölle zu werden. Doch er hat sich kaum den Gewehrlauf in den Mund gesteckt, da wird er von einem übel zugerichteten Freund seines Sohnes gestört. Nils nimmt sich mit ungläubigem Blick die Waffe aus dem Mund, seine Lippe bleibt noch kurzzeitig am Metall kleben. Störung beim Selbstmord, Absurdität im Extremen, der erste Lacher. Von nun an ist klar, wie der mit dem Handtuch des nordischen Humors abgetrocknete Hase läuft, anderes hatte man von Einer nach dem anderen (Kraftidioten) des Berufslakonikers Hans Petter Moland auch nicht erwartet.

Genre und Lakonie

Kraftidioten 03

Molands Gangsterkomödie kommt gleich darauf ins Rollen, weil Nils vom Vereitler seines Suizids erfährt, dass sein Sohn nach einem missglückten Kleinauftrag für einen Drogenring ermordet worden ist. Das Leben bekommt seinen Sinn zurück, der Film ein Programm: Mal wieder wird der ordinary man zum avenger, und das ist für Profi-Gangster meist kein Zuckerschlecken. Amateur Nils haut von nun an einem nach dem anderen so lange auf die Fresse, bis die Schurken aussehen wie Kleinkinder nach ausgiebigen Spaghetti-Bolo-Exzessen.

Gewalt ist im neueren skandinavischen Kino ja meist automatisch als radikalisierte Form des Lakonischen codiert, und so lösen auch die fliegenden Zähne und das spritzende Blut nur das Versprechen von Einer nach dem anderen ein. Der Witz speist sich nicht aus einem  Wiedererkennen, sondern aus größtmöglicher Distanz, ist keine Zuspitzung der Welt da draußen, sondern Kommentar der eigens geschaffenen. Die Präzision der beschworenen Coens erreicht er dabei nicht annähernd. Den Konventionen des Genres folgend, sind ergiebigste Quelle von Gags die hinter der souveränen Brutalo-Fassade schlummernden Macken der Bösewichte um Drogenboss Greven (Pål Sverre Hagen).

Killerneurosen

Kraftidioten 04

In Einer nach dem anderen macht trotzdem erst mal Spaß, weil die originelle Idee hinter dem internationalen Filmtitel (In Order of Disappearance) hier tatsächlich Programm ist und mit störrischer Würde eingehalten wird: Jedem Leinwandtod folgt eine Schwarzblende als Totenanzeige, mit bürgerlichem und Gangsternamen. Ähnlich gefangen im Wiederholungszwang ist zunächst auch Nils’ Rachepraxis. Einmal zusammengeschlagen, verraten die Bösewichte den Namen des jeweils Ranghöheren, ihr Smartphone liefert das passende Gesicht, und nach ihrem endgültigen Ableben werden sie mit Hühnerdraht eingewickelt und einen Wasserfall hinuntergeworfen. Zwischendurch geht der Amateurkiller aber noch seiner tatsächlichen Berufung nach – und das heißt, er darf in den schönsten Szenen des Films mit der Schneefräse Schneisen ins ewige Weiß fahren.

Dieses Gerät ist Symbol des Rachefeldzugs, aber auch ganz konkretes Habitat des Protagonisten, und es ist ganz schön, wie dieser Maschinen-Raum vom Film ständig umfunktioniert wird. Über die Schneefräse wird Nils eingeführt – er ist wegen seiner aufopferungsvollen Arbeit für ein Stückchen Zivilisation in der Wildnis gerade zum Bürger des Monats gewählt worden ­–, in ihrer Einsamkeit reift sein Gedanke zum Selbstmord, und irgendwann, da dient ihm das Fahrzeug als anonyme Drohgebärde im Duell gegen gewiefte Gangster und schließlich als handfeste Waffe.

Ausfransende Symmetrie

Kraftidioten 01

Schon bald funktioniert der Rachefeldzug nicht mehr so schön neurotisch, weil Nils überzeugend deutlich gemacht wird, dass es für den fiesen Greven schon einen richtigen Hitman braucht. Als dieser sein Opfer aber nicht umbringt, sondern ihm den Namen seines Auftraggebers verkauft, gerät die Sache aus dem Ruder. Ein paar Verwechslungen später muss auch der Sohn des (durchaus mit Charme und Selbstironie von Bruno Ganz gespielten) Chefs einer serbischen Konkurrenzgang dran glauben und ebenfalls gerächt werden – weshalb Protagonist Nils eine gefühlte Ewigkeit vollständig von der Bildfläche verschwindet. Zurück meldet er sich dann seinerseits mit der Entführung von Grevens Sohn.

Kraftidioten 02

Diese fast symmetrische Einholung des zwischenzeitlich etwas aus den Fugen geratenen Plots vollzieht sich aber nur auf Ebene der Struktur. Die Stimmung des Films dagegen verliert sich immer stärker in den Tiefen des Drehbuchs, der Witz entfernt sich immer weiter von der Verankerung in einer Handlung, die Gags geben immer häufiger ihren braingestormtem Ursprung preis, den Showdown gibt’s just for the record. So bleibt es bei einem Film, dessen Substanz so weit ausfranst, dass man irgendwann nur noch auf den nächsten halbwegs gelungenen Joke wartet, weil die Plotelemente eh nicht mehr entwickelt, sondern nur noch für vermeintliche Krassheiten und lahme Tabubrüche ausgebeutet werden. Ins auch filmisch Extreme wagt sich Moland nie vor, bleibt auf Distanz. Diese jedoch führt im schematischen Modus der Gangsterkomödie und ohne formale Erdung zum inhaltsleeren Imperativ der Unterhaltung: Alles kann passieren, und über alles dürft ihr lachen. Für eine gute Komödie ist das viel zu wenig.

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Kommentare


Guntram Doelfs

Oh jeh, oh jeh, da hat mal wieder ein verkopfter Akademiker versucht, eine hochintellektuelle Filmkrittik zu schreiben. Sicher kommt der Film nicht an das unverkennbar durchschimmernde Vorbild "Fargo" der Coen-Brüder heran, aber platt und schlecht ist deswegen der Film noch lange nicht. Leider ist das geneigte Berlinale Publikum wohl offensichtlich dümmer als Herr Kadritzke, denn es hat sich heute bei der Berlinale-Vorführung im Friedrichstadtpalast köstlich amüsiert. Am Ende brandete lauter Beifall auf.Offenbar weil das Publikum intellektuell eindimensional genug für einen Film "im schematischen Modus der Gangsterkomödie und ohne formale Erdung zum inhaltsleeren Imperativ der Unterhaltung" war. Unterhaltung ist also ein inhaltsleerer Imperativ, wow. Um im Duktus der Kritik zu bleiben: Für mich ist so ein Satz der inhaltsleere Imperativ des ungebremsten Wortgeschwalles.


Till

Das hat mit Intelligenz nichts zu tun. So wie manche einen Film verteidigen wollen, bei dem sie viel gelacht haben, versuchen andere (vor allem während sie einen Text produzieren) zu ergründen, warum sie nicht so viel gelacht haben. Dass das in diesem Fall zu einem Schwafelfeeling beim Lesen geführt hat, nehme ich als Kritik gerne an. Eines allerdings zur Klarstellung: Nicht Unterhaltung per se ist ein inhaltsleerer Imperativ, sondern die spezifische Form der Unterhaltung, die nach dem Doppelpunkt beschrieben ist und sich eben – als gefühlter Imperativ – aufdrängt. Und das hat unter anderem mit dem Verhältnis zur Form des Films zu tun.


Urs Bender

Also für mich wurde der Film gegen Ende zunehmend belanglos, langweilig und dämlich. Der gute Ansatz/Anfang wurde komplett versemmelt und endete in einer für die Handlung unwichtige Sprücheklopferei.

Ich gehe daher als gelernter Automechaniker (ohne Abitur) mit der Kritik von Till konform.


Franziska T.

Ich kann die negative Kritik nicht ganz nachvollziehen. Ich finde, in der Mitte hängt der Film etwas durch, aber es geht doch nicht um irgendeinen künstlerischen oder intellektuellen Anspruch. Es geht um Unterhaltung. Ich gehöre zu dem oben genannten Friedrichstadt-Palast-Berlinale-Publikum und habe mich köstlich amüsiert.


ule

Ausgerechnet das Berlinale Publikum wird von "Doelfs" angeführt zur Unterstreichung der Qualität des Films durch authentische Lachsalven. Das Hipster-Berlin-Mitte- Prekariat, das sich diese Lacher entlocken lässt, lacht aber so ziemlich über alles, was ein "feel good" Kino Erlebnis für eben dieses Klientel ausmacht. Its for you Dummy ! Top Kritik übrigens , auf den Punkt, Danke!






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