In jeder Sekunde

Es ist die Mechanik und Routine, die den Stein des Sisyphos ins Rollen bringt und die Lebenszeit der Figuren in jeder Sekunde bestimmt.

In jeder Sekunde

Ein Waldboden im Halbdunkel, Laufschuhe werden im Bild sichtbar. Die Kamera schwenkt an den Beinen des Joggers hoch. Frontal im Bild ist das angespannte Gesicht von Hans Frick (Sebastian Koch) zu sehen. Eine Parallelfahrt begleitet sein allmorgendliches Training. Diese Sequenz wird sich im Laufe des Films fast in derselben Einstellungsfolge mit haargenau derselben Strecke wiederholen. Es ist ein Laufen ohne Start, ohne Ankunft, ins Nichts hinein.

Als leitender Arzt einer Abteilung der psychiatrischen Klinik ist es gerade diese Routine, die ihm Halt gibt. Einem modernen Sisyphos gleich, kämpft Frick unentwegt gegen das freiwillige Ausscheiden aus dem Leben an. Zu Hause pflegt er gemeinsam mit Ehefrau Anna (Barbara Auer) die todgeweihte Tochter Ina (Zoe Thurau). Die physische und psychische Anspannung aus Sorge um das kranke Kind belastet die Partnerschaft. Als Luisa Engels (Jenny Schily) in sein Leben tritt, stehen seine Prinzipien und Pflichten als sorgsamer Familienvater sowie verantwortungsvoller Arzt im Widerstreit mit der Erfüllung seiner privaten Sehnsüchte.

In jeder Sekunde

Parallel zu diesem Erzählstrang wird die Geschichte einer weiteren Dreieckskonstellation aufgenommen und im Laufe des Films zwischen diesem und jenem Leben hin- und hergeschnitten. Die junge Liebe zwischen Sarah Arles (Mina Tander), Inhaberin eines Plattenladens und DJane, mit dem patenten Hobby-Fotografen Ben Weissner (Ronald Zehrfeld) ist wie die Ehe der Fricks einer Belastungsprobe ausgesetzt. Sarahs Ex-Freund Christoph Zach (Wotan Wilke Möhring), von dem sie sich wegen seiner Egozentrik und seines exzessiven Drogenkonsums getrennt hat, versucht, ihr wieder näher zu kommen. Ihre Wiederbegegnung artet in eine Tragödie aus, in der zwei andere, ganz unterschiedliche Lebenslinien schicksalhaft miteinander kollidieren.

Mit dem in München spielenden In jeder Sekunde gibt Jan Fehse sein Regie-Debüt. Der Kameramann und Lichtdesigner war nicht nur an zahlreichen TV-Produktionen (Die Rebellin, 2008; Post Mortem, 2007; Tatort, 2005), Kurzfilmen und Werbespots beteiligt, sondern wirkte auch an Kinofilmen wie Herr Bello (2006) und Es ist ein Elch entsprungen (2005) unter der Regie von Ben Verbong oder Goldene Zeiten (2004) von Peter Thorwarth mit.

In jeder Sekunde

Als Ensemblefilm hat In jeder Sekunde angesichts seiner hochkarätigen Besetzung eine ideale Grundlage. Sebastian Koch, Jenny Schily und Barbara Auer, allesamt auch Theaterschauspieler, zeichnen sich durch ein sehr präzises Spiel und eine subtile mimische Ausdruckskraft aus. Eine heimliche Hauptrolle lässt sich dennoch ausmachen. Diese besetzt die Handkamera. Als sei sie ein autonomes Subjekt spielt sie eine expressive Rolle, nimmt dabei Aufmerksamkeit erregende Blickwinkel und Perspektiven ein. In ruhigeren Szenen, vornehmlich in den Wohnräumen der Protagonisten, bleibt sie ganz still, nahezu statisch, wohingegen sie, wenn Sarah und Ben durch die Clubs ziehen, in ständiger Bewegung ist: schnelle Rechts-Links-Schwenks mit Wischeffekten, abrupte, ruckartige Bewegungen – nach oben, nach unten. Hohe Schnittfrequenzen, Unschärfe, Gegenlicht, grünes Licht, rotes Licht, bildfüllende Gesichter, Sarah, Ben, wieder Sarah.

In jeder Sekunde

Die Kamera zeichnet Stadtbilder des Münchner Nachtlebens auf, die Innenstadt mit ihrem tosenden Autoverkehr, menschenleere Straßenkreuzungen in Giesing und Sendling. Leuchtreklameschriften, Imbissbuden, Tankstellen und die Sterilität des Krankenhauses stehen im Kontrast zu atemberaubend schönen Momentaufnahmen einer unberührten Natur. Die Isar bei Nacht; das schwarzblaue Wasser schlägt hohe Wogen. Eine Schar Möwen flattert von einem Brückengeländer plötzlich auf, die Kamera fängt sie in ihrem Gleitflug ein oder lässt in einer Vollmondnacht die Silhouette eines Vogelschwarms um die helle Sichel kreisen.

„Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“, zitiert Luisa Engels einen von Albert Camus in seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ aus dem Jahr 1942 niedergeschriebenen Satz und fügt seiner Behauptung noch eine eigene Pointe hinzu – „Beim Runtergehen“. Die absurde Anstrengung von Frick, suizidgefährdete Menschen davon abzuhalten, sich das Leben zu nehmen, sie zu therapieren bis sie eines Tages einen erneuten Selbstmordversuch unternehmen, ist in Luisas Augen wohl solch ein Kampf gegen Gipfel. Mit seiner uneingeschränkten Bejahung des Lebens sowie seinem altruistischen Eintreten für die Gemeinschaft könnte Dr. Frick wahrlich eine von Camus erdachte Figur sein; seine Ähnlichkeit mit Dr. Rieux aus dem Roman Die Pest (1947) ist verblüffend.

Mit Werten wie Solidarität, Freundschaft und Liebe versucht auch Sarah ihrem Leben einen Sinn zu geben. Sie ist das weibliche Pendant zu Hans Frick. Durch eine anknüpfende Montage werden ihre Handlungen parallelisiert, der Bewegungsablauf der einen Figur wird von der anderen aufgenommen und dann in die gleiche oder entgegengesetzte Richtung fortgeführt. Gegen Ende des Films treffen sie schließlich aufeinander, vielleicht genau in jener Sekunde, in der sie an demselben Punkt ihres Lebens angelangt sind.

In jeder Sekunde

In Fehses düsterem Drama will die Nacht kein Ende nehmen. Die Figuren scheinen dies zu wissen und sind ständig unterwegs. Sie wandeln wie blind durch ein tiefes Tal, ohne jemals einen Gipfel oder auch nur eine Anhöhe zu erreichen. Momente eines kurz aufflackernden Glücks werden von unglücklichen Schicksalsschlägen ausgelöscht. Die beiden Drehbuchschreiber Christian Lyra und Jan Fehse hatten kein Erbarmen – weder mit ihren Figuren noch mit dem Publikum. Auf einen besänftigenden Wendepunkt wartet es vergebens. In diesem Film gibt es keinen Trost und wenig Hoffnung. Oder sollten wir die Unabwendbarkeit des Todes als absurde Erfahrung für die Hinterbliebenen werten? Immerhin sind sie doch jetzt von den Ketten befreit, die sie an die dumpfe Mechanik des Lebens fesselten.

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Kommentare


Radar

Grandioser Film, der von seinen Schauspielern viel verlangte.der Gewinner des Filmes ist für mich Ronald Zehrfehld den ich bis jetzt noch nie so war genommen habe.


Frank F.

Gerade gesehen und war sehr berührt, es gibt Momente im Leben, die einem den Atem nehmen können und man durch den inneren Selbsterhaltungstrieb nicht in die Tat umsetzt. Der Mensch muss heute sehr viel aushalten und kenne kaum noch Freunde, die glücklich sind. Wie auch immer, es geht weiter.

Alles Gute für diese krank gewordene Welt!






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