In Jackson Heights

E pluribus unum: Frederick Wiseman findet den Entwurf eines bunten Einwanderungslandes in einem New Yorker Stadtviertel.

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Nach drei Stunden wird es wieder Nacht in den Blocks zwischen Roosevelt Avenue und 37th Avenue. Langsam klingt die lateinamerikanische Musik aus, die ein Quartett von Locals, das sich spontan zusammengefunden hat, spielt. Wir blicken ein letztes Mal auf das für New York typische Straßenbild, zwischen oberirdischer Metro und bunten Werbetafeln, wehmütig wie beim Ende einer Reise. Eine Reise durch ein Stadtviertel, in dem 167 verschiedene Sprachen gesprochen werden.

Die Bürokratie einer Utopie

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Nur eine Kreuzung weiter mischt sich etwas Fremdes in dieses Bild, ein Vorbote der Gentrifizierung, ein GAP Outlet Store. Neben diesem Auswuchs des Großunternehmens wirken die Ladenbesitzer von New Yorks kulturell vielfältigstem Stadtviertel wie eine bedrohte Art. Eine unter vielen Arten, denen sich Frederick Wiseman in seinem 40. Film nähert. Um uns das Kulturgetümmel von Jackson Heights näherzubringen, setzt Wiseman dort an, wo seine Filme seit Beginn seiner Karriere immer wieder ihren Ausgangspunkt finden: bei den Institutionen. „Make the Road“, „The Lesbian & Gay Big Apple Corps“, andere LGBT-Gruppen oder einfach nur vier alte Damen, die sich zum Stricken treffen. Sie alle stehen, in Form von Neighborhood Communities, als Sinnbild für die Verzahnung der Kulturgruppen des Stadtteils. Im Falle einer Gruppe Homosexueller, die ihre Sitzungen in einem jüdischen Gemeindezentrum abhalten, wird aus dieser Verzahnung eine kleine Utopie. Die Probleme wirken hier noch profan. Es sind Terminschwierigkeiten und die Entfernung zur U-Bahn, die in der folgenden Diskussion aber als nicht allzu problematisch abgetan werden. Doch schon ein Communitytreffen weiter wird die Organisation einer Parade zum Gedenken des 1990 in Jackson Heights ermordeten Homosexuellen Julio Rivera diskutiert. Dabei ist es nicht der in der Schwulenszene allgegenwärtige Mordfall, den Wiseman betrachtet, sondern die Organisation und Planung der Parade. Es ist die Bürokratie, die immer wieder in den Ballungsraum der Diversität eindringt und in Form von Anträgen, Paragrafen und Genehmigungen der Utopie immer ein Stück entgegensteht.

Jenseits des Aktivismus

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Der Mikrokosmos Jackson Heights lässt sich, gerade aufgrund seiner Vielfältigkeit, als Kommentar zu allerlei politisch- gesellschaftlichen Fragen unserer Zeit ausschlachten, doch transzendiert der Film, und das ist Wisemans großes Verdienst, in seiner mal intimen, mal abstrakten, nie aktivistischen Form immer wieder die Bürde der politischen Intention. Die Präsenz von Wiseman und John Davey, der seit über 20 Jahren dessen Kameraarbeit übernimmt, bleibt wie immer eine stille. Wiseman betrachtet die Mechanismen der Heterotopie nicht in der Vitrine. Er sucht die direkte Nähe zu seinem Sujet. Menschen werden nicht vorgestellt, erklärt oder durch Texttafeln vorgestellt. Wiseman erzeugt durch die Montage, die seinen Akteuren immer wieder ein ganzes Konglomerat an Reaktionen der Anwesenden gegenüberstellt, eine Immersion, die schleichend die Grenze zwischen dem Zuschauer innerhalb der Szene und dem Kinozuschauer verwischt und Letzteren dadurch selbst zu einem Teilnehmer der zahlreichen Community-Meetings macht. Die Geschichte einer Mutter, deren Familie bei der Einreise aus Mexiko durch die Methoden eines Schleppers fast ums Leben kommt, wandelt sich von einer berührenden Erzählung zu einer mühseligen Auflistung nebensächlicher Details, die wir, zusammen mit den Beisitzenden, respektvoll akzeptieren. Wiseman verlässt sich nicht auf das Charisma der Menschen, die vor seine Kamera treten, auch wenn er es zweifelsohne immer wieder findet. Vor seiner Kamera sind alle Menschen gleich. Er dokumentiert nicht die bedeutungsschwangeren Höhepunkte eines Einwandererschicksals, sondern führt uns durch vermeintliche Banalitäten zu einer Position jenseits der Schematisierung.

Why do you want to be an American?

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In Jackson Heights sucht, wie es für Wisemans Filme üblich ist, selten die Zuspitzung. Doch entstehen fast unmerklich, geradezu organisch, aus der verborgenen Dramaturgie des Films Pointierungen, die dann um so kraftvoller nachwirken. „Why do you want to be an American?“, fragt eine Einwanderungshelferin ihre drei „Schüler“, allesamt Menschen, die bereits ein langes Leben hinter sich haben. Die Frage ist ein wichtiger Teil des Einbürgerungstests und sollte entsprechend eingeübt werden. Die richtige Antwort – eine Frau versucht sie immer wieder zu geben, scheitert aber zunächst an der Ungeduld ihrer Lehrerin – muss einen Beweis für das Verständnis von Freiheit und Demokratie in sich tragen und lautet folglich: „To vote.“ „Freedom of speech and religion“, wie es die Frau aus Bangladesch vorschlägt, zählt da nur bedingt. Das ist schließlich schon wieder die Bill of Rights.

Trailer zu „In Jackson Heights“


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