In ihren Augen

Der Gewinner des diesjährigen Oscars für den besten fremdsprachigen Film ist ein Beispiel dafür, wie nichtssagend Auszeichnungen sein können.  

In ihren Augen 04

Eine Polizistenweisheit: „Ein Mann kann alles ändern – seinen Beruf, sein Aussehen, seine Religion … Nur eines kann er nicht ändern – seine Leidenschaft.“ Schnitt zu einem Fußballstadion in Buenos Aires Mitte der 1970er Jahre, in dem der Gerichtsermittler Benjamín Esposito (Ricardo Darín) und sein weiser Sidekick Pablo Sandoval (Guillermo Francella) unter tausenden Zuschauern einen vermeintlichen Vergewaltiger und Mörder ausfindig machen. Zufällig steht der passionierte Fußballfan nur wenige Reihen von ihnen entfernt. Zum Hauptverdächtigen geworden ist Isidoro Gómez (Javier Godino) allein aufgrund des Ausdrucks in seinen Augen. Auf Fotos hat er das schöne Opfer Liliana Coloto (Carla Quevedo) allzu obsessiv angehimmelt. Beim Verhör verrät er sich durch einen weiteren Blick – den in den Ausschnitt von Espositos Chefin Irene (Soledad Villamil). Wer so lüstern starrt, der kann nur Vergewaltiger sein.

In ihren Augen 06

Bei den hier gezeigten Ermittlungs- und Verhörmethoden wundert es kaum, dass das argentinische Rechtssystem keinen guten Ruf genießt. Zwar verteilt In ihren Augen (El secreto de sus ojos) auch einige bewusste Seitenhiebe auf die menschenrechtsverletzende Justiz der Militärdiktatur der 1970er Jahre, setzt uns aber gleichzeitig einen Kriminalisten vor, der angeblich alles von den Augen eines Menschen ablesen kann, seinen bedeutsamsten Fall 25 Jahre später aber immer noch nicht vollständig aufgeklärt hat und ihn deshalb als Rentner neu aufrollt. Eingeführt wird der pensionierte Esposito, wie er an einem Roman über den Mord an der jungen Grundschullehrerin sitzt. Die hingebungsvolle Liebe von Lilianas Ehemann Ricardo Morales (Pablo Rago), der auf eigene Faust nach dem Täter sucht, hat ihn über Jahrzehnte verfolgt, da sie ihn an seine unausgesprochene Liebe für Irene erinnert. Obwohl Espositos verzückter Dackelblick schon bei der ersten Begegnung mit der jüngeren und gebildeteren Vorgesetzten Bände spricht, beschränkt sich seine Hingabe für 25 Jahre auf vielsagendes Gucken und auf eine kitschige Bahnhofsfantasie, in der die Angebetete seinem Zug nachläuft.

In ihren Augen 02

Das Melodram des Argentiniers Juan José Campanella springt durchgängig und zum Teil recht abrupt zwischen den Jahren 1974 und 1999 hin und her. Die Reise des Protagonisten in seine Vergangenheit soll auch als Konfrontation mit der bis heute unzureichend aufgearbeiteten Geschichte des Landes und seinen zahlreichen unter den Tisch gekehrten oder zu den Akten gelegten politischen Verbrechen verstanden werden. Es ist wohl kein Zufall, dass ein Richter, der zwei wahllos inhaftierte Männer zu einem falschen Geständnis prügelt und nach dem Militärputsch von 1976 einen verurteilten Mörder zum Regime-Handlanger macht, dem argentinischen Diktator Jorge Rafael Videla ähnelt. Campanellas formelhaftes Drehbuch nach dem Roman von Eduardo Sacheri begnügt sich aber mit vereinzelten Andeutungen und präsentiert ansonsten einen Gesetzeshüter, der eher an die altmodische Spurensuche einer Miss Marple oder die pseudophilosophischen Betrachtungen eines Derrick erinnert, denn als aussagestarke allegorische Figur aufzutreten. Wie zu Derricks Anfängen wird der Täter im Handlungsverlauf schon früh entlarvt, und als Espositos treuer „Harry“ sorgt ein herzensguter Alkoholiker für den comic relief und später für den Druck auf die Tränendrüse.

In ihren Augen 01

Der Regisseur hat bisher neben einigen Law & Order-Folgen und weiteren US-Serien-Episoden unter anderem die Tragikomödien Der Sohn der Braut (El hijo de la novia, 2001) und Luna de Avellaneda (2004) gedreht, in denen er verhaltene Sozialkritik mit einer großen Portion Sentiment leicht verdaulich inszenierte. Wie den Vorgängern mangelt es auch In ihren Augen an einem nennenswerten ästhetischen Profil. Die dünne Geschichte wirkt wie eine in die Breite getretene und von Kameramann Félix Monti (La niña santa, 2004) schöner ausgeleuchtete Widescreen-Version von Law & Order, die vor allem von Campanellas Stammdarsteller Ricardo Darín (XXY, 2007) getragen wird. Szenen werden häufig überlang ausgespielt, der Erzählrhythmus passt sich dem Rentnertempo der Hauptfigur an. Für den bemühten Nervenkitzel wird mehrfach der Mottenkistentrick „Leises Anschleichen von hinten mit plötzlichem Schulterklopfen“ herangezogen.

In ihren Augen 3

Man kann das Unterhaltung für anspruchslose Nostalgiker nennen. Während Esposito für die Notwendigkeit, aber auch für die Verklärung des Rückwärtsblickes steht, repräsentiert eine andere Figur dagegen die Gefahren des Verharrens in der Vergangenheit. In ihren Augen hätte eine spannende und differenzierte Auseinandersetzung mit dem Für und Wider des Erinnerns werden können. Stattdessen läuft die Inszenierung wie Irene einem abgefahrenen Zug hinterher.

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Kommentare


Maria Vetterlein

Der Film ist schlecht, das stimmt.
Dennoch wäre es wohltuender, dass Frau Lüdeking die Mikroebene des Films (und der Fiktion) nicht auf die Realität übertrage. Eine kritische Position ist gut solange der Kritiker richtig informiert ist und somit Urteil mit Vorurteil zu verwechseln vermeidet. (Bitte lesen Sie die Zeitungen, die seit mehrere Monate für die Verurteilung hunderter Mitglieder und -wirkender der Diktatur!)


Dr. Schlöhmil

Was für ein Film - und was für eine Kritk! Man bilde sich dringend eine eigene Meinung.


Wolfgang G.

Ein geniales Werk! Hochgenuss vom Anfang bis zum Ende - für den, der genießen kann!


Vera

Der schönste, bewegendste Film, des ich seit langem sah. Nicht auf den Kritiker hören. Angucken!


Marie

Ein Film, den man guten Gewissens weiterempfehlen kann. Spannend, unterhaltend und einfach fesselnd!


Claudia

Ein Film, der mich berührte - nicht nur wegen seiner Handlung vor realem politischem Hintergrund, sondern auch wegen seiner Bildästhetik, der schauspielerischen Präsenz seiner Protagonisten, des erfrischenden Humors. Ein wahrer Filmgenuß! Lassen Sie sich nicht von der vernichtenden Kritik Frau Lüdekings beeindrucken, sondern schauen Sie selber.


Vinnie

Diese Kritik stößt bei mir auf völliges Unverständnis. Ein wunderbarer Film, mit genialen Kameraperspektiven, der völlig zurecht als "Bester Fremdsprachiger Film" ausgezeichnet wurde.


Karl

Ein super film


Max

Einer der besten Filme, die ich seit langem gesehen habe.
Die Kritik ist wohl als Scherz zu verstehen, andernfalls rate ich dringendst zu einem Berufswechsel!
Ansehen!!!


Peter

Eine völlig verfehlte Kritik einer Rezensentin, die nicht in der Lage scheint kulturelle Unterschiede zu nivellieren. Das Bild ist mit feinem Pinsel gemalt, komisch, einfühlsam, spannend und in jeder Sekunde mit dem richtigen Maß versehen. Weit weg von primitivem Hollywood-Kitsch.


Ulrika

Dieser Film ist Kinokunst auf höchstem Niveau, die Geschichte ist spannend, mit feinsten humoristischen Tupfen und politischen Anspielungen und hat ein atemberaubendes Ende, die Figuren sind subtil gezeichnet und das Ganze ist handwerklich perfekt gefilmt.


Jan-Jasper

Dieser Film ist auch für Anspruchsvolle richtig gut. Alleine schon der IMDB-Wert von 8,3 belegt, dass Frau Lüdeking voll daneben gegriffen hat!


San Clemente

Wie kann eine Kritik nur so daneben liegen!
Frau L.hat sich disqualifiziert!


Torsten Petersen

Fassungslos! Einer der schönsten Filme der letzten Jahre wird hier zugrundegerichtet!
Wer so einen Fim dermassen abkanzelt, disqualifiziert sich selbst! Und auch diejenigen, die wohl aus irrwitziger Sucht nach Originalität in das selbe Horn stossen, sollten sich diesen Film nochmal genau anschauen!
Volle Zustimmung allen, die der Faszination dieses Meisterwerkes folgen (können und auch wollen)!
Es ist unglaublich!


Martina Gladeck

Hoffentlich begegne ich dieser Britte, oder wie heisst die noch, nicht mal ....
Nicht zu fassen, wie man einen solch schönen Film so abkanzeln kann
Und natürlich ist er nicht perfekt, mit kleinen Schwächen.
Kleiner Trost sind die vorangegangenen Kommentare.


Henry Slocum

Die Kritikerin irrt tatsächlich: Auch mich könnte man bei den meisten Heimspielen auf Anhieb in einem bestimmten Block im Stadion finden; meistens ziemlich exakt an derselben Stelle. Allein die Kamerfahrt ins Stadion ist grandios, vielleicht etwas zu gigantisch. Und der Blick auf dem Foto ist ein Nebenaspekt, der sich als richtig herausstellt, ebenfalls durchaus logisch herausgearbeitet. Am Ende mag der Film etwas zu dramatisch sein, aber er hat das Zeug zum Klassiker. Sehenswert. Ob er seine Auszeichnung verdient hat, ist eine andere Diskussion.






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