In Frankfurt sind die Nächte heiß

1966 – Papas Kino bebt (3): Vom Schlager-Paradies ins Rotlichtmilieu. Mit einem ausgeprägten Sinn fürs Grobe inszeniert Rolf Olsen einen wilden Krimi, der den Zuhältern und Huren gehört.

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Im Jahr 1966 drehte Rolf Olsen mit Hans Billian die Schlager-Komödie Das Spukschloß im Salzkammergut. Während Hannelore Auer – die spätere Frau von Sänger Heino – darin beschwingt mit einem Cabrio um den Wolfgangsee kurvt, versuchen Udo Jürgens und Gertraud Jesserer eine Beziehungskrise zu überstehen, die selbst der Film nicht richtig ernst nimmt. Das Regie-Duo scheint damit ein konkretes Publikumsbedürfnis zu erfüllen: Es entführt uns in eine Welt, die weit entfernt ist von alltäglichen Sorgen; eine Welt, in der man sich sicher und geborgen fühlen kann. Die Sexualität wirkt stark gezügelt und auch die Figuren sowie das, was sie anderen antun können, scheinen recht harmlos.

Ein wilder Streifzug durchs Milieu

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Dasselbe Jahr, ein anderes Bedürfnis: Mit dem Unterwelt-Reißer In Frankfurt sind die Nächte heiß hat Rolf Olsen gewissermaßen einen Gegenentwurf zu seinem eigenen Schlager-Paradies geschaffen. Statt sich an erhabenen Bergkulissen zu erfreuen, wühlt er diesmal im Dreck der Main-Metropole – und dieser Kontrast ist bezeichnend für Olsens Filmografie, die wie ein Chamäleon in den verschiedensten Farben schillert. Sie reicht von familienkompatiblem Crossdressing-Klamauk (Unsere tollen Tanten, 1961) bis zu sensationslüsternen Mondo-Filmen (Shocking Asia, 1976): das Vermächtnis eines Regisseurs mit einer faszinierenden Flexibilität. Dahinter steht ein eigentlich sehr bescheidenes Ziel: dem Publikum das zu geben, was es sehen will. Das kann die beruhigende Illusion von Harmonie sein oder das Feiern menschlicher Abgründe, wie man es aus der Boulevardpresse kennt. Hier dient der schon mehrmals filmisch aufbereitete Mordfall der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt als Vorlage für einen wilden Streifzug durchs Rotlichtmilieu.

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Dabei hat auch In Frankfurt sind die Nächte heiß noch eine Vorstellung davon, wie der Traum vom bürgerlichen Glück aussehen kann. Olsens Heimat Wien fungiert als Postkartenkulisse, vor der man sich gut gemeinte Lügen auftischt. Peter (Claus Ringer) und Vera (Vera Tschechowa) lernen sich am Heldenplatz kennen. Nachdem sie ihre Handtasche verloren hat, bringt er sie ihr ritterlich zurück.

Die deutsche Touristin schäkert: „Aha, das nennt man also Wiener Charme“, worauf er nur bescheiden erwidert: „Ich glaub, ehrliche Menschen gibt’s auch woanders“. Peter ist ein liebenswürdig naiver Trottel, der nur darauf wartet, dass ihm jemand das Herz bricht. Vera verheimlicht ihm zwar, dass sie als Hure arbeitet, aber nicht aus böser Absicht, sondern weil sie die Ehe vielleicht doch verlockender findet, als sie es sich eingestehen will. Später blicken die beiden aufs Schloss Schönbrunn und malen sich ein gemeinsames Leben aus, das es nie geben wird.

Im Spukschloss war kein Zimmer mehr frei

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Im Film füllen diese Szenen nur einige kurze Rückblenden, die einen starken Kontrast zum Sündenbabel Frankfurt bilden. Vera wird gleich in der ersten Szene von einem Unbekannten erstochen. Und Peter, der gerade angekommen ist, um seine Verlobte abzuholen, fühlt sich dementsprechend überfordert. Die Stadt ist schroff und unpersönlich, die Menschen ebenso. Die Luden wollen mit dem Fall nichts zu tun haben und gehen wieder ihrer Arbeit nach. Noch schlimmer sind die alten Nachbarinnen von Vera: Sie schieben das Verbrechen einfach den spanischen Gastarbeitern in die Schuhe.

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Zunächst funktioniert In Frankfurt sind die Nächte heiß noch wie ein klassischer Krimi: Es gibt einen Mordfall, einen abgebrühten Kommissar (Konrad Georg), der ihn auflösen muss, und viele Verdächtige, von denen es keiner gewesen sein will. Olsen interessiert sich aber kaum für dieses bewährte Erzählmuster. Stattdessen lässt er seinen Film zunehmend aus dem Ruder laufen. Aufgepeitscht von Erwin Halletz’ Bläsern begeben wir uns auf ausgelassene Partys, auf denen sogar die Kamera aus dem Gleichgewicht gerät, beobachten schmierige Zuhälter, die sich comicartig den Main entlangprügeln, oder folgen der tollen Barbara Valentin, die einen Trupp vorlauter Huren anführt, um die „Baby-Nutten“ von der Konkurrenz plattzumachen. Olsen versammelt all die sozialen Randfiguren, für die im Spukschloss kein Zimmer mehr frei war. Und das Befreiende für sie ist: Sie müssen sich dabei weder an die Regeln des Anstands halten noch um die Sympathie des Publikums buhlen.

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Olsen zeigt sehr anschaulich, wie man den Marktforderungen entsprechen, aber trotzdem noch eigensinnig und unberechenbar bleiben kann. Das Radikale an In Frankfurt sind die Nächte heiß ist, dass die Unterwelt-Gestalten den Film zunehmend an sich reißen. Auf die üblichen Figuren, die als moralischer Kompass dienen, ist hier kein Verlass mehr. Der überforderte Peter wird nach einem Kirchenbesuch vom Moloch verschluckt und erst am Ende wieder ausgespuckt. Und der Kommissar hat den Glauben an die Menschheit sowieso schon aufgegeben. Am Ende lösen die Kleinkriminellen den Fall selbst.

Harte Schatten an der Wand

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In Frankfurt sind die Nächte heiß hat einen ausgeprägten Sinn fürs Grobe. Die Beleuchtung besteht überwiegend aus einem grellen Scheinwerfer, der auf die Schauspieler gerichtet wird und harte Schatten an die Wand wirft. Und auch am derben Auftreten seiner Figuren und der rauen Sprache der Straße (oder zumindest was man im bundesdeutschen Exploitationkino dafür hielt) hat Olsen eine spürbare Freude. Die Dialoge sind schlichtweg großartig. Ständig feuern sich Zuhälter und Huren gegenseitig mit kultivierten Beleidigungen an und verwenden dabei Wörter wie „Pflasterziegen“, „Abkocher“ oder „Couch-Akrobatik“. Und Walter Kohut verleiht dem Ganzen als komplett charmebefreiter Strizzi eine ordentliche Portion Wiener Schmier.

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Noch eins sollte man dem Film anrechnen: Oft wird hervorgehoben, dass es im Neuen Deutschen Film die interessanteren oder zumindest emanzipierteren Frauenfiguren gibt. Nun braucht man Olsen im Nachhinein nicht zum Kämpfer der Unterdrückten zu stilisieren, aber eines sind seine weiblichen Figuren in jedem Fall: den Männern ebenbürtig. Vera ist so selbstbestimmt, wie es eine Hure nur sein kann. Einem verdutzten Arzt, der gerade von ihrem Beruf erfahren hat, schleudert sie entgegen: „Ich sorge für mich selbst. Das Leben ist hart, und ich will es genießen. Aber nicht als abgehärmtes Luder in irgendeiner Fabrik oder nem verstunkenen Laden“. Ohne Prostitution romantisch zu verklären, nimmt sie In Frankfurt sind die Nächte heiß als alternativen Karriereweg wahr. So wie es bei Männern das Gangster- oder Zuhälterdasein sein kann, bietet hier für unterprivilegierte Frauen das Anschaffen eine Möglichkeit, dem Traum vom Luxus ein bisschen näher zu kommen.

Trailer zu „In Frankfurt sind die Nächte heiß“


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